Der Glücksfinder

Edward van de Vendel

Anoush Elman

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Carlsen, Juli 2011

464 Seiten, € 14,90

ab 14 Jahre

 

Inhalt:

Mit acht Jahren zieht Hamayun mit seiner Familie nach Kabul in ein schönes, großes Haus, aus dem sie nie mehr fortgehen wollen, so der Wunsch der Mutter. Hier lebt Hamayun gerne, geht in die Schule, verbringt seine Freizeit mit seinem besten Freund und hier hat sein Vater eine Arbeitsstelle. Doch nach der Machtübernahme der Taliban muss die Familie schon bald nicht nur das Haus verlassen, sondern auch in einer Nacht- und Nebelaktion aus ihrem Heimatland flüchten. Hamayuns älterer Bruder Bashir hat schon vor einiger Zeit mit seinem Cousin Afghanistan verlassen. Da zum Zeitpunkt der Flucht der jüngste Bruder, das Baby Qasim aus Sicherheitsgründen bei einer Oma untergebracht ist, kann nicht die komplette Familie aus dem Land fortgehen. Es beginnt eine unglaublich lange, anstrengende Flucht, die von Menschenschleppern, sogenannten Knochenträgern, nicht wirklich mit Plan organisiert ist. Die Flüchtenden werden von einem Punkt zum nächsten durch Europa weitergereicht, bis sie endlich irgendwo ankommen: In den Niederlanden. Der Vater ist erleichtert: „Die Niederlande sind ein freundliches Land. Hier darf man denken und sagen, was man will. Wir müssen sehr zufrieden sein.“ Doch es ist noch lange nicht sicher, ob Hamayun und seine Familie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Viel Bürokratie, warten, hoffen, aushalten und die ständige Angst vor einer umgehenden Abschiebung prägt die erste Zeit in der erhofften Freiheit.

Rezension:

Fast täglich sehen wir Berichte im Fernsehen, die über Kriegs- und Krisengebiete berichten. Damit verbunden sind die Begriffe der Flucht und (politischen) Flüchtlinge. Was sich hinter diesen nackten Worten tatsächlich verbirgt, zeigen die persönlichen Erfahrungen von Anoush Elman, auf denen dieser Roman beruht. Die abstrakten Begriffe Flucht und Flüchtling bekommen durch Hamayun ein individuelles und persönliches Gesicht. Hamayn erzählt klar und doch berührend, was es heißt, von heute auf morgen ohne Abschied von Freunden, einen Teil der engsten Familie dazulassen und nach monatelanger, ungeplanter Flucht in irgendeinem, unbekanntem Land angespült zu werden. Aber die erhoffte Freiheit ist noch lange nicht greifbar, denn die Familie wird von einer staatlichen Institution zur nächsten gereicht. Die Flut unüberschaubarer Bürokratie mit unterschiedlichen Anträgen, Dokumenten, Ablehnungen, Widerrufen und weiterreichenden Instanzen lähmen und zermürben die Familie in der ständigen Angst der sofortigen Abschiebung. Nur Hamayun ist positiv eingestellt und gibt trotz vieler Niederschläge die Hoffnung auf ein Bleiberecht nicht auf. Der Roman ist keine Anklage gegen ein prüfendes Rechtssystem. Er vermittelt vielmehr einen Einblick in ein Einzelschicksal und zeigt, dass Flüchtlinge durchaus dankbar sind, in einem freien Land aufgenommen zu werden. Allerdings scheint man auf der anderen, besseren Seite doch allzu schnell zu vergessen, dass hinter aller Bürokratie von Anträgen menschliche Schicksale stehen. Menschen, die zwar aus einem fernen Land, einer anderen Kultur kommen, dennoch ein normales geregeltes Leben mit Schule, Beruf, Freude, Familie und Alltag hatten und dies alles wegen politischer Diktatur und Verfolgunghinter sich lassen mussten. Ohne große Provokation und unaufgeregt, trotzdem gezielt beobachtet, rollt Hamayun die Jahre der Flucht und seine persönliche Entwicklung während dieser Zeit rückblickend auf. Für ihn geht die Geschichte gut aus, ausgleichend wird am Ende aber auch ein alternatives Ende geschildert. Ein anderer wie ebenso ehrlicher Abschluss.

Die ausgefallene Covergestaltung und das Titelbild sind stimmig zur Geschichte wie die einfühlsame Übersetzung von Rolf Erdorf.

Sabine Hoß

Bewertung:

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