
Lutz van Dijk
Querverlag, ET 02.03.2026
336 Seiten, € 20,00
Im ersten Teil seiner Biografie erzählt Lutz van Dijk von seinem Elternhaus, seiner Kindheit und Jugend. Mit 18 Jahren wagt er den großen Schritt mit 50 Dollar in der Tasche nach Amerika zu gehen. Hauptsache Abstand von zuhause und und neugierig darauf, was ihn auf der anderen Seite der Erde erwartet.
Hier endete der erste Teil und man hat sich als Leser*in gefragt, wie das Leben von Lutz van Dijk in Amerika und darüber hinaus weitergegangen ist. Genau diese Fragen hat er mit seiner gerade herausgekommenen Fortsetzung „Die weite Welt – New York bis Kapstadt“ nun beantwortet.
1974 in New York angekommen lernt Lutz van Dijk Bob kennen, der seine erste große Liebe wird. Bob ist mit dem Niederländer Gerard in Amsterdam verheiratet, leben aber in einer offenen Beziehung, was ermöglicht, dass Bob und Gerard mit Lutz bis zu Bobs Tod sehr eng befreundet bleiben. Im Umland von New York arbeitet Lutz zunächst als Busfahrer in dem kleinen Ort Bushkill, dann auf einer Farm und in einer Baufirma. Nach einer kurzen Station in Mexiko lernt Lutz van Dijk in San Francisco den Rastafari Marley kennen, der für ihn ebenfalls eine liebende und wichtige Erinnerung in seinem Leben bleibt.
Als Lutz van Dijk 1975 wieder in Deutschland ist und er sich mit seinen Eltern aussprechen will und seine Homosexualität offen darlegt, entwickelt sich der Besuch zur Katastrophe. Ohne dass eine versöhnliche Aussprache und seine Akzeptanz möglich sind, lässt er sich von seinem Vater sein Abiturzeugnis aushändigen. Als Lutz dann noch von dem tödlichen Motorradunfall seines besten Freundes Martin erfährt, hält ihn nichts mehr in Berlin. Am Bahnhof entscheidet er sich für Hamburg als nächsten Ort für einen Neubeginn. Erst noch ziellos, was er mit seinem Abitur macht, findet er Unterschlupf im Studentenwohnheim Franziskus-Kolleg. Kurz darauf schreibt er sich als Student im Bereich Sonderpädagogik als „Lehrer mit Schwerpunkt für verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche“ ein.
Als Student ist Lutz nun in einer völlig neuen Welt, in einer Welt, in der er sich mehr und mehr befreien und seinen persönlichen Focus entwickeln kann. Er gründet mit Freundinnen und Freunden eine WG in Altona und verdient neben dem Studium mit einem „Studenten-Umzugsdienst“ ein wenig Geld.
In Hamburg begegnet Lutz einem schwulen Leben, das mit den befreundeten Organisatoren der ersten Schwulen-Demo einerseits offen ist, andererseits erlebt er auch gewalttätige Ausgrenzung. In Hamburg lernt Lutz Elke kennen, die für viele Jahre bis zu ihrem Tod eine enge Freundin bleibt. Für die beiden kleinen Kinder Malte und Gesche von Elke aus einer gescheiterten Beziehung übernimmt Lutz mehr als nur seine Patenschaft. Mit regelmäßigen Urlauben und gemeinsamen Feiertagen bilden die Vier eine „Regenbogenfamilie“.
Im Juni 1979 kommt das erste pädagogische Buch von Lutz van Dijk mit dem Titel „Alternativschulen“ beim Rowohlt Verlag heraus, dem noch viele andere beeindruckende Romane für Jugendliche und Erwachsene folgen sollen.
In Hamburg setzt sich Lutz van Dijk auch mit verschiedenen Projekten für Pazifismus ein. So auch mit dem Aufruf mit 14.000 Unterschriften „Pädagogen gegen Rüstungswahnsinn“. Er organisiert Workshops für pädagogische Friedensarbeit, besonders an Schulen in sozialen Brennpunktgebieten und ist 1988 Organisator des Friedenskongresses.
Während dieser Zeit und den nachfolgenden Jahren ist Aids ein wichtiges und trauriges Thema. Als Bob 1991 an Aids stirbt, wird er nicht der einzige gute Freund bleiben, der durch diese Krankheit viel zu jung das Leben verliert.
Lutz van Dijk erzählt auch von der lebendigen Zeit in Amsterdam im Anne-Frank-Haus von 1992 bis 2001, in der er unter anderem eine Wanderausstellung zu Anne Frank für Hamburger Schulen organisiert und eine sehr erfolgreiche Konferenz zu interkulturellem Lernen. 1994 wird mit der Annahme der niederländischen Staatsangehörigkeit aus dem preußisch eingedeutschten „van Dick“ wieder das Original van Dijk.
Obwohl Lutz sich einen Mann fürs Leben wünscht, wird es eine ganze Weile dauern, bis er durch Zufall auf Perry Tsang trifft, es aber durch unglückliche Formulierungen sowie fehlender Telefonnummer fast nicht zu einem Wiedersehen kommt – und dann glücklicherweise doch der Mann fürs Leben wird.
