Interview mit Christine Fehér

Christine Fehér, Jahrgang 1965 und in Berlin geboren, absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung am Pädagogoisch-Theologischen Institut in Berlin zur evangelischen Religionslehrerin. Neben ihrer Arbeit an Grundschulen, wo sie auch heute unterrichtet, waren für Christine Fehér die Jahre, in der sie in der Schule einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie unterrichtet hat, besonders wichtig. 2001 erfüllte sie sich ihren Traum, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben mit ihrem ersten Buch „Komm mit zum Ballett“ aus der Reihe „Luisa“ (Kerle /Herder). Danach folgten viele andere Bücher für Kinder und Jugendliche, wobei sie gerne ihren Schwerpunkt auf Jugendbücher mit sozial-kritischen Themen legt.

Zu ihrem aktuellen Buch „Dann mach ich eben Schluss“ habe ich die sympathische Autorin interviewt.

Christine Féher (Foto (c) Isabelle Grubert, Random House)

Christine Féher (Foto (c) Isabelle Grubert, Random House)

 

Gab es ein konkretes Erlebnis, das Sie zu dieser Geschichte geführt hat oder hat das reale Szenario, dass Schüler, die Dank G 8 mehr als eine 40-Stunden-Woche haben, hinzu ein Elternhaus, das auf gute Noten/Abi pocht, damit die Zukunft „gesichert“ ist, schon lange in ihren Gedanken gereift?

Christine Fehér:

Ein konkretes Erlebnis gab es nicht, es war eher so, wie Sie es in der frage formulieren. Zudem war mir und meiner Lektorin bekannt, dass Suizid eine der häufigsten Todesursachen unter Jugendlichen ist – Grund genug, dies in einem Jugendroman zu thematisieren. Mit Maximilian wollte ich eine Figur entwickeln, in der sich viele junge Menschen wiedererkennen: Still, zurückgezogen, eher unauffällig, immer bemüht, es allen recht zu machen und niemanden zu enttäuschen, verunsichert, unentschlossen und in der Persönlichkeit noch nicht ausgereift. Eine Person, die aufgrund dieser Eigenschaften unter dem Druck von außen verzweifelt und die angestaute Wut gegen sich selbst richtet, statt aufzubegehren. Nicht nur G8 setzt Schüler (und Eltern!) enorm unter Leistungsdruck; auch in der Grundschule beobachte ich, wie durchgeplant mit Aktivitäten, die allein optimale Förderung zum Ziel haben, der Nachmittag vieler Kinder bereits ist. Was fehlt, sind Tage, an denen sie einfach mal versunken vor sich hinspielen können und sich ruhig auch mal langweilen, damit sich ihre eigene Kreativität entfalten kann. Was nützt meinem Kind das freudlose Pauken komplizierter Sonaten auf der Geige, wenn es dadurch keine Zeit hat, sich mit Freunden oder Geschwistern oder ganz für sich selbst eigene Geschichten und Rollenspiele mit den Stofftieren und Puppen im Kinderzimmer auszudenken oder draußen auf dem Hof Roller zu fahren?

Sie sind selber Grundschullehrerin und präsentieren mit den beiden Mathelehrer Brückner und Bollschweiler zwei völlig unterschiedliche Pädagogen. Besonders Letzteren trifft man leider immer häufiger an Schulen.

Haben Ihrer Meinung nach Schüler und Eltern überhaupt Möglichkeiten, sich gegen die Art und Weise (Macht) eines „Bollschweiler“ zur Wehr zu setzen?

Christine Fehér:

Ich denke schon. Sich gegen Lehrer zu wehren – das können Eltern heutzutage ziemlich gut und haben da auch keine Scheu mehr. Gegen Verhaltensweisen, wie Bollschweiler sie z.B. der Schülerin Philine und auch Max gegenüber zeigt, also polemische Sprüche, Bloßstellen vor der Klasse usw., würden sich Eltern sicher sofort zur Wehr setzen – dies setzt allerdings voraus, dass die Schülerin sich auch traut, zu Hause davon zu erzählen. Wenn die Kommunikation zwischen Kindern und Eltern nicht so offen ist, etwa weil die Eltern zu wenig Zeit und Interesse haben oder durch eigene Probleme überfordert sind, kann sich ein/e sensible/r Schüler/in schnell allein gelassen fühlen.

Wie hätte man Max aus seiner Verzweiflung und Überforderung eine Brücke bauen können?

Wäre er überhaupt in der Lage gewesen, diese Brücke zu erkennen und sie anzunehmen?

