Pause

Lena Kupke

dtv, ET 15.05.2026

320 Seiten, € 23,00

 

 

 

 

Hanna Golig, 36 Jahre, selbständige Illustrutatorin, klappt mit einem Krampfanfall ohnmächtig während einer Präsentation zusammen und wacht im Krankenhaus in der Notaufnahme wieder auf, wo man sie dabehalten will, um die Ursache der Ohnmacht abzuklären. Doch Hanna will auf keinen Fall länger im Krankenhaus bleiben. Sie kennt die Gründe dieser Krämpfe und Ohnmachten und ist sich sicher, dass weitere Untersuchungen der Ursache ihrer traumatischen Erlebnissen nicht weiterhelfen. Problematisch wird es allerdings für sie, jemanden zu finden, der sie spontan in der Nacht und fern von ihrem Zuhause in Berlin abholen kann. Ihr Freund Paul, mit dem sie WG-ähnlich zusammenlebt, hat nach einem langen Dienst bereits ein Bier getrunken und will sie erst am nächsten Tag abholen. Nachdem zwei Freundinnen ebenfalls abwinken, ruft Hanna schweren Herzens ihre Eltern Wolfgang und Silvia in Lüneburg an. Während ihre Mutter umständlich versucht, ebenfalls abzusagen, klinkt sich ihr Vater mit einem beherzten und sofortigen „wir kommen“ in das Telefonat ein. Nach kurzer, ratloser Irritation, wohin sie Hanna nach der Entlassung fahren sollen, ist es wiederum ihr Vater, der entscheidet, dass es in ihrem Zustand das Beste ist, zuerst einmal zu den Eltern nach Lüneburg zu kommen, was ihre Mutter mit dezenter Überforderung beantwortet.

Mit Mitte Dreißig findet sich Hanna von einem Tag auf den anderen in ihrem alten Kinderzimmer wieder. Der Alltag ihrer Eltern ist perfekt mit schrulligen Gewohnheiten aufeinander abgestimmt und Hanna fühlt sich zunächst wie ein störendes Objekt zwischen den beiden, die ihr wie Fremde erscheinen. Daher will sie auch von hier so schnell wie möglich wieder zu ihrem Paul nach Berlin abreisen. Doch Paul findet eine neue Ausrede, warum er Hanna nicht abholen kann. Er will Abstand zu ihr und die Möglichkeit, dass Hanna sich bei ihren Eltern erholen kann, kommt doch da gerade für ihn wie gerufen. Mit weiteren Problemen steht irgendwann fest, dass Hanna länger als ihr lieb ist, bei ihren Eltern bleiben muss. Hannas jüngere Schwester Sara wohnt mit ihrer Freundin Aliya ganz in der Nähe ihrer Eltern und hilft ihr zunächst mit Klamotten aus, bis Paul ein Paket mit ihrer Kleidung aus Berlin nach Lüneburg schickt. Zu Sara hatte Hanna früher ein gutes Schwesternverhältnis, doch jetzt reicht nur ein kleiner Funke, der zum verbalen Ausbruch führt. Aliya bemüht sich, als beruhigender Pol zwischen den beiden auszugleichen. Hannas Mutter gelingt es trotz deutlicher Distanz zu ihrer Tochter, sie zu einer guten Ärztin zu schicken, die ein intensives Gespräch mit Hanna führt und ihr die Beantragung  einer kurzfristigen, psychosomatischen Rehamaßnahme empfiehlt. Ob Hanna will oder nicht, erst einmal bleibt sie im fest getakteten Familienalltag ihrer Eltern mit allen skurrilen Routinen von Wolfgang und Silvia. Sie muss Entscheidungen treffen, wie es für sie privat und beruflich in Berlin weitergehen soll, denn durch ihre momentane „Pause“ hat Hanna wichtige Aufträge verloren und ist damit in ein finanzielles Minus gerutscht. Doch sie ist von allem überfordert und alleine. Sie fühlt sich in die Zeit als Teenagerin versetzt und begegnet auch wieder der Sprachlosigkeit in der Familie, wenn es um kritische Themen oder Problematiken geht, bei denen es einfacher ist, sie totzuschweigen und unter den Teppich zu kehren, als offen anzusprechen und sich damit auseinander zu setzen.

