Interview mit Elisabeth Herrmann

Elisabeth Herrmann wurde 1959 in Marburg an der Lahn geboren und lebt heute in Berlin. Nach Ihrem Studium arbeitete sie als Fernsehjournalistin beim RBB. Ihr erster Roman „Das Kindermädchen“ wurde 2005 von der Jury der KrimiWelt-Bestenliste als bester deutschsprachiger Krimi des Jahres ausgezeichnet und mit diesem Buch erlebte die Autorin ihren Durchbruch (die Verfilmung war gerade für den Bambi nominiert). 2011 erhielt Elisabeth Herrmann den Radio Bremen Krimipreis, 2012 wurde ihr Roman „Zeugin der Toten“ mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Ende des Monats beginnen die Dreharbeiten zu ihrem Buch „Die letzte Instanz“.


Elisabeth Herrmann ((c) Max Lautenschläger)

Elisabeth Herrmann ((c) Max Lautenschläger)

 

Auch wenn es eigentlich eine nicht sehr originelle Frage ist, würde es mich trotzdem interessieren, was Sie zu diesem Thriller inspiriert hat?

Ein unglaublich beeindruckender Urlaub im saukalten Harz, eine Nachricht über Kindesmisshandlung, die sie berührt, aufgeregt hat oder…?

Elisabeth Herrmann:

Ich liebe den Harz. So eine verwunschene, märchenhafte Gegend, in der ich mich sofort zuhause gefühlt habe. Vor allem das wildromantische Bodetal war eine Entdeckung – Altenbrak wurde in „Schattengrund“ dann einfach zu Altenbrunn. Wie schon in „Lilienblut“ wollte ich einen Schauplatz haben, den es auch in der Realität gibt. Ich weiß, dass viele erst durch diese Schiffergeschichte Lilienblut, die am Rhein spielt, nach Andernach gefahren sind und diesen geheimnisvollen, toten Flussarm gesucht – und gefunden haben. „Schattengrund“ selbst gibt es nur in der Fantasie. Aber wenn man einem der Wanderwege hinter Altenbrak in die Berge folgt, dann könnte man es finden …

Krimis, Thriller leben von der dunklen Seite, die wir alle in uns tragen. Was fasziniert Sie persönlich an diesen facettenreichen Abgründen?

Elisabeth Herrmann:

Eigentlich das Rätsel. Deshalb bin ich auch kein Freund von bluttriefendem Splatter. Ein guter Thriller, ein guter Kriminalroman baut Spannung auf, indem es zum einen auf das Unvermeidliche zusteuert – die Aufklärung, die meist noch mit einem letzten Showdown, einem großen Vorhang für den Täter und seinen Jäger endet. Zum anderen aber liebe ich es selbst, zu kombinieren, in die Irre geführt zu werden und mir meine eigenes Ensemble von Verdächtigen in einem Buch zusammenzustellen. Im Grunde ist es ein strategisches Spiel, bei dem am Ende alles an seinem Platz sein muss. Dazu kommt noch eine zweite Sache: Als Journalistin habe ich viel gesehen, war an Tatorten und in Gerichten, habe Menschenschicksale mit Anteilnahme verfolgt und mich über Ungerechtigkeiten empört. „Das Kindermädchen“ ist so entstanden. Der Beginn von „Die letzte Instanz“ war ein Unfall in Spandau, und „Die siebte Stunde“ der Amoklauf von Winnenden. Die Wirklichkeit berührt und verletzt mich, mit einer – und in einer – Geschichte kann ich versuchen, das für mich zu verarbeiten und die Schuldigen zu stellen. Ehrlich gesagt – ich glaube, ich schreibe ganz schön viel für mich selbst … 🙂

 „Schattengrund“ ist Ihr zweiter Thriller für Jugendliche, der aber auch erwachsene Leser fesselt. Machen Sie Unterschiede beim Schreiben für die jüngere Lesergruppe und wenn ja, inwiefern?