Christine Fehér:

Der andere Lehrer, Werner Brückner, hat es schon ganz richtig gemacht, indem er Max aufgezeigt hat: Sieh mal, Junge, hier wird es verdammt eng für dich, aber an der und der Schule hättest du eine echte Chance, weil dort deine wahren Begabungen mehr Raum bekommen. Die Eltern hätten für eine solche Entscheidung offen sein müssen und Max einen erfolgreichen Schulwechsel zutrauen und ermöglichen müssen – auch wenn er dafür evtl. später einen weniger lukrativen Job finden würde als mit einer Bestnote im Zentralabitur. Ob man später einen Arbeitsplatz findet, weiß man zum Zeitpunkt des Schulabschlusses oihnehin nicht – aber wenn man die Richtung verfolgen darf, die einem wirklich liegt, hängt man sich m.E. automatisch auch bei der Berufswahl mehr rein, wirkt dadurch motivierter und hat größere Einstellungsschancen, als wenn man halbherzig den Eltern zuliebe irgend etwas studiert, was man nicht möchte.

Sie kritisieren deutlich den Druck, das Pensum, die wenige Freizeit, die den Abiturienten heute durch G 8 aufgebürdet ist. Vorschläge und Überlegungen, wieder wie früher zu 13 Schuljahren zurückzukehren wurde von der Politik abgewiegelt. Die Lösung sollen weniger Hausaufgaben sein…

Viele Schüler wissen nach dem Abitur noch nicht wirklich, was sie eigentlich studieren wollen, ob und welche Ausbildung für sie passt.

Wie ist Ihre Meinung als Lehrerin und Mutter zu dieser Entwicklung?

Christine Fehér:

Als Mutter habe ich früh darauf geachtet, welche Begabungen unsere Kinder zeigen, womit sie sich gerne beschäftigen, was ihnen liegt und sie begeistert. Darin habe ich sie bestärkt, entsprechende Freizeitangebote vorgeschlagen. Nur vorgeschlagen, nie aufgezwungen, und wenn sich herausstellte, dass es doch nicht das richtige war, durften sie auch wieder aufhören. Mein Mann und ich haben auch immer auf genügend Zeit zum freien Spiel geachtet. Später haben wir den Kindern bei der Suche nach Schülerpraktika in genau den Bereichen, die sie interessieren, geholfen; bei der älteren Tochter meines Mannes waren es zuerst Tiere, dann kleine Kinder und bei unserer gemeinsamen jüngeren Tochter alles, was mit Schauspiel, Gesang, Film und Fernsehen zu tun hat, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Wir haben beide immer unterstützt und dies hat nachhaltig ihre Berufswahl beeinflusst. Der Sohn brauchte etwas länger, um herauszufinden, was er wirklich will. Ihm half der Wechsel an eine Fachoberschule, vor allem aber zwei längere Auslandsaufenthalte, in denen er viele verschiedene Menschen und Kulturen kennengelernt hat und größtenteils für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen musste. Als er zurückkam, wusste er, was er vom Leben erwartet und lernte einen Beruf, in dem er heute sehr glücklich und erfolgreich ist und sich darin ständig kreativ weiter entwickelt. Dies ist die Kurzfassung – natürlich gab es auch bei uns immer wieder mal Zweifel und Schwierigkeiten. Unter dem Strich ist es aber so gelaufen und deshalb rate ich auch als Pädagogin allen Eltern, nach Möglichkeit ähnlich vorzugehen.

Vom Beginn der Geschichte bis zum Ende geht man als Leser davon aus, dass Max den Wagen bewusst gegen einen Baum gesteuert hat. Dann geben Sie am Schluss dem Ganzen eine seltsame, irritierende Wendung.

Warum haben Sie diese Einschnitt gewählt, was beabsichtigen Sie damit?

Christine Fehér:

Dieses Ende ist eigentlich keine Wendung, sondern zeigt auf, wie Maximilian sich in der kritischen Nacht entschieden hätte, wenn er in sich selbst mehr geruht hätte und sein Leben selbstbewusst in die Hand genommen hätte, statt immer nur zu versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Manche Leser hat es irritiert, andere schrieben mir: Zum Glück ist dieses alternative Ende noch angefügt worden! Es zeigt, dass es immer eine bessere Alternative als den Selbstmord gegeben hätte.

Mit welchen nachhallenden Gedanken würden Sie sich wünschen, legen Schüler, Eltern und Lehrer dieses Buch am Ende zur Seite?