Bei einem spontanen Online-Dating lernt Hanna Alexander kennen, der auf Anhieb überhaupt nicht ihr Typ ist, aber dennoch ein Grund, warum sie nicht nach Berlin zurückreist. Ein anderer Grund ist ein plötzlicher Trauerfall im engsten Familienkreis, der Hanna mit Sara, ihren Eltern und Aliya näher zusammenrücken lässt und für Hanna als Katalysator zu einer offenen Aussprache zwischen allen führt.

Lena Kupke ist ein Debütroman mit einem gnadenlosen, ehrlichen aber gleichzeitig auch herrlich ironischen Blick auf eine Familienkonstellation gelungen, die nur fein überzogen ist. Die Autorin weiß mit sicheren, genauen Blick fürs Detail die einzelnen Charaktere mit der eigenen Familienroutine zu beschreiben. Wer hat sie beispielsweise nicht schon einmal gesehen und erlebt, die Hausschuhe, die Terrassen- und Gartenschuhe und Extra-Schuhe für den Kellergang. Wer kennt sie nicht, die etablierte Sitzanordnung am Esstisch, die man bei Besuch zwar jovial zur Auflösung anbietet, sich dann aber auf einem „fremden“ Stuhl unwohl fühlt. Ganz zart und fast nur zwischen den Zeilen ist zu lesen, was bei Hanna zu ihren krampfartigen Ohnmachtsanfällen, der Abneigung gegen Ärzte und Krankenhaus geführt haben und warum manche ärztliche Untersuchungen sich für sie „unangenehm und beschmutzend“ anfühlen. Der eigentliche Grund bleibt vage und so bleibt es bei einem „Auslöser“, der zu einer schweren, psychosomatischen Erkrankung und Erschöpfung mit diversen Begleiterscheinungen (bis hin zum Kaufrausch) geführt hat, die eine entsprechende Rehamaßnahme unbedingt nötig machen. Für die Beantragung einer solchen über den Amtsarzt hat Lena Kupke gründlich und realistisch recherchiert, denn sie führt, wenn auch stark verkürzt, einen Auszug aus den Fragebögen zur Selbsteinschätzung zur Aufnahme (und zur Entlassung) einer psychosomatischen Rehamaßnahme auf, die in der Tat in Teilen absonderlich und befremdend erscheinen. Nachvollziehbar belastend und aufwühlend ist für Hanna die empathielose ärztliche Untersuchung, bei der durch den Amtsarzt für sie der unterstellende Eindruck entsteht, dass sie sich eine Reha „erschleichen“ will.

Eine Schwäche hat der Roman allerdings auch, denn er bleibt mir trotz ausgefeilter Charaktere und scharfen humoresken Blick auf die Familienaufstellung in der Auseinandersetzung und Bearbeitung der persönlichen Probleme von Hanna und auch der innerfamiliären Beziehungsproblemen leider zu oberflächlich, was der Geschichte die nötige Tiefe und Hintergrund fehlen lässt, die die Grundthemen auf der Hand liegend hergeben. Hier dominiert klar ironischer Humor gegenüber kritischer Auseinandersetzung.

„Pause“ ist ein durchweg unterhaltsamer Roman zwischen humorvoller Ironie und Sarkasmus über eine sechsunddreißigjährige, die durch nachvollziehebare Auslöser aus ihrem Leben gerutscht und im Stillstand ist. Es ist die Abbildung einer „normalen“ Familie, in der viel geredet aber wenig gesagt wird, weil der Mut zur Offenheit, insbesondere bei den Eltern, fehlt und an die Töchter weitergegeben wurde. Tröstlich ist, dass irgendwann bei Hanna die aufgestaute Zurückezogenheit und alles Unausgesprochene zu einer für die ganze Familie gut tuenden Explosion führt.

Das wunderschön gestaltete Cover in Orange mit herausgehobener Hochprägung von Autorin und Titel rundet das Buch harmonisch ab.

Lena Kupke kann nicht nur Stand-up-Comedian, sie schreibt in ihrem Debütroman auch klug und humorvoll über Familie und Schicksalsschläge.

Sabine Wagner

 

 

 

 

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