Hundert Augen

Samanta Schweblin

Aus dem argentinischen Spanisch von Marianne Gareis

Suhrkamp, August 2020

252 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Mit ihrem aktuellen Buch „Hundert Augen“ entführt uns die argentinische Autorin Samanta Schweblin in eine Welt, die unserer so nah und doch ein Stück weit entfernt ist. Wofür man nur dankbar sein kann.

Die Hauptrolle in ihrem Roman spielen Kentukis, das sind Kuscheltiere, die ganz verschiedenartig aussehen können, beispielsweise Maulwurf, Kaninchen, Krähe oder Eule. Die Besonderheit bei diesen Kuscheltieren ist, dass die Augen mit integrierten Kameras ausgestattet sind und der Besitzer eines beliebigen Kentukis mit einem sogenannten „Herrscher“ verbunden ist, der mit dem Kauf einer SIM-Karte und einem speziellen Code die Verbindung zu einem beliebigen Kentuki herstellt. Damit ist er mitten im Leben des Kentuki-Besitzers, der zwar Rahmenbedingungen aufstellen kann, an welchem Platz das Kuscheltier sein Ladegerät findet und eingrenzen kann, in welchen Lebens- und Wohnbereichen das Kentuki-Wesen mit seinen Rädern sich bewegen darf, doch es ist ja gerade gewollt, dass die beobachtende Verbindung auf der anderen Seite möglichst viel vom Leben des Tier-Besitzers mitbekommt. Die Verbindung zwischen Kentuki und Beobachter geschieht willkürlich und ist global vernetzt. Eine Interaktion bzw. Kommunikation zwischen Kentuki-Besitzer und Beobachter ist nicht mit Sprache, aber mit Geräuschen des jeweiligen Tieres, wie Kreischen, Schnurren, Quieken möglich.

In verschiedenen, sich abwechselnden und fortsetzenden Kapiteln, die jedoch immer nur einen kurzen Einblick in den gerade beschriebenen Kosmos geben, fächert Samata Schweblin ganz verschiedene Lebensräume über den Erdenball verteilt und verschiedene Charaktere auf, die entweder Kentuki-Besitzer oder Kamera-Beobachter sind und damit gezwungenermaßen, aber einvernehmlich, eine bizarre Verbindung eingehen. Diese Verbindungen gehen auch über Grenzen, über die im „echten“ Leben die Menschen wahrscheinlich nicht gehen würden. Das verursachte mir beim Lesen ein beängstigendes Gefühl. Die Autorin erzählt in einer klaren, nüchternen Sprache (übersetzt von Marianne Gareis), die mich beim Lesen distanziert gelassen und dennoch fasziniert hat, von den verschiedenen Verbindungen, die schräg und erschreckend sind. Sie zeigen einen beklemmenden Voyeurismus und eine unheimliche Selbstverständlichkeit, wie Menschen, unabhängig sozialer Schichten und jeden Alters, einen völlig Unbekannten in intimste Bereiche ihres Lebens Anteil haben lassen, nur weil sie plötzlich ein Spielzeug in Form eines niedlichen Kuscheltiers an ihrer Seite haben.

Wie einsam muss man sein, dabei zu vergessen, dass man mit einem Kentuki ein nicht wirklich steuerbares Eindringen in sein Leben zulässt und damit eine vermeintliche Nähe zu spüren glaubt? Leider ist diese Einsamkeit, das scheinbar langweilige und trostlose Leben mit einem voyeuristischen Eindringen durch einen völligen Unbekannten in Gestalt eines Kentukis interessanter zu machen, in der sozial abgekappten Corona-Zeit durchaus vorstellbar. Denn dieses Wesen mit dem beobachtenden „Herrscher“ auf der anderen Seite hilft offenbar seinem Besitzer, sich selbst und seinem Leben auf groteske Weise bewusster zu werden. Dabei gibt es durchaus die Überlegung und die daraus resultierende Entscheidung der Menschen, die lieber einen Kentuki „haben“ möchten, als das verbindende Auge auf der anderen Seite zu „sein“. Anziehungskraft und Abscheu vor den verschiedenen Szenarien fesseln beim Lesen, dabei ist das Buch nicht wirklich eine Dystopie. Dafür ist die Vorstellung solcher Möglichkeiten zu nah, neben den bekannten Social Media-Alternativen. Dankbar war ich beim Lesen allerdings darüber, dass so manches, was man bei diesen Szenarien liest, Datenschutzrechtlich (heute noch) verboten ist und hoffentlich auch bleibt.

Samanta Schweblin beschreibt eine fesselnde und aktuelle Variante von George Orwell`s „Big Brother is watching you“, ohne den moralischen Finger zu heben. Das beklemmende Gefühl, das mich während des Lesens begleitete, hallte mit nachdenklichen Eindrücken nach, als ich es aus der Hand legte.

Das Cover mit dem Kuschel-Pandabären und den markanten Augen passt sehr gut.

Sabine Wagner

 

 

 

 

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