Christine Fehér: Schüler:

„So wie Max möchte ich nicht enden. Über mein Leben bestimme immer noch ich. Ich weiß, was ich kann und erreichen will und diese Ziele werde ich konsequent verfolgen, in der Schule, dem Beruf, aber auch im Freundeskreis und in der Liebe. Wenn ich auf die Nase falle, kann ich mich immer noch nach etwas anderem umsehen – aber dann habe ich es wenigstens versucht.“ – Eltern: „So wie Max soll mein Kind nicht leiden müssen. Ich werde in Zukunft mehr darauf achten, was es wirklich kann und möchte und es ermutigen, zu sich und seinen Begabungen zu stehen. Ich will eine Mutter/ein Vater sein, zu der/dem mein Kind Vertrauen hat und an die/den es sich wendet, wenn es nicht mehr weiter weiß.“ – Lehrer: „Ich möchte als Pädagoge nie die Persönlichkeiten meiner Schüler aus den Augen verlieren, möchte den Respekt vor ihnen behalten, den ich umgekehrt von ihnen auch erwarte. Wenn ein Schüler in meinem Fach keine guten Leistungen bringt, ist er deshalb noch lange nicht grundsätzlich faul oder unfähig. Auch ältere, fast erwachsene Schüler brauchen ansprechend gestalteten Unterricht und immer mal ein aufmunterndes Wort.“ – Alle: „Ich will ab jetzt mehr darauf achten, ob meine Mitmenschen Signale der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aussenden und will dann versuchen, für sie da zu sein oder anders für Hilfe zu sorgen.“

Wenn Sie mit diesem Buch auf Lesungen sind, welche Fragen oder Bemerkungen haben Sie immer wieder von Jugendlichen wie auch von Erwachsenen gehört?

Christine Fehér:

Vor allem die Frage:

Warum ist Max nicht allein gegen den Baum gerast, sondern hat auch den Tod bzw. Verletzungen anderer riskiert?  Und ganz allgemein wird bei Lesungen immer über Max und die anderen Personen im Buch so engagiert diskutiert, als wäre die Geschichte real und nicht erfunden. Für mich zeigt das, wie brisant die darin aufgezeigte Problematik in unserer Gesellschaft wirklich ist.

Wie bekommen Sie Ihren Beruf als Grundschullehrerin, die Schreibzeit und Lesungen und Ihr Familienleben zeitlich unter einen Hut?

Christine Fehér:

Die Kinder sind ja nun erwachsen und außer Haus und brauchen mich nicht mehr ständig. Mein Mann und ich haben uns im letzten Sommer getrennt, weshalb ich jetzt in einer eigenen kleinen Wohnung lebe. Im Schuldienst bin ich dank meiner tollen, verständnisvollen Schulleitung nur montags und dienstags je 7 Std. Also kann ich den Rest der Woche schreiben, Leserpost beantworten und Lesungen halten. Dennoch muss ich alles gut organisieren, besonders die Balance zwischen Freizeit und Schreiben. Wenn ich dem einen zu viel Zeit einräume, leidet das andere.

Wie gehen Sie mit dem Zeitdruck um, wenn der Abgabetermin eines Manuskripts immer näher rückt, Sie aber noch nicht mit Schreiben fertig sind?

Christine Fehér:

Dann schiebe ich Online-Interviews in den Order „unbeantwortete Mails“ 😉 und versuche, den Rest des Manuskripts unter Hochdruck fertigzustellen.

Und auch für Sie die letzten drei „Bücher leben!“ – Fragen am Schluss:

Wann schreiben Sie? (morgens, mittags, abends, immer)

Christine Fehér:

An meinen unterrichtsfreien Tagen nach Möglichkeit morgens einige Stunden und dann, nach einer ausgiebigen Mittagspause, am späten Nachmittag wieder und oft bis weit in den Abend hinein.

Wie schreiben Sie? (Laptop, per Hand, PC)

Christine Fehér:

Zu Hause am PC oder unterwegs am Laptop. Handschriftlich mache ich nur Notizen, habe dazu immer ein Büchlein in der Handtasche. Oft nutze ich aber dazu auch eine App auf dem iphone.

Wo schreiben Sie? (Arbeitszimmer, Küchentisch, Baumhaus, überall)

Christine Fehér:

Am liebsten zu Hause, ganz normal an meinem Schreibtisch, den ich mit Gegenständen dekoriert habe, die mir gefallen und die mir etwas bedeuten. Mein Blick fällt dabei auch oft auf den „Buxtehuder Bullen“ und die „Ulmer Unke“, meine beiden Literaturpreise, die ich für „Dann mach ich eben Schluss“ erhalten habe.

Sabine Hoß

 

 

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.