
Hanns-Josef Ortheil
Luchterhand, ET 10.09.2025
320 Seiten, € 24,00
Mit „Schwebebahnen“ setzt Hanns-Josef Ortheil seinen Rückblick auf seine Kindheit Ende der 50er Jahre fort, von der er bereits in seinem beeindruckenden autobiographischen Roman „Die Erfindung des Lebens“ (2009) erzählt hat.
In seinem neuen Roman erzählt der Autor aber nicht rein autobiographisch, aus der Ich-Perspektive, sondern wählt die Erzähler-Perspektive, die ihn aus einer Distanz, „von oben betrachtend“ erinnern lässt. Der sechsjährige Josef zieht mit seinen Eltern aus Köln nach Wuppertal, wo er in ein Haus zieht, in dem Eisenbahnerfamilien leben, da sein Vater Geodät bei der Eisenbahn ist. Bereits in Köln hat sich Josef schwer getan, mit Gleichaltrigen zusammen zu komme, wurde in der Schule stark gehänselt und musste diese abbrechen. In Wuppertal hoffen die Eltern, dass ihr Sohn einen besseren Schulstart hat und er Anschluss findet. Doch Josef bleibt ein introvertierter Einzelgänger, dessen Liebe und Leidenschaft das Klavierspiel und Aufschreiben von Texten ist.
Als er Rosa, genannt Mücke, die zwei Jahre ältere Tochter eines Gemüsehändlers von gegenüber kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden eine ganz besondere und tiefe Freundschaft. Mücke führt ihn behutsam aus seiner Introvertiertheit und ihre Familie lassen Josef wie einen Bruder an ihrem Familienleben teilnehmen. Da Mückes Mutter aus Sizilien stammt, lernt Josef nicht nur die italienische Küche kennen, sondern blickt zum ersten Mal über den Tellerrand seiner eigenen kleinen Familie hinaus. Obwohl Josef weiterhin viel Klavier übt, in einem gregorianischen Chor singt, sogar einen Musiklehrer für eigene Kompositionen erhält und in seiner eigenen, fantasiereichen und abgekapselten Spezialwelt lebt, gibt es in Wuppertal verschiedene Menschen, die ihn so sehen, annehmen und fördern, wie er ist, so dass er unterschiedliche Möglichkeiten in seinem Rahmen bekommt, am realen Leben teilzunehmen und diese auch annimmt. Während Josef zu Beginn des Buches voller Angst eine Schwebebahnfahrt antritt, entwickelt er sich am Ende zu einem Teenager, der sich seiner Besonderheiten, Introvertiertheit und Talente bewusst ist, dem es aber auch durch wertschätzende, liebevolle Menschen in seinem Umfeld gelungen ist, sich darüber hinaus zu entwickeln.
Es hängt eine melancholische Atmosphäre über diese Nachkriegszeit, der vergangene Krieg hat die Menschen geprägt und die Angst vor erneutem Krieg und Verlust ist deutlich spürbar. Dennoch strahlen die Figuren Hoffnung und einen zuversichtlichen Blick nach vorne aus.
Hanns-Josef Ortheil erzählt mit seiner ganz besonderen Stimme über (s)eine Kindheit, die Kindheit eines fantasiereichen, introvertierten und besonders begabten Jungen, der lange Zeit als Außenseiter und Einzelgänger gelebt hat, aber wie eine Schwebebahn langsam und ruckelnd mit seinen Talenten und Fähigkeiten dank zugewandter, unterstützender Menschen seinen Platz im Leben und in der Welt findet.
Das Cover ist wunderschön und stimmig.
Sabine Wagner
