Interview mit Antonia Michaelis

(c) Antonia Michaelis

Die Kinder- und Jugendbuchautorin Antonia Michaelis wurde 1979 in Kiel geboren und verbrachte die ersten beiden Jahre ihres Lebens in einem kleinen Dorf an der Ostsee. Vom hohen Norden ging es dann mit ihren Eltern in den Süden nach Augsburg. Dieser erste Reise innerhalb der deutschen Bundesländer weckte wohl in ihr das Fernweh und die Sehnsucht, andere Länder und Kulturen kennen zu lernen. So ging Antonia nach dem Abitur für ein Jahr nach Südindien, um an einer kleinen Schule bei Madras verschiedene Fächer zu unterrichten, insbesondere Englisch, Kunst und Schauspiel.

Auf dem Weg zu einem konservativen Studium entschied sie sich, mehr aus Zufall, für Medizin, was sie sieben Jahre lang in Greifswald studierte.

Nebenbei bereiste sie weiterhin in der Welt, arbeitete in diversen kleinen Krankenhäusern, auch gerne abseits der Zivilisation. Auch vor dem Studium hat Antonia Michaelis bereits für kleine und große Menschen geschrieben und das war eigentlich schon immer ihr hauptsächlicher Lebensinhalt. Den weißen Kittel der Medizin hat Antonia Michaelis nach beendetem Studium heute an den Nagel gehängt, und wie sie selber sagt, hängt er da gut. Das kann er auch, denn sie hat sich im Laufe der Jahre zu einer bekannten und geschätzten Kinder- und Jugendbuchautorin mit einer ganz unkonventionellen eigenen Art entwickelt. Heute hat sie ihren Ruhepol mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf gegenüber der Insel Usedom gefunden. Und wenn sie das Fernweh packt, die Sehnsucht, Neuland zu entdecken, ist sie auch mal wieder weg.Für Buecher-leben fand die sympathische Autorin zwischen Schreiben, Lesungen, Theaterproben- und Aufführungen Zeit für ein Interview.
(Antonia Michaelis: Wirklich Zeit zu finden – wie wunderbar das wäre! Ein riesiges unterirdisches Zeit-Vorkommen, das dann abgebaut und durch eine Pipeline von Afrika nach Europa geleitet wird, das wäre mal eine Kurzgeschichte wert.)

Auf Deiner Webseite schreibst Du, dass Dein Familienleben wie auch Deine Arbeitsweise meist kreativ bunt, man könnte vielleicht auch sagen „chaotisch“, ist. Viele andere Kollegen und Kolleginnen erzählen von einem meist sehr unaufgeregten Arbeitsalltag und dass sie auch dabei eine zeitlich gesetzte Struktur brauchen. Wie sieht denn ein typischer Arbeitsalltag bei Antonia Michaelis aus?

Antonia Michaelis:

Kind zum Kindergarten bringen

Versuch, mit dem kleineren Kind auf dem Schoß zu schreiben

Scheitern des Versuchs

Kind vom Kindergarten abholen und eine Glitzerprinzessinnengeschichte vorlesen vor dem Mittagschlaf (rrgh)

Nachhilfestunden für Nachbarkinder oder Theaterproben oder der Versuch, wieder zu schreiben

abermaliges Scheitern des Versuchs

Kind aufwecken, im Garten ein möglichst kreatives Kunstwerk aus Speiseeis und Sandkastensand gestalten

Spazierengehen bei den Seeadlern im Wald – gepaart mit dem Versuch, dabei über ein Buch nachzudenken

Scheitern des Versuchs

Aus den noch-nicht-sprachfähigen Dingen im Kühlschrank ein Abendessen basteln

Kinder ins Bett bringen, falls Papa das tut: Versuch, vor dem Elternabendessen noch zu schreiben

Scheitern des Versuchs, weil JETZT garantiert irgendwer anruft, um etwas wegen Theateraufführungen, Lesungen oder

Interviews zu besprechen

Nach dem Essen ins Bett fallen, Versuch, noch eine Seite zu lesen

Scheitern des Versuchs, da übermannt vom Schlaf

Versuch, von einem Buch zu träumen, um auf diese Weise weiterzukommen

Scheitern des Versuchs …

Hast Du das Gefühl, dass Du durch deine eigenen beiden Kinder als Vorbild etwas „gereifter“ wirst?

