Unter Wasser

Tara Menon

Aus dem Englischen von Simone Jakob

Dumont, ET 14.04.2026

208 Seiten, € 23,00

 

 

 

1994 verliert Marissa mit sechs Jahren ihre Mutter durch einen Autounfall. Ihr Vater ist wie ihre Mutter Meeresforscher. Für den Ehemann und Vater bricht durch den Tod seiner geliebten Frau und Partnerin bei Forschungsarbeiten eine Welt zusammen. Kurz nach nach der Beerdigung schreibt ihm Rosie, ehemals Doktormutter seiner Frau, einen Brief. Die bekannte Meeresbiologin lädt ihn und Marissa zu sich auf eine kleine unbewohnte Insel im Andamanischen Meer ein, wo sie schon länger lebt. Ein paar Wochen später reist er mit Marissa dorthin und nimmt die Arbeiten seiner Frau wieder auf und hilft Rosie dabei, die Fortpflanzung der Mantarochen zur erforschen.

Marissa lernt mit sieben Jahren die gleichaltrige Arielle in der Schule in Phuket kennen und die beiden verstehen sich auf Anhieb. Als Arielle erfährt, dass Marissas Mutter nicht mehr lebt, bietet sie ihr an, ihre Mutter mit ihr zu teilen. Arielles thailändische Mutter hat ein großes, liebevolles Herz und ist gerne, soweit möglich, eine Ersatzmutter für Marissa. Arielles Mutter leitet ein großes Hotel, ihr aus England stammender Vater ist ein ungehobelter, grober und auch brutaler Mann, der seine Frau wenig unterstützt und lieber Golf spielen geht. Arielle wie auch ihre Mutter sind froh, wenn er nicht in ihrer Nähe ist. In der am Hotelgelände nahegelegenen Villa verbringen Marissa und Arielle unter der Woche, wenn Schule ist, viel Zeit und werden dort verwöhnt, solange Arielles Vater nicht in Sichtweite ist. Am Wochenende sind die beiden Mädchen auf der Insel bei Marissas Vater. Sie lieben das Meer über alles und tauchen leidenschaftlich gerne und so oft sie können. Durch ihren Vater, Rosie und immer wieder neuen Forschungsgästen lernen Marissa und Arielle im Laufe der Zeit sehr viel über das Meer und seine Bewohner kennen. Insbesondere Mantas haben es ihnen angetan und so beobachten sie schon über einen längeren Zeitraum eine Gruppe von Mantas, die alle einen Namen von den beiden bekommen haben.

New York, Samstag am 28. Oktober 2012. Marissa ist mittlerweile 24 Jahre und führt in New York seit dem Tsunami ein gestrandetes und richtungsloses Leben, aus dem sie in der Ich-Perspektive erzählt. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Begleittexten für Fotos eines Reisemagazins für Superreiche, angereichert mit vielen Adjektiven, die „die Satzfetzen in träumerische Prosa verwandeln“ (Zitat Seite 16) sollen. New York steht kurz vor dem gigantischen Hurrikan „Sandy“, die Bewohner werden gebeten, entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, doch viele scheinen die Ankündigungen im Fernsehen nicht wirklich ernst zu nehmen. Durch diese erneute bedrohliche Naturkatastrophe gleitet  Marissa immer wieder in Erinnerungen an Arielle ab, an ihre Kindheit und Jugend in Thailand. Faszinierend gelingt der Autorin die Verschachtelung des gegenwärtigen Lebens der Protagonistin in New York mit ihren Rückblenden und der (abwechselnden) zweiten Zeitebene mit dem Samstag, 25. Dezember 2004, dem Tag vor dem Tsunami.

Abwechselnd aus der Erzählperspektive und Lebensweise der 24-jährigen Marissa in New York sowie der 16-jährigen Teenagerin Marissa in Thailand an diesem einen jeweiligen schicksalshaften Tag baut Tara Menon behutsam und sehr dicht die ganz besondere Mädchenfreundschaft mit Arielle auf, die durch den Tsunami brutal für immer getrennt wurde. An diesem 28.10.2012 in New York holt Marissa die Vergangenheit durch den herannahenden Hurrikan wieder ein und die Trauer über den Verlust ihrer Freundin Arielle ist wieder ganz nah. Es geht bei dieser leisen und doch so intensiven Geschichte um Verlust und Trauer und wie man damit weiterlebt, aber auch um die Frage, ob man nur um ganz bestimmte Menschen zeitlich unbegrenzt trauern darf und warum es verpönt ist, zu lange um jemanden zu trauern, mit dem man „nur“ befreundet war und das man nach einer gewissen Zeit über den Tod hinwegzukommen hat. (Seite 33)

Die Autorin lässt den Leser/die Leserin mit ihrer ausgefeilten Protagonistin Marissa in die wunderschöne aber auch sehr fragile Welt des Meeres mit all seinen vielen unterschiedlichen Bewohnern eintauchen, erzählt aber auch darüber hinaus über zahlreiche andere schützenswerte Tierarten, die vor dem Aussterben bedroht sind. Egal ob in New York oder in Thailand, die Schönheit und Artenvielfalt der Natur werden  bilderreich beschrieben.

Dieser leise Debütroman von Tara Menon, die in Indien geboren und in Singapur aufgewachsen ist und als Juniorprofessorin für Englische Literatur in Harvard doziert, hat mich tief bewegt und beeindruckt, vielleicht auch, weil ihm einen großen Bogen um alle möglichen Fallen von Überdramatik oder Sentimentalität bei diesen Themen meisterhaft gelingt. Und gerade deswegen ist er für mich eben nicht „herzzereißend“, wie auf dem Buchumschlag eine Rezensentin zitiert wird, aber dennoch tief berührend. An dieser Stelle möchte ich die Übersetzung von Simone Jakob hervorheben.

„Unter Wasser“ ist eine Art Parabel für die fragile einzigartige Schönheit der Natur unter Wasser und an Land sowie eine berührende Geschichte über eine zeitlose Mädchenfreundschaft, über Verlust und Trauer, für die es keine Zeitmaß gibt und niemand außer dem Trauernden darüber zu bestimmen hat, wann der Zeitpunkt der Entfernung kommt und die Möglichkeit der Heilung bestimmt.

Ein stimmiges Cover rundet das Buch ab.

Sabine Wagner

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