Elisabeth Herrmann:

Ja. Bei den Büchern für Erwachsener kommt schon mal meine Ironie zum Zug. Da darf ich lästern. Und es gibt auch „Stellen“, die nicht so ganz jugendfrei sind. Ich glaube, junge Leute scheren sich nicht viel um das, was Menschen meines Alters umtreibt. Zu recht. Als ich sechzehn war, träumte ich davon, dass alles ganz einfach wäre: Jeder müsste nur zu jedem gut sein, und alles wäre gut. Man hat viel Schwarz-Weiß in sich. Die Schattierungen, das Sowohl als auch, das manchmal auch sehr feige Relativieren kommt erst später. Und noch etwas unterscheidet Jugendliche von Erwachsenen: Das Leben ist ein Plätzchenteller, um man kann aussuchen, was man will, mal hier knabbern, sich dort den Magen verderben, alles verschlingen oder auch nur herumschieben … später hat man nicht mehr so viel Auswahl. Da fehlt die Zeit, zu probieren. Oder man hat einfach keinen Appetit mehr, weil man schon alles kennt. Kurz: Ich glaube, wenn man jung ist, hat alles noch so etwas Einmaliges an sich. Der erste Kuss, die erste Liebe, der Glaube ans Gute, aber auch das Zweifeln, das Suchen, das Tasten … deshalb sind meine Jugendbücher nicht nur witziger, sondern auch poetischer, romantischer als meine Erwachsenen-Thriller.

Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen Krimi und Thriller?

Elisabeth Herrmann:

Ein Kriminalroman hat einen Ermittler, der ein Verbrechen aufklärt. Im Thriller ist es oft so, dass ganz normale Leute plötzlich in schreckliche Situationen geraten und sie nicht den Auftrag haben, etwas aufzudecken wie ein Polizist, sondern einfach nur die eigene Haut oder ihre Liebsten retten wollen.

Es gelingt Ihnen mit einer bilderreichen Sprache wunderbar, den Leser mühelos in eine eiskalte, schneeumtoste Atmosphäre eintauchen und frieren zu lassen. Mögen Sie den Winter oder sind Ihnen die anderen Jahreszeiten näher?

Elisabeth Herrmann:

Hmmm … also ich liebe die Sonne. Ich habe das Buch in Südfrankreich geschrieben, da hatte ich dann Eiswürfel im Wasserglas, wenn es mal klirren sollte. 🙂 Ehrlich gesagt – den Winter selbst mag ich. Aber diese zögerlichen, grauen, nasskalten Monate, bis sich der Frühling endlich durchsetzt, die mag ich nicht.

Sie haben in „Schattengrund“ zahlreiche komplexe Themen geschickt miteinander verbunden. Unter anderem geht es um Ur- und Gottvertrauen, verbunden mit einem durchaus kritischen Blick auf manch fragwürdige Stellungnahme der katholischen Kirche.

Sind Sie ein gläubiger, gottvertrauender Mensch oder kommen diese Glaubens-Fragen auch in Ihrem Leben immer wieder hoch und lassen evtl. zweifeln??

Elisabeth Herrmann:

Ja, ich bin gläubig und ja, ich habe Zweifel. All das Elend auf unserer Welt ist menschengemacht, da hat kein Gott seine Hand im Spiel. Wo war Gott denn, als Janusz Korczak mit den Kindern in den Zug nach Auschwitz stieg? Und dann denke ich, er war dabei. Aber was für ein machtloser Gott ist das, was für ein Versager … aber vielleicht einer, der uns wirklich ein Licht ist in unseren dunkelsten Stunden. So geht das hin und her. Ich hadere, dann bin ich wieder dankbar. Im Übrigen hat Glauben für mich nichts mit der Institution Kirche zu tun. Aber ich bin in der Kirche, weil sie viele gute Dinge tut, die sonst wohl kein anderer übernähme.

Eine andere berührende Frage ist die, dass nach einer  ungeheuerlichen Straftat eines Familienmitglieds die betroffene Familie vor der Frage steht, wie man damit umgehen soll. Kann, soll, darf man einem Menschen, den man bisher ganz anders wahrgenommen hat,  Liebe, Vertrauen und Achtung geschenkt hat, verzeihen – oder ist eine solche Schuld unverzeihbar?

Wie ist Ihre Meinung?

Elisabeth Herrmann:

Es gibt nur eine Lösung: Verzeihen. Das ist die schwerste Aufgabe von allen. Ich wollte in „Schattengrund“ in erster Linie aufzeigen, dass es Lösungen gibt. Therapien, Behandlungen. Wenn Täter sich solchen Maßnahmen unterziehen und echte Reue zeigen, sollte man versuchen, zu verzeihen. In erster Linie für sich selbst, denn Hass vergiftet. Aber wegsehen und vertuschen hilft niemandem. Das rächt sich noch viel mehr.