Antonia Michaelis:

Gereifter als Vorbild für die Kinder oder durch die Kinder reifer als Vorbild für meine Leser? Ich hoffe, dass ich auf keiner Ebene ein Vorbild bin, Vorbilder sind die Herren und Damen mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger. Vielleicht kann ich, wenn ich mir Mühe gebe, als abschreckendes Beispiel dienen – wenn ich mal wieder mein Portemonnaie oder meinen Autoschlüssel verliere, mit Schokoladen-Verzierungen im Gesicht (beim Keksebacken mit dem Kind von nebenan) dem Postboten die Tür öffne, moralisch ganzganz verwerfliche Texte wie den Märchenerzähler schreibe oder einen ganzen Tag aus Zeitmangel von nichts als Schokolade lebe …

In Deinen Kinder- und Jugendbüchern vermischt sich oft auf berührende Weise Magisch-Fantastisches mit Realität und sie strahlen neben Dynamik auch Ruhe aus. Bedeutet das Schreiben dieser Geschichten auch eine Möglichkeit für Dich, vom turbulentem Leben da draußen zur Ruhe zu kommen?

Antonia Michaelis:

Manchmal ja. Manchmal ist es aber auch umgekehrt, und ich erhole mich in der realen Welt vom Trubel meiner Geschichten. Wenn dann im Computer ein Schneesturm tobt oder jemand erschossen wird, gehe ich erst mal in der realen Küche einen Kaffee trinken oder fahre zur Theaterprobe, wo es „nur“ ein bisschen Kindertrubel gibt und keine welterschütternd schrecklichen Geschehnisse.

Wie entstehen die Ideen zu Deinen Büchern, gibt es oft bestimmte selbst erlebte oder gelesene Situationen, auf die Du zurückgreifst?

Antonia Michaelis:

Wenn ich wüsste, wie Ideen im Kopf entstehen, wäre ich erstens Hirnforscher und zweitens reich. Ich bin immer selbst verwundert, woher sie kommen, die Ideen. Natürlich schleichen sich Situationen, die ich erlebt oder erzählt bekommen habe, in Bücher, aber was dann daraus wird, geschieht im Kopf ganz von selbst.

Wie kam Dir die Idee zu dem „Märchenerzähler“?

Antonia Michaelis:

Ähnlich wie die letzte Frage kann ich hier selbst nur raten. Zu oft in der Studentenzeit mit dem Rad an den Plattenbauten von Schönwalde vorbeigefahren?

Arbeitest Du mit einem Storyboard, Zettelkasten o.ä.?

Antonia Michaelis:

Was ist ein Storyboard? Ich bewahre die meisten Ideen in meinem Kopf auf, manche fallen offensichtlich auch raus; die liegen dann irgendwo in der Luft und werden von jemand anderem aufgegriffen, und dann bin ich immer erstaunt, wenn irgendwer ein Buch darüber rausbringt.

Hast Du schon bei Beginn einer neuen Geschichte einen fest abgesteckten Handlungsrahmen und feste Personen oder entwickelt sich das alles erst im Laufe des Schreibens?

Antonia Michaelis:

Am Anfang war das Wort. Manchmal stimmt das tatsächlich, und zu Beginn steht ein schönes Wort, ein Titel, ein Satz. Als nächstes spielt sich eine Art Kino-Trailer im Kopf ab, der einzelne, schöne Szenen zeigt und eine Stimmung wiedergibt, und ich denke: Diesen Film möchte ich sehen! Das geht leider nicht, und deshalb muss ich selbst darüber nachdenken, wie die Szenen zusammengehören und was man tun muss, damit die besagte Stimmung entsteht. Darauf folgt dann ein detaillierter Handlungsrahmen, der schön brav in den Computer getippt wird, und spätestens dann denke ich: Was für eine blöde Geschichte.

Beim Schreiben wird es zum Glück wieder besser …

Manchmal schleicht sich eine Person uneingeladen und verspätet in die Handlung, oder der Plot ändert sich unerwartet während des Schreibens. Bei der „Nacht der gefangenen Träume“ wusste ich selbst bis zum Ende nicht, mit wem Frederic, der Protagonist, zu Beginn der Kapitel eigentlich spricht.

Wie lange arbeitest Du an einem Manuskript bis zur Abgabe?

Antonia Michaelis:

Ui, das kommt drauf an. Abgeben tue ich die Manuskripte meist mir selbst, da ich schon lange keine richtigen Auftragsarbeiten mehr mache, bis auf die berühmten „Erstleser“. Für die braucht man so eine Woche.

Für richtige Bücher ein paar Monate. Je nach Katastrophenstand zu Hause.

Gibt es Testleser?

Antonia Michaelis:

Bei den letzten beiden Jugendbüchern ja.

