Mathilde und Marie

Torsten Woywood

dtv, ET 150.01.2026

336 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Torsten Woywod ist nicht nur gelernter Buchhändler und ehemaliger Marketingleiter des DuMont-Buchverlages, für seine große Liebe mit vielseitigem Engagement um Literatur Preisträger des „Young Excellence Award“, er ist mittlerweile auch gemeinsam mit seiner Freundin Verleger des erfolgreichen eigenen Verlages „Woywod & Meurer“. Mit „Mathilde und Marie“ präsentiert der Bücher-Mensch seinen Debütroman.

Marie Ledoux, 26 Jahre alt, flieht Hals über Kopf aus Paris. Zu viel hat sich in letzter Zeit bei ihr angestaut, von dem sie Abstand bringen muss. Erst ist ihre geliebte Mutter gestorben, dann ihre Tante, der einzige Halt, der ihr noch blieb. Neben dem Studium hat sie zahlreiche Jobs und doch reicht das Geld hinten und vorne nicht und die Schulden wachsen. Am 06. März setzt sich Marie am Gare du Nord in einen TGV nach Brüssel ohne konkretes Ziel. Im Zug lernt Marie die Isländerin Jónína kennen, eine ältere Dame, die sie einlädt, sie in ihr Dorf Redu, das in den belgischen Ardennen liegt, zu begleiten, was die junge Frau gerne annimmt. Die beiden werden von Thomas, dem Bäcker von Redu, am Bahnhof von Libramont abgeholt und Marie wird liebevoll von Jónína in ihrem kleinen, schmucken Haus aufgenommen. Schnell stellt Marie fest, dass das landschaftlich wunderschön eingebettete Bücherdorf Redu aus der Zeit gefallen ist: Es gibt nur einmal am Tag für eine überschaubare Zeit Internetanschluss, dafür gibt es 13 Buchhandlungen auf 391 Einwohner und sehr viel ruhiges Leben abseits von Handys und PC`s mit so vielen „normalen“ Dingen, die in der Realität fern diesen Ortes „besonders“ geworden sind.

Zuerst ist Marie noch verwirrt davon, doch bald merkt sie, wie gut ihr die Beschaulichkeit des Dorfes inmitten wunderbarer Natur und die herzlichen Menschen tun. Anneliese, die Labrador-Hündin von Jónína verliebt sich sofort in Marie, was auf Gegenseitigkeit stößt. Während Marie langsam immer mehr an Kraft und Zuversicht gewinnt, verliert Jónína mehr und mehr an Energie. Auch wenn es ihr sehr schwerfällt, weiß Jónína, dass sie wieder nach Brüssel muss, um gesund zu werden. Ohne viel Erklärungen und nur mit einer kurzen Nachricht an Marie, dass sie bitte während ihrer Abwesenheit sich um ihre Buchhandlung und Anneliese kümmern möge, verlässt sie nach 35 Jahren Redu und keiner im Dorf weiß, ob sie wiederkehren wird. Nicht nur Marie ist mit vielen Fragezeichen über Jónína plötzliches Verschwinden überfordert, auch die anderen Dorfbewohner vermissen sie schnell.

„Sie (Jónína) ist Sextant, Kompass und Schweizer Taschenmesser in einem. Ein isländisches Schweizer Taschenmesser.“ (Seite 176)

Nur Thomas, der Jónína erneut zum Bahnhof gebracht hat, bleibt mit ihr im Austausch. Marie lernt die anderen Dorfbewohner nach und nach kennen, da gibt es zum Beispiel neben dem Bäcker Thomas den Papiermacher Arthur, Louise, die den Gemüseladen „Fruits et Légumes“ führt und die stets grau gekleidete, mürrische Mathilde. Mathilde führt seit 157 Tagen Tagebuch. Seit dem Tag, an dem ihr Mann verstorben ist, hat sie sich auch aus der zusammenhaltenden Dorfgemeinschaft in ein Einsiedlerleben zurückgezogen. Zu Marie ist Mathilde auch zunächst abweisend, doch mit Geduld, gemeinsamen Schweigen und Maries Faszination zur Natur nähern sich die beiden Frauen zaghaft, aber immer intensiver an. Mathildes Ehemann führte früher den Antiquitätenladen „Les Curiosites“, der seit seinem Tod geschlossen ist. Mit seinem Tod hat er Mathilde auch ein Rätsel hinterlassen, vor dessen Auflösung sie große Angst hat.

Marie fügt sich mit jugendlicher Frische, der nötigen Zurückhaltung in den richtigen Momenten und einer großen Liebe zu Büchern und der Natur charmant in die Dorfgemeinschaft ein. Ihre Persönlichkeit gewinnt mit dem ruhigen Rhythmus des achtsamen Lebens in Redu an Zuversicht und Stärke, gleichsam der Natur im Laufe der Jahreszeiten. Sie lernt mit eigener Arbeit in der Buchhandlung das große Dorffest „Fete du livre“ im Frühjahr und im Spätsommer die „Nuit du livre“ kennen. Doch das Dorfleben bekommt mit Jónína und der innigen Freundschaft zwischen Marie und Mathilde noch einmal eine ganz neue Wendung.

Torsten Woywod ist mit seinem Debütroman eine ganz wunderbare unaufgeregte, dafür kluge Geschichte um Freundschaft, Zusammenhalt einer Gemeinschaft inmitten von Büchern und einem zauberhaften Dorf gelungen, die beeindruckt und bewegt. Seine Sprache ist ruhig und stilsicher, dabei fernab von jeder Rührseligkeit. Bilderreich und intensiv beschreibt er die üppige Flor und Fauna sowie die Landschaft um Redu, so dass man den Geruch von Pflanzen und Beeren beim Lesen regelrecht zu riechen glaubt. Die verschiedenen Charaktere der Dorfgemeinschaft von Redu hat Torsten Woywod mit Intensität und Liebe nachvollziehbar ausgefeilt, jede Figur für sich habe ich beim Lesen ins Herz geschlossen. „Mathilde und Marie“ ist auch ein Entwicklungsroman auf verschiedenen Ebenen: Die persönliche Veränderung der beiden einzelnen Frauen jede für sich, wie auch die gemeinsame Beziehung durch die langsam entstehende Freundschaft, aber auch letztlich die Veränderung der Dorfgemeinschaft, die noch enger zusammenrückt.

„Mathilde und Marie“ ist ein Wohlfühlbuch im besten Sinne, das mich mit einer feinen, brillanten Sprache, warmherzigen Charakteren und einer klugen Geschichte beim Lesen in die faszinierende Schönheit der Natur um Redu, in die wunderbare Welt der Bücher und in ein empathisches Miteinander hat eintauchen lassen. Großartig!

Das Buch beginnt und schließt mit dem Satz

„Dieser Jahreszeit wohnt besonders viel Schönes inne (…)“ den ich an dieser Stelle so ändern möchte:

„Diesem Buch wohnt besonders viel Schönes inne.“

Und dem abschließenden Wunsch des Autors möchte ich mich anschließen:

„Redu könnte überall sein.“

Übrigens gibt es das Bücherdorf Redu in den belgischen Ardennen tatsächlich, es ist das zweitälteste Bücherdorf der Welt (seit 1984).

Ein wunderschönes Cover rahmt das Buch perfekt ein.

Sabine Wagner

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