
Lukas Mi-Sa Nguêễn Egger
Piper, ET 30.04.2026
272 Seiten, € 23,00
Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Im Sommer 2007 wird der 15-jährige Kian nach einem schweren Schicksalsschlag, von dem man erst im Laufe des Buches erfährt, von einem Mitarbeiter des Jugendamtes zuhause abgeholt und in ein Kinder- und Jugendheim gebracht. Sein Zuhause war bis dahin eine runtergekommene Wohnung in der 14. Etage einer Plattenbau-Siedlung in Bielefeld. Hier hat er bisher mit seinem arbeitslosen, alkoholkranken, kleinkriminellen Vater gelebt, der auch Kian immer wieder zu gesetzeswidrigen Taten gezwungen hat, unter denen Kian immer mehr gelitten hat, weil er sie nicht machen wollte.
Im Jugendheim angekommen, fügt sich Kian oberflächlich ein, aber ihm ist sofort klar, dass er hier nicht bleiben will und kann. Bei seiner nächtlichen Flucht begegnet er dem gleichaltrigen Marco mit markanten Segelohren und Sommersprossen, der ebenfalls aus dem Heim raus will. Es gelingt ihnen gemeinsam die Flucht und das ungleiche Paar ist nun ohne Geld, aber jeder mit seinem eigenen Ziel unterwegs. Während Kian endlich einmal das Meer sehen will, hat Marco durch einen Zufall ein Telefonat des Heimleiters mitgehört, aus dem er erfährt, dass er eine Halbschwester hat. Seine einzigen Informationen, wo er sie treffen kann, ist ein Name, das Datum 01.08. und als Ort die „Nordsee“.
Eine Woche haben die ausgegrenzten, unterschiedlichen Jungen Zeit, von Bielefeld an das unbestimmte und große Gebiet der Nordsee zu kommen. Marco sehnt sich nach einer Familie und Halt und hofft, mit seiner Halbschwester eine Basis zu finden. Kian dagegen will weg von dem, was er als Familie kennengelernt hat, es am liebsten vergessen und neu anfangen. Ein Notizbuch ist eines der wenigen Gegenstände, das Kian von seiner verstorbenen Mutter geblieben ist und in dem er, wie ein kleiner Anker, seine Gedanken niederschreibt, was ihm hilft, sich zu sortieren.
Es ist eine abenteuerliche, kurzweilige Roadstory, die spannend aber auch bewegend ist, auf der man Kian und Marco begleitet. Sie stehlen ein Fahrrad, zwei Motorradroller, flüchten erfolgreich vor der Polizei und finden Unterschlupf bei einem ehemaligen Pfarrer. So wenig sie am Start ihrer Reise miteinander anfangen können, es zwischen ihnen auch während des Tripps Spannungen und Differenzen gibt, so sehr schweißt sie doch ihre gemeinsame Suche nach Halt und gesehen werden, immer mehr zusammen. Das Ende ist überraschend und ein kleiner, feiner Showdown, bei der Freundschaft letztendlich die Familie ist.
Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger hat durch seine Arbeit neben dem Schreiben einen realistischen, klaren Blick auf das Leben von Kindern und Jugendlichen, die ohne stabile familiäre Strukturen und Sicherheiten in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Und mit diesem wachen, kritischen Blick ist es ihm beim Schreiben gelungen, mir als Leserin das Gefühl zu vermitteln, eine direkte Reisebegleiterin der beiden Jungs durch alle Gefühlslagen und Gedanken zu sein. Ohne Sentimentalitäten zeigt der Autor mit den beiden Figuren Kian und Marco, mit welchen Sehnsüchten und Defiziten diese von den Eltern und auch von der Gesellschaft allein gelassenen Jugendlichen kämpfen und aufwachsen. Dem jungen Autor ist es hervorragend gelungen, die temporeiche Story im Jahre 2007 zu verorten und damit in eine Zeit (noch überwiegend) ohne Handy und Navi-Geräte, dafür mit den damals üblichen Merkmalen an PKW`s, Musik und anderen Kleinigkeiten, die Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger liebevoll recherchiert und eingebunden hat.
Der im Jahr 2000 und in Pforzheim geborene Autor ist der jüngste Sohn einer deutschen Mutter und eines vietnamesischen Vaters und erlebte in seiner eigenen Kindheit und Jugend, was es heißt, kulturell und finanziell am Rand der Gesellschaft zu stehen.
„Vielleicht im Sommer“ (der Titel erklärt sich im Laufe der Geschichte) ist ein großartiger Debütroman eines jungen Mannes, der ohne Pathos, dafür mit viel Empathie von der Suche nach Halt, nach Familie, nach „gesehen werden“, aber auch von großer Einsamkeit und Armut von Jugendlichen erzählt, die von ihren Eltern und der Gesellschaft vernachlässigt werden. Der Wunsch von Chancengleichheit in unserem Land wird wohl bis auf Einzelfälle ein Wunsch bleiben.
Immer wieder wird der Roman mit Herrndorfs „Tschick“ verglichen, weil es neben der Roadstory weitere Parallelen gibt. Ob so ein Vergleich nötig ist, bleibt dahingestellt. Es ist in jedem Fall ein von Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger großartig und berührend erzähltes Debüt einer „Coming of Age“-Geschichte, in denen zwei ungleiche Jungs auf der Suche nach ihrer Identität sind. Und es ist ein empfehlenswerter gesellschaftskritischer Roman für Jugendliche und Erwachsene.
Ein wunderschönes, stimmiges Cover rundet das Buch ab.
Sabine Wagner
