Die Wonnen der Gewöhnlichkeit

Nick Burd

Aus dem Englischen von Wolfram Ströle

dtv premium, Juni 2011

360 Seiten, € 12,90

ab 14 Jahre

 

 

Inhalt:

Dade hat gerade die Highschool abgeschlossen und ein Studium auf dem Fairmont College in Michigan wartet auf ihn. Eigentlich weiß er außer englischer Literatur gar nicht so richtig, was er studieren soll. Überhaupt fühlt sich Dade ziemlich zerrissen, denn er ist homosexuell und hat große Angst vor seinem Coming out. Mit seinem Freund Pablo trifft er sich nur heimlich, da dieser offiziell eine Freundin an seiner Seite hat und sich öffentlich nicht zu seiner Neigung bekennen will. Dades Eltern kämpfen mit ihren eigenen Problemen, wollen sich trennen und nehmen sich nur wenig Zeit für Dades Probleme. In diesem letzten freien Sommer vor dem College lernt Dade Lucy kennen, eine junge, freche und unkonventionelle Nachbarin, die ihn und seine Homosexualität versteht. Als er Alex kennenlernt und sich in ihn verliebt, macht sie ihm Mut, seine Gefühle für ihn offen zu bekennen. In diesem aufregenden Sommer erlebt Dade berauschende, ernüchternde und ehrliche Gefühle. Er lernt, ehrlich zu sich selbst und anderen zu sein und erkennt, wer er selber ist.

Rezension:

Mit seinem ersten Roman ist Nick Burd in vielerlei Hinsicht ein beachtliches und vielschichtiges Debüt gelungen. In einer ruhigen, unaufgeregten und dennoch sehr intensiven Sprache erzählt Dade als Ich-Erzähler von seiner Familie, die nach außen hin eine heile Welt vorgaukelt, während hinter der Fassade alles auseinanderbricht. Die ersten Jahre verbrachte die Familie auf einer einsamen Farm auf dem Land. Als Dades Vater dieses Leben zu langweilig wird, ziehen sie in ein großes Wohlstandshaus in einer modernen Wohnsiedlung. Während für den Vater dieser Umzug eine weitere Stufe des Erwachsenseins und konservativen Wohlstands bedeutet, ist die Mutter hier völlig unglücklich und vermisst sehr die unkonventionelle Freiheit des Landlebens. Bei ihren Lehrerkollegen gilt sie als exotischer Hippie, der Vater erklimmt die bürgerliche Karriereleiter als Inhaber eines Luxusautohauses. Die Eheleute entfernen sich immer mehr voneinander, was sie zunächst nicht wahrhaben wollen, geschweige denn die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Der Vater bricht eines Tages aus, in dem er ein Verhältnis beginnt, während die Mutter sich mit Tabletten, Alkohol und einer psychiatrischen Therapie Unterstützung sucht. In dieser familiären Atmosphäre, die ist es für Dade unmöglich, offen zu seiner Homosexualität zu stehen. Er fühlt sich einsam, zerrissen und hat außer der Beziehung zu Pablo, die sich auf schnellen Austausch von Sex beschränkt, keinen Freund. Pablo steht nicht zu seiner Homosexualität und hat offiziell eine Freundin an seiner Seite. Dade kann sich dies nur schwer eingestehen. Erst als er das Nachbarmädchen Lucy kennenlernt, lernt er mit ihrer schlagfertigen, ehrlichen und charmanten Unterstützung, zu sich selbst zu finden. Durch sie findet er auch den Mut, seine Liebe zu Alex auch den Eltern gegenüber einzugestehen. Unaufgeregt aber geradlinig direkt beschreibt Nick Burd die einzelnen Charaktere, erzählt von den Schmerzen unerfüllter, unerwiderter Liebe. Er beschönigt nichts und legt akzentuiert den Finger genau in die Wunde der Unsicherheit und Zerrissenheit der Eltern und von Dade. Dieser Roman lebt nicht von Klischees, sondern von einer weisen Lebenserfahrung eines jungen Menschen, die erstaunt und dennoch niemals überheblich ist. Sensibel und mit Witz porträtiert der Autor schnörkellos eine Familie, das verwirrte und tiefsinnige Gefühlsleben seines Protagonisten Dade und die große Angst seines „coming outs.“ Mit Hilfe von Lucy entwickelt sich Dade im Laufe der Geschichte zu einer Persönlichkeit, die zu sich stehen kann und gelernt hat, dass nur ein offenes Bekennen seiner Neigung die Voraussetzung für ein freies und glückliches Leben ist. Man hat beim Lesen das Gefühl, dass der Autor hier ein explosives und intensives Ventil gefunden hat, vielleicht eigene Erfahrungen in eine berührende Geschichte zu verpacken, was ihm zweifellos grandios gelungen ist. Nach diesem hervorragenden Debüt darf man auf weitere Werke von Nick Burd sehr gespannt sein.

Dass diese Sprache so frisch und unverbraucht ankommt, ist auch der stimmig perfekten Übersetzung von Wolfram Ströle zu verdanken.

Ein Wort noch zum Cover: Es fällt auf, ist ein Hingucker – allerdings ohne jeden Bezug zum Buch. Das, was beide verbindet, ist ihre Außergewöhnlichkeit – auch wenn die Wonnen, laut Titel, eher bei der Gewöhnlichkeit liegen. 😉

Sabine Hoß

Bewertung:

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