Erzähl mir alles

Elizabeth Strout

Deutsch von Sabine Roth

Luchterhand, ET 18.03.2026

400 Seiten, € 25,00

 

 

 

Auch in ihrem neuen Roman bleibt Elizabeth Strout ihrem ganz persönlichen, unaufgeregten Schreibstil treu. (Übersetzung Sabine Roth) Sie erzählt mit einer enormen Intensität und feinen psychologischen Blick auf ganz unterschiedliche Beziehungen und dem ganz „normalen“ Leben mit seinen scheinbaren Alltäglichkeiten.

Die Hauptperson der Geschichte ist der Rechtsanwalt Bob Burgess, der in zweiter Ehe mit Margaret Estaver in dem kleinen Ort Crosby in Maine lebt. Margaret ist Pastorin dort und füllt ihren Beruf auf eine Weise aus, an der sich Bob reibt, ihr gegenüber aber darüber schweigt. Mit Lucy Barton, einer Schriftstellerin, die vor zwei Jahren mit ihrem Ex-Mann William vor der Pandemie aus New York in die Beschaulichkeit von Crosby geflüchtet und dort geblieben ist, hat Bob einne innige Freundschaft, in der es darüber hinaus auch durchaus verliebt „knistert“. Während regelmäßiger, langer Spaziergänge unterhalten sie sich über sehr persönliche Dinge und Bob nutzt diese vertraute Zweisamkeit, während dieser Spaziergänge heimlich ein oder zwei Zigaretten zu genießen, was Margaret auf keinen Fall wissen darf.

Ein Wiedersehen gibt es in diesem Roman mit Olive Kitteridge, die pensionierte und immer noch eigenwillige, kauzige Mathematiklehrerin, die in vorherigen Romanen der Autorin eine wichtige Rolle gespielt hat. Olive ist mittlerweile 90 Jahre alt und wohnt in der Seniorenresidenz Maple Tree Apartments, wo sie durch Einfädelung von Bob hin und wieder von Lucy Barton besucht wird. Bei diesen Besuchen erzählen sich die beiden Geschichten von Erlebnissen, Erfahrungen und Geschehnissen, die sie selbst erlebt haben oder philosophieren über das Leben.

Als der zurückgezogen lebende Matthew Beach aus Crosby beschuldigt wird, seine Mutter ermordet zu haben, übernimmt Bob seine Verteidigung, da er von seiner Unschuld überzeugt ist, weiß aber auch, dass dieser Prozess schwer werden wird. Gleichzeitig erhält Bob die Information, dass Helen, die Frau seines Bruders Jim, an Krebs erkrankt ist und bald sterben wird. Weil er seine Schwägerin sehr mag und schätzt, ist Bob am Boden zerstört, dass er diese Nachricht nicht von seinem Bruder, sondern über Umwegen durch die gemeinsame Schwester Susan erhält. Mit diesen beiden schweren Belastungen wird Bob mit einer, im Alter von drei Jahren an ihn übertragene Familienschuld konfrontiert, die er bis heute nicht verarbeitet hat. Zudem meldet sich Bobs Ex-Frau Pam nach langer Zeit bei ihm mit ihrem Alkohol- und Eheproblem und hofft auf sein Zuhören und Ratschlag.

Elizabeth Strout hat in dem Krimifall um Matthew Beach einen bunten Kreis von unterschiedlichen, komplexen Beziehungen von Ehepartnern, innerhalb von Familien und zwischen Bekanntschaften gegenübergestellt und meisterhaft miteinander verknüpft. Die Handlung wird nicht mit Tempo erzählt, sondern strahlt eine Ruhe aus, die aber keinesfalls langweilt, auch wenn sich auf den 393 Seiten keine besonderen Höhe- oder Spannungspunkte ergeben. Dafür lässt die Autorin im Austausch zwischen Lucy und Olive sowie zwischen Bob und Lucy während ihrer Spaziergänge durchgehend faszinierend und im fortgeschrittenen Alter nachvollziehbar, von den kleinen bis großen Lebenskrisen, von Unausgesprochenem und auch unentschuldbaren Dingen erzählen. Es sind keine abgehobenen Gespräche, sondern sie sind in ihrer Lebenserfahrenheit klug wie tiefgründig. Aber auch über diese Personen hinaus gibt es weitere Erzählfäden und Protagonisten, bei der hin und wieder die Schriftstellerin knapp der Gefahr entgeht, den roten Faden zu verlieren, besonders im letzten Drittel des Buches. Am Ende gelingt es Elizabeth Strout aber auf ihre individuelle Weise, alle ausgelegten Erzählstränge und Figuren wieder zusammenzuführen.

„Erzähl mir alles“ ist ein Roman, der  ohne Höhepunkte und Tempo klug und intensiv über verschiedene, ganz normale Leben erzählt, verbunden mit Fragen über Leben, Liebe, Alter, Einsamkeit und Tod, die jede*r (im fortgeschrittenen Alter ;-)) nachvollziehen kann.

Das Cover ist nett, aber nicht besonders. Schade.

Sabine Wagner

 

 

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