In Deinem ausgefallenen Lebenslauf schreibst Du, dass Du Deine Abiturarbeit über Faust II geschrieben hast (und auch bestanden?)(15 Punkte für den völlig abstrusen logisch hergeleiteten Beweis, dass Mephisto der bessere Mensch und philosophisch gesehen Nihilist ist, wie ich auch, – A.M.), ohne ihn aber jemals gelesen zu haben.
Zwei Fragen hierzu:

Für alle neugierigen, aktuellen Schüler: Wie schafft man das?

Antonia Michaelis:

Man hat den Leuchtturmwärter als Deutschlehrer. Also nicht mein Verdienst. Liebe Schüler des Annagymnasiums, das nützt Euch leider, leider nichts mehr, denn er ist jetzt pensioniert.

Für neugierige, ehemalige Schüler: „Klassiker“ scheinen nicht zu Deinen favorisierten Lesegewohnheiten zu gehören. Liest Du gerne Fantasy-Literatur und/oder Märchen?

Antonia Michaelis:

Nein, ich bin kein Fantasyleser. Die wiederholte Errettung der Welt durch zwei aufeinander treffende Heere mit Hörnern, Klauen, Flügeln und Glitzerstaub in den Augen, das „gute“ davon angeführt durch ein bislang unterschätztes armes Waisenkind mit plötzlich entdeckten magischen Fähigkeiten – nee. Das ist eine Nummer zu groß für mich.

Was reizt Dich besonders?

Antonia Michaelis:

Personen und ihre Eigenheiten. Abstruses. Sprachlich schönes. Sarkastisches. Merkwürdiges. Nicht-in-Genres-hinein-zu-pressendes. Statt Klassikern habe ich in meiner Schulzeit Arno Schmidt gelesen, obwohl ich Zettels Traum wegen des Formats noch nicht geschafft habe (es nimmt sich einfach schlecht mit ins Bett, bzw. dann ist im Bett kein Platz mehr für einen selbst), momentan lese ich J.F. Foer, auch mal Pynchon, Salman Rushdi, Haruki Murakami, Matt Ruff, langweilig vielleicht, weil das alle tun: Franzen … und sehr gerne Kate Atkinson.

Ich gebe zu, dass ich kaum deutsch lese, weil ich dann immer zwanghaft anfange, die Sprache mit meiner eigenen zu vergleichen (uaaa, die sind ja alle viel besser als ich …), das ist im Englischen entspannender. Außerdem halten die englischen Bücher länger. Freedom zum Beispiel habe ich als Free auf den Andamanen und als Dom anschließend in Kerala gelesen – ich wollte einfach nicht das ganze Ding schleppen und habe es in der Mitte auseinandergeschnitten. Wer das selbe mit meinen Büchern tun möchte, bitte gerne!

Dein letztes Buch „Der Märchenerzähler“ ist ja ein sehr großer Erfolg!

Es gibt aber auch kritische Stimmen, die sagen, dass in der Geschichte nachlässig und oberflächlich der Verkauf von Drogen heruntergespielt wird und dass Anna über den sexuellen Übergriff von Abel relativ einfach hinwegsieht und ihm sich ihm fast widerspruchslos nähert. Die Kritiker fragen sich, wie junge Mädchen mit diesem etwas unkritisch platzierten Stellenwert der Frau umgehen sollen?

!!ACHTUNG SPOILER!!

Wenn Du das Buch noch nicht gelesen hast, solltest Du die Antwort überspringen!

Antonia Michaelis:

Na, endlich darf ich mal was zu diesem Thema sagen.

