
Nefeli Kavouras
Kiepenheuer & Witsch, ET 12.02.2026
240 Seiten, € 23,00
Georg liegt im Sterben. Vor acht Jahren hatte er seinen ersten Schlaganfall, gefolgt von zahlreichen anderen Erkrankungen mit vielen Krankenhausaufenthalten, die ihn immer mehr in einen Kampf zwischen Leben und Tod gebracht haben. Es ist daher ein sogenannter multimorbider Sterbeprozess, den Georgs Ehefrau Ruth und seine 16-jährige Tochter Lea seit Jahren mit Höhen und Tiefen begleiten und ihn nun aus dem Krankenhaus nach Hause geholt haben, da ein Hospiz für Ruth nicht in Frage kommt.
Nefeli Kavouras lässt ihre Figuren Ruth und Lea abwechselnd aus der jeweiligen Perspektive erzählen, was die beiden unterschiedlichen Charaktere mit ihren Gedanken mich beim Lesen sehr nahe gebracht haben. So unterschiedlich Mutter und Tochter in ihren Lebensabschnitten sind, so verschieden sind auch ihre Gefühle und Perspektiven über den Tod und die jahrelang andauernde Pflege und Sterbebegleitung von Georg. Jede von den beiden schaut anders auf die Zeit mit Eheman und Vater, als Georg noch gesund war, wie auf die Gegenwart.
Lea versucht sich daran zu erinnern, wie die Zeit ihrer Kindheit mit einem gesunden Vater war, der zwar streng, aber immer liebevoll und zugewandt zu ihr war. Sie kämpft mit der Tatsache, dass sie mit einer größeren Distanz als ihre Mutter den Sterbeprozess ihres Vaters erlebt, denn als 16-jährige möchte sie unbeschwert ihre Jugend genießen, sich verlieben ohne schlechtes Gewissen ihrer Mutter gegenüber. Die Beziehung zu ihrer Mutter Ruth ist ohnehin sehr angespannt, einerseits der natürlichen pubertierenden Rebellion geschuldet, andererseits war die Mutter-Tochter-Beziehung schon von ihrer Kindheit an nicht leicht, denn sie war nur von ihrem Vater ein Wunschkind.
Für Ruth ist der Sterbeprozess ihres Mannes ebenfalls ambivalent. Sie ist wütend auf Lea, die versucht, ihre Jugend auszuleben, während ihr persönlicher Radius immer kleiner wird und sich viele ehemalige, sogenannten Freundschaften durch die intensive alleinige Pflege von Gregor aufgelöst haben.
Die Autorin Nefeli Kavouras setzt einen intensiven, dichten Blickwinkel auf diese beiden Frauen, deren Gefühle und Gedanken sie unbefangen und offen freien Lauf lässt, dabei sind die Widersprüchlichkeiten der beiden vollkommen schlüssig und nachvollziehbar. Ganz behutsam lässt die Autorin Mutter und Tochter sich einander nähern, was mit einem brillanten, fast kafkaesten Kniff in der Mitte des Romans gelingt, in dem Georg sich verwandelt. Worin und was dann geschieht, verrate ich nicht, denn es würde der Geschichte zu viel vorwegnehmen. Es gelingt Ruth und Lea aber dadurch, die Art und Weise des Abschieds des anderen zu akzeptieren und sich gegenseitig Trost zu geben, was vorher kaum möglich war. Vielleicht wird später einmal die früher nur von Georg gekochte spezielle Auberginentomatensoße eine liebevolle Erinnerung an ihn sein und eine bleibende Verbindung zwischen Tochter und Mutter werden.
Der ungewöhnliche Titel „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ erschließt sich innerhalb der Geschichte in einer atmosphärisch menschlichen, klaren und erfrischend neuen Erzählweise, der auch Humor nicht fehlt.
Das Buch über eine ambivalente Mutter-Tochter-Beziehung und das belastete Thema des begleitenden Sterbens eines nahen Angehörigen ist der erste Roman der jungen Autorin Nefeli Kavouras, wobei das Manuskript 2023 mit dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus engagiert die junge Autorin, Jahrgang 1996, mit vielen Projekten rund um die Literatur, so leitet sie mit Anselm Neft den Literaturpodcast „laxbrunch“, moderiert und organisiert regelmäßig Lesungen und kuratiert das Literaturprogramm des Stadtteilfestes „altonale“.
Eine großartiges Debüt einer talentierten jungen Schriftstellerin, die ich im Auge halten werde.
Ein stimmiges, klares Cover rundet den überzeugenden Roman harmonisch ab.
Sabine Wagner
