Oberammergau

Robert Löhr

Piper Verlag, ET 27.02.2026

480 Seiten, € 26,00

 

 

 

 

Oberammergau im 17. Jahrhundert. Nachdem ein Knecht namens Kaspar Schisler die Pest ins Dorf gebracht hatte und viele Menschen daran starben, haben die Überlebenden sich das Gelübde auferlegt, sofern es keine weiteren Pestopfer gibt, alle zehn Jahre die Geschichte vom Leben und Leid Jesus mit Darsteller*innen aus dem Dorf aufzuführen. Da es glücklicherweise keine weiteren Pestopfer mehr gab, fand die Uraufführung der Passion zum Pfingstfest 1634 statt. Viel mehr gibt es an historischen Belegen bis heute nicht zu der Geschichte der Passionsspiele in Oberammergau. Der Schriftsteller, Drehbuchautor, Verfasser von Theaterstücken und Musicals Robert Löhr hat daraus einen fulminanten Roman gemacht, der eine fiktive Geschichte über die Entstehung der ersten Passionsspiele erzählt, die sich so ähnlich zugetragen haben könnte.

Eine der Hauptfiguren in dem Roman ist Pfarrer Johannes Gabler, der eigentlich das Passionsspiel aufschreiben soll. Weil er aber durch seine allgemeine Unerfahrenheit und Unbeholfenheit nur kantige Sätze aufs Papier bringt und an seiner Aufgabe scheitert, übernimmt diese Arbeit ausgerechnet der Schwede und Protestant Ingmar, der als Kriegsgefangener und Totengräber im Dorf leben muss. Eine andere wichtige Protagonistin und Gablers Widersacherin ist Agnes Lang, die mit allen Mitteln versucht, die Aufführung der Passion zu verhindern. Sie vertritt ihren Mann Adam als Dorfvorsteherin im Rat der Sechs, da Adam seit geraumer Zeit ohne Bewusstsein ans Bett gefesselt ist. Dabei ist ihr zur Erhaltung dieser Position alles, sogar die Unterstützung von einem „stärkenden Medikament“ in Giftform und roher Gewalt durch ihre eigenen Händen recht. Auch der Abt aus dem nahegelegen Kloster Ettal ist gegen die Aufführung des Passionsspiels auf der Bühne.

In dem komplexen Buch wird innerhalb der Dorfgemeinschaft, die aus verschiedenen Gründen mit inneren und äußeren Widerständen um die Passionsspiele ringen, viel gemordert und gemeuchelt, aufs unglaublichste intrigiert und hintergegangen, garniert mit Sex. So ist es nicht verwunderlich, dass der Grat zwischen christlichen Glaube, der Unglaubliches möglich macht und Bigotterie und Heuchelei bei der Besetzung der dörflichen Persönlichkeiten schmal und wackelig ist. Obwohl die Bewohner der Dorfgemeinschaft so zahlreich sind, dass ihnen ein eigenes Personenverzeichnis am Ende des Buches gehört, hat der Autor federleicht die Hauptcharaktere bis zu vermeintlichen Randfiguren, wie der Junge Quirin aus Unterammgergau, sorgfältig und mit Tiefe ausgearbeitet. Sympathien und Antipathien zu einzelnen Figuren, wie beispielsweise zu Agnes Lang, scheinen schnell klar und offensichtlich, doch gerade bei dieser Figur gelingt es dem Schriftsteller zum Ende des Romans in seiner Erzählung einen großartigen Kniff, der diese Frau und ihr Handeln noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten lässt. Robert Löhr schreibt bildgewaltig und erbarmungslos von Mord und Totschlag, bei dem ich manchmal Luft holen musste und mich gefragt habe, ob sich damals all diese Dramatik in dieser Fülle so zugetragen hat oder dem Autor hier manchmal die handfeste Phantasie durchgegangen ist. Wie auch immer, seine Erzählung hat mich immer wieder ans Buch zurückgeholt, neugierig darauf zu erleben, wie es weitergeht. Zu der fiktionialen Geschichte ist der historische Rahmen des Dreißigjährigen Krieges gründlich recherchiert und die verschiedenen Handlungsstränge kommen am Ende perfekt zusammen.

Ein sprach- wie bildgewaltiger, nicht unbedingt für zart besaitete Leser*innen, aber von der ersten bis zur letzten Seite fesselnder „Pageturner“ über die möglichen Hintergründe der Entstehung der Passionsspiele.

Man kann nur hoffen, dass 1634 die erste Aufführung der Passionsspiele nicht wirklich von so viel Gewalt und Niedertracht begleitet wurde. Vorstellbar bleibt allerdings die Tatsache, dass es wahrscheinlich bis heute viele unterschiedliche Meinungen und kontroverse Diskussionen innerhalb Oberammergaus um die Bühnenaufführung mit den dörflichen Darsteller*innen gibt. Von daher ist Robert Löhr eine spannende und aktuelle Story über Glaube und Passion mit all seinen Verwerfungen gelungen.

Das Cover mit seinem beeindruckenden Bergmassiv, den kleinen Dorfhütten und dem in leuchtenden Pink hervorgehobenen Titel passt perfekt zur Handlung.

Sabine Wagner

 

 

 

 

 

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