Zwei, drei blaue Augen

Victor Schefé

dtv, ET 16.10.2025

472 Seiten, € 24,00

 

 

 

 

Victor Schefé wurde 1967 in Rostock geboren und ist 1986 mit 19 Jahren in die BRD ausgereist. Mit dem autofiktionalen Roman „Zwei, drei blaue Augen“ legt der facettenreiche und experimentierfreudige Schauspieler sein Debüt als Autor vor, das mit einem ungewöhnlichen Aufbau und einer kreativen Sprache eine besondere Lebensgeschichte zwischen der DDR und West-Berlin erzählt.Mit einem Berg voller Stasi-Akten, in denen das Leben von Tassilo perfide als „OPK“ = Operative Personenkontrolle und unter dem Decknamen „Spektakel“ festgehalten ist, sowie mit vielen Briefen zwischen für ihn damals wichtigen Menschen, rollt Victor Schefé seine Kindheit und Jugend bis in die erste Zeit in West-Berlin als Schauspieler und Besitzer der Szene-Bar „Hafen“ auf.

Seine Mutter war eine linientreue Genossin der DDR und arbeitete als Journalistin beim Rundfunk. Seinen Vater hat Tassilo nie kennengelernt, die Oma mütterlicherseits lebte in Schwerin. Schon im Kindergarten stellte Tassilo Fragen, die den Erzieherinnen unbequem waren und die in der weiteren Schulzeit dem DDR-Regime gegenüber immer kritischer und aufmüpfiger wurden. Die überschaubaren Entwicklungs- und Reisemöglichkeiten, der starre kontrollierte Rahmen der DDR engen den nach grenzenloser Freiheit gierigen Tassilo immer mehr ein, so dass es für ihn schon als Teenager klar ist, dass er mit allen Konsequenzen seine Heimat Rostock und die DDR verlassen will. Als dekadent fällt er den Genossen der VolksSicherheitsStaatsPolizei auf, weil er für sie mit einer gelb gefärbten Malerhose und einem schwarz gebatikten Fleischerhemd aus der VEB Berufskleidung eine nach ihrer Vorstellung unpassende Kleidung trägt. Schon früh weiß Tassilo, dass er homosexuell ist und verliebt sich mit großer Leidenschaft gerne und oft. Als seine große Liebe Mikis aus Zypern in seine Heimat zurück muss, fällt Tassilo in einen so heftigen Liebeskummer, das er mit 16 Jahren an einer Depression erkrankt und an Suizid denkt. Er wird in einer Psychiatrie mit Tabletten vollgepumpt, erhält aber keine wirklich psychologisch aufbauende Therapie. Seine Mutter verrät ihn schon früh an die Stasi, was Tassilo zunächst nicht auffällt. Als es aber zu einem langen Verhör kommt, in denen er mit Informationen konfrontiert wird, die die Stasi nur von der Mutter wissen kann, muss er sich mit dieser furchtbaren Tatsache auseinandersetzen, was das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn einander nicht näherbringt. Neben einigen wenigen engen, verlässlichen Freunden/Freundinnen ist Musik für Tassilo sein fester Halt in allen Krisen. Er entdeckt Sänger*innen und Gruppen aus Ost und West und die Liebe zur Musik von Tina Turner lässt ihn mit Textübersetzungen Englisch lernen.

Der Aufbau des Romans ist unkonventionell, mal lässt Viktor Schefé seinen Tassilo sprunghaft als Kind und dann als heranwachsender Jugendlicher, aber stets in jeweils eigenem überzeugendem Sprachtonus erinnern. Ergänzt werden diese unterschiedlichen Perspektiven mit originalen Abschriften von Verhören der Stasi und dem Informationsaustausch zwischen seiner Mutter und der Stasi, sowie unendlich vielen Songtexten, Playlists und Listen gelesener Bücher von Künstler*innen und Schriftsteller*innen aus dem globalen Westen. Das ist einerseits ganz klar die Stärke des Buches, ab der Mitte entwickelt sich aber leider für mich daraus eine deutliche Länge. Zu klein- bis kleinstteilig werden hier Briefe und Erinnerungen ausgewälzt, zu viele Songs und Texte sind es irgendwann, zum Teil zu viele Sexbekanntschaften, die sicher für den Autor persönlich wichtig waren, für mich als Leserin aber keine erkennbare tiefere Bedeutung haben und den bisher gelungenen Spannungsaufbau lahmlegen. Das ist schade, denn über viele Seiten gerät die eigentliche kreative Struktur somit zäh, was mich zum Querlesen vieler Seiten gebracht hat. Hier hätte ich mir vom Lektorat eine Straffung gewünscht, ohne dass es dem eigenen Stil des Romans einen Abbruch gebracht hätte. Im letzten Drittel hat mich Tassilo, in der BRD angekommen und den neuen Lebensabschnitt mit dem neuen Vornamen Victor klar von der DDR abgetrennt, wieder gepackt. Gerade saugt Victor wie ein Schwamm alles neue in und um West-Berlin auf, findet eine Stelle als Schauspieler, wird er mit einer heftigen Krebserkrankung konfrontiert, der er sich mit einer unbändigen energiegeladenen Lebens-und Liebeslust stellt und noch während der Chemo-Therapie wieder am Theater spielt.

Wie Victor Schefé bin ich Jahrgang 1967 und habe durch die unkonventionelle Lebensgeschichte des experimentierfreudigen, progressiven Mannes und Künstlers, der für seine persönliche Freiheit seine Heimat mit Familie und Freunden/Freundinnen mit allen Konsequenzen verlassen hat, ein wichtiges Stück Zeitgeschichte zwischen der DDR und „dem Westen“ neu erlebt.

Am Ende des Buches sind die Abkürzungen der Aktenvermerke zum besseren Verständnis erklärt. Neben zitierten Textnachweisen gibt es viele Seiten Liedtextnachweise von für den Autor bedeutenden Sänger*innen, Gruppen und Alben, die man auch z.B. auf Spotify in einem laaaangen Soundtrack unter dem gleichnamigen Titel des Buches nachhören kann. Dieser Soundtrack von 9 Stunden und 3 Minuten (!) zeigt schon, wie viel Musik in dem Buch zu lesen ist. „Less would have been more…“

Das Cover mit einem unscheinbar wirkenden Kinderfoto des Autors gefällt, hervorhebend auf der Innenseite des Buchdeckels die kindlichen Schreibversuche eines Grundschülers in schöner Schreibschrift in einer wieder entdeckten Lineatur von damals… 😉

Ein Lesezeichen mit dem Konterfei des Autors und der doch überheblichen Werbung „Aus diesem Leben konnte nur ein Roman werden, aber ein Roman wie kein zweiter“  ist dem Buch beigelegt.

Sabine Wagner

Idee, Aufbau

Umsetzung wegen Längen

 

 

 

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