
Daniel Speck
Fischer Verlag, ET 25.02.2026
608 Seiten, € 25,00
Nach seinem großen Roman-Erfolg mit „Bella Germania“ vor 10 Jahren, der auch als Dreiteiler verfilmt wurde, sowie den ebenso erfolgreichen Büchern „Piccola Sicila“, „Jaffa Road“ und „Yoga Town“ kehrt Daniel Speck mit seinem neuen Werk zurück an den Handlungsort Italien.
1979, Mailand. Der in der Ich-Perspektive erzählende vierzehnjährige Tonino Fabrizi beobachtet, wie seine Mutter Valeria etwas in der Baustellengrube eines defekten Wasserrohrs versteckt und holt es heimlich heraus. Als er damit in der Schule in große Schwierigkeiten gerät, holt seine Mutter ihn dort ab und fährt mit ihm zu ihrem Kindheitsfreund Piero in die Maremma. Auf dem Weg dorthin erzählt Valeria ihrem Sohn ihre bisherige Lebensgeschichte mit vielen Höhen und Tiefen, in denen ihr Lebensfreund Piero und dessen Familienhaus, die Villa Rivolta, sie als festen Halt begleiten.
1945, Valperga/Bresso. Valeria ist vier Jahre alt, als ihr Vater, der als Partisan für Italien kämpft von deutschen Soldaten erschossen wird. Mit ihrer Mutter Caterina muss die kleine Valeria aus ihrem Dorf fliehen. In Mailand findet Caterina in der Villa der Familie Rivolta eine Anstellung als Haushälterin, da die Familie dem verstorbenen Mann verbunden war.
Renzo Rivolta ist ein erfolgreicher Unternehmer, der mit dem Bau von Kühlschränken unter der Firmierung „Isothermos“ Ende der 1930er Jahre seine Firma aufbaute. Mit seiner Frau Marion und beiden gemeinsamen Kindern Piero und Attilia leben sie in einer großzügigen Villa. Der große Garten der Villa lädt die kleine Valeria zum Spielen ein und der nur ein Jahr ältere Piero wäre der ideale Spielkamerad, wenn ihre Mutter ihrer Tochter nicht immer mit harter Strenge vorhalten würde, dass „sie nicht zu ihnen gehören“ und es sich daher nicht gehört, mit Piero zu spielen. Valeria versteht diese Verbote nicht und findet mit kindlichem Geschick immer wieder Wege um mit dem ihr zugewandten, verschmitzten Piero auf Erkundungstour im Garten der Villa zu gehen. Ein römischer Sarkophag im Garten der Villa wird für die beiden zum heimlichen Versteck; ein von Valerias Vater geschmiedetes Hufeisen lässt neben einem alten Familiengeheimnis Valeria und Piero tief miteinander verbinden und sich später gegenseitig den Schwur geben, immer ehrlich zueinander zu sein und für immer Freunde zu bleiben.
Das enge Band ihrer Kindheit lockert sich, als Valeria auf ein öffentliches Gymnasium geht und sich später gegen die Widerstände ihrer Mutter für ein Studium der Literatur entscheidet, während Piero auf ein Privatgymnasium und später auf das Politecnico geht. Auch als Piero seine Freundin Rachele, genannt Lele heiratet, verliert sich ihre enge Verbundenheit nie ganz, immer wieder gibt es Lebensstationen, in denen sie einander brauchen und sich gegenseitig Halt geben. So erleben beide aus unterschiedlichen Perspektiven die Weiterentwicklung der Firma von Renzo Rivolta, die nach dem zweiten Weltkrieg den Motorroller „Isomoto“ produziert, eine zuverlässige, elegante Alternative zu Vespa und Lambretta. Der danach aus dem Hause Rivolta entwickelte Kleinstwagen „Isetta“ wird in Italien zum Flop, aber sehr erfolgreich in Deutschland verkauft. Während Renzo Rivolta mehr oder weniger erfolgreich weitere Autos entwickelt und produziert, hadert Valerias Mutter Caterina mit ihrem Leben, für das ihre Tochter irgendwann die Verantwortung übernehmen muss. Als Renzo 1966 unerwartet mit 57 Jahren verstirbt, übernimmt Piero mit 25 Jahren die Firmenleitung. Obwohl sich Valerias und Pieros Lebenswege privat wie beruflich unterschiedlich entwickeln, finden sie trotz Widrigkeiten und Verlust immer wieder zusammen.
Daniel Speck fächert in seinem neuen Roman in zwei Zeit- und Erzählperspektiven mit den Familien Rivolta und Fabrizi die politische und gesellschaftliche italienische Zeitgeschichte von Ende des zweiten Weltkrieges bis Ende der siebziger Jahre komplex und höchst spannend ausgearbeitet auf. Mit der über Jahrzehnte hinweg klug durchdachten Beziehungssymbiose zwischen den beiden Lebensgeschichten des realen Piero Rivoltas und der (wahrscheinlich) fiktiven späteren Journalistin Valeria Fabrizi spiegelt Daniel Speck komplexe und zusammenhängende Themen der damaligen Zeit: Die fast unüberwindbaren Trennungen durch Klassenunterschiede, die gegenseitigen Vorbehalte und Nichtakzeptanz zwischen Nord- und Süditalien, die Protektion durch Beziehungen, den schwierigen Weg und Kampf der Frauen für ihre freie, selbständige Bestimmung über die persönliche wie berufliche Entwicklung, aber auch die Weitergabe von Traumata über Generationen. Wie eng „fortunata“ und „sfortunata“ beieinander liegen und auch von dem Umstand, in den man hineingeboren wird abhängig ist, beschreibt Daniel Speck überzeugend am Beispiel von Valeria und Piero.
Auch wenn verschiedene Automobile, heute Oldtimer, aus dem Hause Rivolta eine wichtige Rolle in dem Roman spielen, muss man als Leser*in kein*e Liebhaber*in davon sein und spürt trotzdem eine gewisse Faszination. Trotz der knapp 600 Seiten gab es für mich keine Längen, was bei diesem Umfang schon hervorzuheben ist. Der vielschichtige Roman über ein zeithistorisches Italien mit seinen politischen, gesellschaftlichen Entwicklungen und Spaltungen ist auch eine Liebeserklärung an die Freundschaft, an ein Miteinander und nicht Gegeneinander.
„Es war weder die Kunst, im rechten Moment zu schweigen, noch der Drang, eine Diskussion zum Schlagabtausch zu machen. Es war die Fähigkeit unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne recht haben zu müssen. Wenn das Teilen von Gedanken zu einer gemeinsamen Suche wurde – nach einer Wahrheit, die größer war als das, was einer allein erfassen konnte. Das Ziel war nicht Sieg, sondern Erkenntnis. Weil man, gerade weil man die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebte, interessiert aneinander blieb.“ (Zitat aus dem Buch, Seite 580)
Sabine Wagner
