
Miriam Georg
Fischer Verlag, ET 27.08.2025
512 Seiten, € 24,00
Die in Berlin lebende Miriam Georg ist vor allem durch ihre in Hamburg spielenden historischen Sagas wie „Elbleuchten“, „Das Tor zur Welt“ oder „Im Nordwind“ bekannt geworden, die alle Bestseller wurden. Ihr neuer Roman „Die Verlorene“ wurde durch ihre eigene Familiengeschichte und persönlicher Recherchereise inspiriert.
Als die 93-jährige Änne kurz nach dem Erhalt eines Gemäldes so schwer stürzt, dass sie später im Krankenhaus verstirbt, bleiben ihre Tochter Ellen (75 Jahre) und die Enkelin Laura (37 Jahre) nicht nur mit diesem rätselhaften Bild zurück, sondern auch mit vielen Fragen, die damit verbunden sind und nun offenbleiben. Als Laura neben diesem Bild weitere mysteriöse Fotos und Briefe findet, zu der auch ihre Mutter nichts sagen kann, zweifelt sie daran, ihre Großmutter jemals richtig gekannt zu haben. Da ihre Mutter Ellen immer ein angespanntes und distanziertes Verhältnis zu Änne hatte, macht sie sich zunächst alleine auf die lange Reise von Frankfurt nach Schlesien, um dort Antworten zu finden. Antworten auf Fragen und über Unausgesprochenes von Änne und zwischen Änne und Ellen, die aber letztlich auch sie als Enkelin heute beschäftigen. Obwohl sich Änne, Ellen und Laura im Grunde nahe und füreinander da waren bzw. sind, fällt es allen drei schwer, dies dem anderen wirklich zu zu zeigen, denn es bleibt immer eine nicht erklärbare Unnahbarkeit.
Der Roman spielt in der Gegenwart 2019, in der Laura und Ellen die Hauptrolle spielen und in Schlesien zwischen 1941 bzw. 1943 bis 1947 auf dem Gut der Familie Thomke mit den Zwillingstöchtern Änne und Luise. Die beiden Zwillinge sind von ihrem Wesen völlig unterschiedlich; Luise ist eine offene, temperamentvolle und lebensbejahende junge Frau, während Änne introvertiert, unnahbar und künstlerisch begabt ist. Im Gegensatz zu Luise hat Änne keine gute Beziehung zum gemeinsamen älteren Bruder Erich, was aus einem länger zurückliegenden Vorfall mit schlimmen Folgen herrührt, dessen Ursache Erich Änne zur Last legt. Zwischen Änne und Luise besteht eine sehr innige Beziehung, die aber auch bei Änne mit Neid behaftet ist. Als der Krieg das Leben der Familie auf dem Gut überschattet und das Leben drastisch verändert, gerät nicht nur Ännes Leben in Gefahr, sondern auch das Beziehungsgeflecht der ganzen Familie.
Im gelungenen Spannungsbogen zwischen zwei Zeitebenen und drei Generationen dominiert erzählerisch die Vergangenheit in Schlesien. Die einzelnen Personen hier sind von Miriam Georg mit einer sorgfältigen Tiefe ausgearbeitet und die angespannten familiären Beziehungen sind schlüssig mit einer dunklen Atmosphäre verbunden. Auch Schlesiens Landschaft um das Gut der Familie Thomke beschreibt die Autorin lebendig. Die Beziehung zwischen Laura und Ellen in der Gegenwart bleiben dagegen bis zum Schluss leider konturlos und blass, wie auch die die beiden Frauen für sich selbst. Lauras Aufklärung auf ihrer Recherchereise in Schlesien erfüllt sich dank zu vieler glücklicher Zufälle am Schluss doch recht zügig, über die ich aber letztlich hinweggelesen habe, auch wenn dies für mich auf ein gewolltes Wohlfühlgefühl am Ende ausgelegt scheint.
Der rote Faden in dieser komplexen, faszinierenden Familiengeschichte sind in beiden Zeitperspektiven die Themen Verlust, die Suche nach Zugehörigkeit verbunden mit der Frage, inwieweit wir wirklich unsere Familie und Vorfahren kennen. Aber auch, wie bewusst oder auch unbewusst transgenerationalen Traumata weitergegeben werden und deren Aufarbeitung eine Herausforderung für jede Generation bleibt.
Eine spannende, komplexe Familiengeschichte über drei Generationen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die trotz kleiner Schwächen ein großer Lesegenuss ist.
Das Cover ist nett und breit übertragbar, ich hätte mir für diese Geschichte ein thematisch treffenders gewünscht.
Sabine Wagner