Die ersten Berührungspunkte mit Südwestafrika und vor Ort im Mai 1997 stehen unter keinem guten Stern, als Lutz van Dijk dort als erster Deutscher mit dem Jugendliteraturpreis von Namibia für seinen Roman „Von Skinheads keine Spur“ (1995) ausgezeichnet wird und trotz aller Bitten es nicht zu tun, mutig als schwuler Mann Stellung zu seinen eigenen Erfahrungen mit verletzten Menschenrechten nimmt, was zu einem Tumult und zu einer verfrühten Abreise führt.
Südafrika und Kapstadt werden ab 2001 der Lebensmittelpunkt mit Höhen und Tiefen für Lutz und Perry. Neben dem eigenen Leben und Überleben planen und errichten sie mit Hilfe von Freunden vor Ort das Kinderhaus HOKISA im Township Masiphumelele. „Der hoffnungsvolle Xhosa-Name des Townships lautet übersetzt „Wir werden es schaffen“. (Zitat Seite 246)
Und es gibt viel zu schaffen: Der Diskriminierung aufgrund von HIV und Aids Widerstand und Aufklärung zu geben, für die Kinder und Jugendlichen eine Familie zu sein, Medikamente gegen HIV zu erhalten, eine feste ärztliche Versorgung zu finden und vieles mehr.
Neben HOKISA engagiert sich Lutz van Dijk auch intensiv für den Bau von Häuser und Wohnungen mit staatlichen Subventionen für das Township Masiphumelele mit mehr als 40.000 Bewohner. Dieses Vorhaben erweist sich als das Schwierigste aufgrund diverser Widerstände. Am Ende sind doch von 382 geplanten Wohnungen stolze 262 gebaut, in denen Familien ihr neues Zuhause finden.
In Kapstadt finden Lutz und Perry mit HOKISA auch ihr persönliches Glück und mit Sive, der mit vier Jahren Perry als Wahlvater bestimmt, ihr größtes Geschenk. Perry als Dad und Lutz als Papa erleben jeden Tag, wie sich Sive von einem Kleinkind zu einem erwachsenen Mann entwickelt und eine Ausbildung zum Kapitän für Segelboote bis zu 50 Meter Länge erfolgreich absolviert.
Der krönende Abschluss für diese Regenbogenfamilie wäre eine Adoption von Sive, der aber bis jetzt leider viele bürokratische Hindernisse im Wege stehen. Im Herzen haben sie sich aber gegenseitig schon lange adoptiert.
Mit vielen anderen veröffentlichte Lutz van Dijk im Januar 2018 in Deutschland eine Petition, in der die vielen Unterzeichnenden darum bitten, „dass am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus auch an homosexuelle Männer (…), aber auch an lesbische Frauen und andere aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Orientierung Benachteiligte und Ausgegrenzte im Bundestag erinnert wird“ (Zitat Buch Seite 300). Erst im Jahre 2023 wird dies unter der Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) Wirklichkeit, das mit einem positiven Echo aus dem In- und Ausland beantwortet wird.
Die neue Bundestagspräsidenten Julia Klöckner (CDU) erklärt dagegen im Sommer 2025 „dass aus Gründen der Neutralität“ die Regenbogenflagge nicht mehr gehisst werden darf, was Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner Aussage, „dass der Bundestag ja nun kein Zirkuszelt ist“ untermauert. „Die historische Bedeutung dieses weltweiten Symbols für mühsam errungene Queere Menschenrechte ignorieren beide.“ (Zitat Buch Seite 305)
Offen und bewegend erzählt Lutz von seiner Parkinson-Erkrankung, der er sich mit Medikamenten, gezielten Bewegungsübungen und Optimismus entgegenstellt. Man kann nur ahnen, wie schwer es ihm fallen wird, wenn er mit seinem Mann Perry HOKISA mit seinen Kindern und Jugendlichen, Masiphumelele und das Zuhause im Bergdorf verlassen muss, wenn Parkinson die Phase 4 erreicht und ein Leben dort mit Rollstuhl nicht mehr möglich ist. Doch auch für diesen Schritt haben die beiden eine Perspektive, mit der Lutz und Perry nach Amsterdam in eine barrierefreie Wohnung ziehen wollen.
Doch vorher wird der offene, herzenswarme, zugewandte Menschenfreund und Pazifist mit seinem unerschütterlichen Optimismus, seiner gelassenen Lebensfreude und Energie noch eine Lesereise in 23 Städte mit der fesselnden Fortsetzung seiner Lebensgeschichte „Die weite Welt – New York bis Kapstadt“ unternehmen.

Foto (c) Lutz van Dijk
Wer mehr von dem hier nur grob zusammengefassten zweiten Teil der fesselnd und humorvoll erzählten Lebensgeschichte von Lutz van Dijk mit seinem umfangreichen, politischen, pazifistischen Engagement wissen will, dem sei sein neues Buch ans Herz gelegt. Es ist neben einem beeindruckenden Weg mit vielen langjährigen Lebensbegleiter*innen auch ein Plädoyer für Pazifismus und gegen Rassismus, Homophobie und Ausgrenzung von Minderheiten, Benachteiligten jeder Art. Lutz van Dijk ist ein Mensch, der Menschen liebt und sich bis heute für sie mutig und Widerstände trotzend einsetzt – ein Vorbild für uns alle.
Ein sehr schönes, stimmiges Cover rundet das beeindruckende Buch ab.
Sabine Wagner