Gibt es Themen, bei denen Sie der Meinung sind, dass sie für einen Krimi/Thriller nicht umsetzbar sind – und warum?

Elisabeth Herrmann:

Ja, die gibt es. Ein Kollege aus Großbritannien hat in seinem Buch eindeutig eine Grenze verletzt. Als ich darauf hinwies, wurde ich mit dem Schlachtruf „Das ist doch Fiktion!“ niedergebrüllt. Aber wenn es so lustvoll und mit einer so widerwärtigen Genauigkeit beschrieben wird, dreht sich mir der Magen um. Ich sage nicht, was es war, aber ich habe ein Problem mit Sadismus und dem Auswälzen solcher Passagen. Keine Ahnung, wer das liest, aber es verkauft sich gut.

Hinter Ihren Romanen steckt eine solide und detaillierte journalistische Recherche. Lassen Sie die Geschichte und Personen sich während des Schreibens entwickeln oder entwerfen Sie vorher einen recht genauen Plan von Charakteren und Plot am „Reißbrett“?

Elisabeth Herrmann:

Ich mache einen Plot, aber dann sehe ich, was sich daraus entwickelt. Im Februar kommt mein Thriller „Das Dorf der Mörder“ heraus. Der Plot: Ein junger Psychologe soll an einem Gutachten mitarbeiten, das die Zurechnungsfähigkeit einer Mörderin betrifft. Er verliebt sich dabei ausgerechnet in deren Schwester und findet heraus, dass in der Kindheit der beiden in einem kleinen Dorf etwas passiert sein muss … tja. Schön ausgedacht. Und dann taucht eine Streifenpolizistin auf, ist als erste am Tatort, und drängelt sich dermaßen in die Ermittlungen und in mein Buch – dass sie jetzt die Hauptperson ist! Sowas passiert immer, und es macht mich fröhlich, wenn ich merke, da will eine Figur mehr, mehr, mehr … auch Schauplätze können dann plötzlich dazukommen, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Bei „Zeugin der Toten“ war es Malmö. Also machte ich mich im Januar von Travemünde auf einer finnischen Fähre mit lauter betrunkenen LKW-Fahrern auf nach Schweden. Ich liebe das!

Können Sie sich vorstellen, einen Roman in einem ganz anderen Genre zu schreiben?

Elisabeth Herrmann:

Aber ja. „Konstanze“ Und „Konstanze – Die zwei Könige“ sind Historienromane über die Frau von Friedrich dem Staufer. Und gerade jetzt schreibe ich eine süße Liebesgeschichte für junge Mädchen mit dem Titel „Seifenblasen küsst man nicht“. Aber im Großen und Ganzen werde ich dem Kriminalroman treu bleiben.

Und nun auch für Sie zum Schluss die berühmten drei letzten „Bücher leben!“Fragen:

Wann schreiben Sie? (morgens, mittags, abends, immer)

Elisabeth Herrmann:

Immer. Völlig undiszipliert, weil nicht geplant und grade wann es sonst so in den Kram passt.

Wie schreiben Sie? (PC, per Hand, Laptop)

Elisabeth Herrmann:

Laptop. Aber ich habe immer ein Notizbuch dabei, in das ich Wörter oder Begriffe schreibe, die mir gefallen. Gerade habe ich „hochgejazzt“ reingeschrieben. Jeder weiß, was damit gemeint ist, nämlich etwas hochjubeln, aber als Teil meines eigenen Wortschatzes hatte ich es noch nicht.

Wo schreiben Sie? (Küchentisch, Arbeitszimmer, Baumhaus, überall)

Elisabeth Herrmann:

In meiner Besenkammer. Einem winzigen Zimmer, das eigentlich ein Abstellraum ist.

Liebe Frau Herrmann, ich danke Ihnen herzlich für Ihre interessanten, ausführlichen Antworten und wünsche Ihnen für Ihren weiteren Bücher und Projekte viel Erfolg!

Sabine Hoß

Eilsabeth Herrmann:

Vielen Dank für die tollen Fragen! Es war eine Freude!

 

 

 

 

 

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