Erst mal hat das Buch mit Drogen nur sehr bedingt etwas zu tun, sie sind nicht Thema, sondern Randerscheinung; Partydrogen als Bestandteil der Spaßgesellschaft. Wie jede anständige Schule hatten wir damals unsere Schulhofdealer, und das ist sicher noch immer so …Wichtiger und mehr diskutiert der „sexuelle Übergriff“. Sagen wir doch ganz einfach Vergewaltigung. Wobei es ja nicht so ist, dass er hinter einem Busch hervorspringt und sie niederringt, sondern eher umgekehrt.Erst mal einen Dank an all jene, die darüber diskutieren. Denn genau das ist es, was ich möchte. Ein Buch, das nicht diskutiert wird, nicht kritisiert wird, nichts auslöst, ist für die Katz. Und die kann so schlecht lesen …Ja: Ein Buch ist Diskussionsstoff, keine Lebensanleitung.Oft höre ich, das Buch wäre als Jugendbuch fehlplatziert. Das kann sein, wobei sowohl der Verlag als auch meine Webseite es ausdrücklich erst ab 16 empfehlen. Es liegt wohl aber eher an der Person des Lesers als an seinem absoluten Alter, ob das Buch für ihn geeignet ist oder nicht. Aber was sollen wir denn auf das Buch drauf schreiben als Warnung? In etwa: Vorsicht, wer dies liest, sollte fähig sein, selbständig zu denken? Obwohl ich wie gesagt dankbar über Diskussionen bin, muss ich nun aber doch in die Bresche springen und meine Anna einmal (und nur hier. Und nie wieder) verteidigen dürfen: Interessant ist, dass offensichtlich Mord in unserer Gesellschaft leichter verziehen wird als Vergewaltigung. Interessant ist auch, dass diese Gesellschaft ein so großes Problem mit dem Verzeihen an sich hat. Ich bin kein Christ – bin ich, und das ist erstaunlich – dennoch zu christlich geprägt? Der Gott der Bibel verzeiht das schlimmste, dem Mensch sein Menschsein. Auch Anna geht den ganzen Weg, sie verzeiht ebenfalls „das schlimmste“. Und dafür muss sie sich nun von den Lesern mit Matsch bewerfen lassen. (Mit meinem Frauenbild hat die Sache absolut nichts zu tun, wir könnten die Geschichte auch umdrehen, aber das ist technisch etwas schwierig.)
Der Satz, der mir immer wieder in den Sinn kommt, wenn ich glühende Hasstiraden gegen Anna lese, ist der von Brecht über „die Abenteurer mit dem kühnen Wesen, die stets so frei sind und die Wahrheit sagen, damit die Spießer etwas kühnes lesen …“ Ja, vielleicht war ich da zu viel Abenteurer. Was alle Kritiken in jedem Fall beweisen, ist, dass die Gesellschaft genauso funktioniert, wie das Buch sie beschreibt. Anna gehört zu einer eigensinnigen Minderheit, die sich nicht darum schert, was die anderen denken und was von ihnen als richtig betrachtet wird. Nun ist es eine Mehrheit, nicht eine Minderheit, die das Buch liest, die Anna be- und ver-urteilt: genau jene Mehrheit, als deren Antagonist ich Anna betrachte. Die Mehrheit wirft ihr vor, sie wäre schwach und naiv. Ich sage, als Angehöriger der Seifenblasen-Minderheit: Sie ist stärker als die Meisten von uns. Und sie entwickelt sich durchaus, weg aus der heilen Umgebung ihrer Kindheit; sie erkennt die Schlechtigkeit der Welt an und versucht, etwas zu ändern anstatt zu verurteilen. Am Ende jedoch zerbricht sie an Abels Tod und an dieser Gesellschaft. Übrigens: Wer Abel nicht verzeiht und daraus die absolute Konsequenz zieht, ist Abel selbst. Er verabschiedet sich nicht nur aus dem Leben, sondern richtet sich im weiteren Sinne selbst. Das hat aber wieder mal keiner der Kritiker gemerkt.

Deine Geschichten sind im Kinder- und Jugendbuch-Genre zu finden. Mit „Der Märchenerzähler“ ist Dir ein Werk gelungen, dass wirklich altersübergreifend anspricht. Reizt es Dich, ein „klassisches Erwachsenen-Buch“ zu schreiben oder bleibst Du lieber beim genannten Genre?

Antonia Michaelis:

„Der letzte Regen“ zum Beispiel ist ein „Erwachsenenbuch“. Es gibt mehr, aber es ist schwer, diese Bücher an den Mann zu bringen, wenn man als Kinderbuchschreiberling bekannt ist. „Die Worte der weißen Königin“ (ab August bei Oetinger) ist eigentlich auch für Erwachsene, wir machen hier Belletristik im Tarnmantel des Jugendbuchs.

Zum kreativ schreibenden Menschen gehört fast immer auch das Thema Schreibblockade.

Hast Du schon einmal eine gehabt und was machst Du dagegen?

Antonia Michaelis:

Ganz einfach: Schreiben.

Und zum Schluss die berühmten drei Fragen:

Wann schreibst Du?

Antonia Michaelis:

immer

Wie schreibst Du?

Antonia Michaelis:

Laptop

Wo schreibst Du?

Antonia Michaelis:

überall

Vielen lieben Dank, liebe Antonia Michaelis, dass Du Dir in Deinem vollen, bunten Terminkalender die Zeit für dieses Interview genommen hast.

Ich wünsche Dir, dass Dir weiterhin noch ganz viele neue Ideen begegnen, aus denen Du dann interessante und erfolgreiche Bücher kreierst.

Sabine Hoß, Juni 2011

(c) Antonia Michaelis

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