Interview mit Wulf Dorn

Wulf Dorn (Foto (c) Andreas Wanke, 2011)

Wulf Dorn (Foto (c) Andreas Wanke, 2011)

 

Wulf Dorn schreibt schon seit seinem zwölften Lebensjahr und bevor er im Erwachsenen-Krimi mit seinem Debütroman und Bestseller „Trigger“ (die Verfilmung ist in Vorbereitung) ein bekannter Autor wurde, hat er bereits viele Kurzgeschichten für Zeitschriften und Anthologien geschrieben, die mehrfach ausgezeichnet wurden.

Für „Bücher leben!“ hat sich der markante und sympathische Autor  für ein Mail-Interview Zeit genommen, um Rede und Antwort zu „Mein böses Herz“ zu stehen.

Die Protagonistin Doro ist 15 Jahre alt und steckt damit mitten in der Pubertät. In dieser Zeit kämpft man mit Selbstzweifeln, der Suche nach dem eigenen Ich, Stimmungsschwankungen und Unsicherheiten. Gleichzeitig ist Doro eine Synästhetikerin, die mit der Vermischung von verschiedenen Sinnesebenen noch mit einer weiteren Problematik zurechtkommen muss.

Wie sind Sie auf diese Protagonistin und speziell auf ihre ganz besonderen Fähigkeiten gekommen?

Wulf Dorn:

Für „Mein böses Herz“ wollte ich eine Protagonistin schaffen, mit der sich Jugendliche identifizieren können. Doro ist eine Figur, die mich von Anfang an fasziniert hat. Sie ist einerseits sensibel und unsicher, aber sie hat auch eine starke, kämpferische Seite. Hinzu kommt, dass sie sich anders fühlt als andere – ein Gefühl, das wir wohl alle in der Pubertät erleben: Einerseits sind wir keine Kinder mehr, aber eben auch noch keine Erwachsenen. Wir stehen mitten im Niemandsland und fühlen uns oft unverstanden.

Bei Doro kommt noch eine weitere Andersartigkeit hinzu: Sie ist Synästhetikerin – das bedeutet, sie sieht und versteht Dinge und Menschen auf eine weit intensivere Weise als wir Durchschnittsmenschen. Diese besondere Gabe, bei der es sich übrigens keineswegs um eine psychische Störung handelt, fasziniert mich schon lange. Ich habe bereits einige Synästhetiker kennengelernt und war jedes Mal aufs Neue beeindruckt von dieser Fähigkeit einer erweiterten Wahrnehmung. Das schien mir ein passendes Stilmittel, um Doros Gefühl des „Andersseins“ zusätzlich zum Ausdruck zu bringen.

Darüber hinaus war es eine interessante Erfahrung, Romanfiguren zunächst über ihre innere Farbe zu charakterisieren und ihnen dadurch eine Art „individueller Aura“ zu verleihen. Irgendwann überlegst du dann, welche Farbe du selbst für andere haben könntest … Sehr spannend 😉

Jeder Mensch trägt Gutes und Böses in sich. Was hat Sie dabei fasziniert, genau dies für Jugendliche zu beschreiben – und gibt es besondere Schwierigkeiten dabei?

Wulf Dorn:

Wie Sie schon erwähnt haben, ist die Pubertät eine Phase der Selbstfindung. In diesem Alter lernen wir, wie unser Umfeld das Gute, das Böse und die Grauzonen dazwischen definiert, und dass jeder von uns Anteile beider Seiten in sich trägt. Wir lernen auch, dass man nicht einfach nur „gut“ oder „böse“ ist, sondern dass sich diese Definition aus der Summe permanenter Entscheidungen ergibt. So entsteht in dieser Entwicklungsphase unser eigenes Bild von gut und böse, richtig und falsch.  Dieses Thema in eine spannende und unterhaltsame Geschichte zu verpacken und am Ende noch Spielraum für eigene Gedanken der Leser zu lassen, war eine interessante Herausforderung. Vor allem, da es mein erster Jugendroman war. Deshalb habe ich auch ziemlich gezittert, als das Buch in den Handel kam.

Inwieweit schreibt man bzw. schreiben Sie für Jugendliche anders als für Erwachsene?

Schreiben Sie gewisse Sachen vorsichtiger, zurückhaltender und wenn ja, welche?

Wulf Dorn:

In meinen Geschichten geht es ohnehin nie um vordergründige Brutalität oder Gewaltexzesse. Ich möchte auf subtile und unterschwellige Weise Spannung erzeugen, und in dieser Hinsicht hatte ich nicht den Eindruck, mich besonders zurückhalten zu müssen – vor allem nicht, seit ich weiß, dass auch meine Erwachsenenromane eine große jugendliche Leserschaft gefunden haben.

Aus meiner Sicht besteht der hauptsächliche Unterschied zum Erwachsenenthriller in der Geschichte selbst. Denn neben dem thrillertypischen Nervenkitzel muss es sich um ein Thema handeln, das Jugendliche interessiert und beschäftigt, mit Protagonisten, die eine Identifikationsmöglichkeit bieten. Deshalb glaube ich, dass eher das Gegenteil der Fall ist und man in Sachen erzählerischer Tiefe bei Jugendlichen sogar noch intensiver vorgehen muss.

Sehr oft findet man bei Jugendkrimis oder -thriller weibliche Protagonisten. Einmal, weil es merkwürdigerweise von den Verlagen so gewünscht wird, andererseits, weil der Autor es tatsächlich so vorgesehen hat. Ich habe bereits in meiner Rezension geschrieben, dass ich mich frage, wie sich wohl die Geschichte entwickelt hätte, hätte es einen männlichen Erzähler als Hauptfigur gegeben – trotzdem es ja eine männliche Parallele in dem Roman gibt.

Warum haben auch Sie bei der klassischen „Babysitter“-Ausgangsszene ein Mädchen gewählt?

Wulf Dorn:

Mit dem Babysitting jüngerer Geschwister habe ich selbst Erfahrung. Wir waren damals zu sechst und ich mit ein paar Jahren Abstand der Älteste. Da erlebt man so einiges – vom Windelwechseln bis hin zum Schwarzfahren mit dem Auto des großen Bruders ;-).

Trotzdem stand für mich von Anfang an außer Frage, dass ich die Geschichte aus der Sicht eines Mädchens erzählen werde. Auch wenn es sich nach dem klassischen Rollenklischee anhören mag, aber einem Mädchen gestehen die Leserinnen und Leser nun einmal ein deutlich breiteres Spektrum an Emotionalität zu. Ein Mädchen darf sich auch einmal schwach und hilflos fühlen und es offen zeigen. Und genau darauf kam es mir bei dieser Geschichte an. Denn abgesehen von ihrem inneren Konflikt, muss Doro gegen eben dieses Klischee des sensiblen, schwachen Mädchens ankämpfen, was enorm viel Stärke erfordert – erst recht, als sie nicht einmal mehr bei ihrem engsten Umfeld Glauben findet.

Übrigens kommt Doro auch bei den Jungs gut an, wie ich immer wieder bei Lesungen und aus Leserzuschriften erfahre. Neulich hat mir z. B. ein Vierzehnjähriger geschrieben, dass er Doro bewundert. Er selbst hätte sich vieles von dem nicht getraut, was Doro tut, um die Wahrheit herauszufinden. Diese Offenheit hat mich sehr beeindruckt und gefreut.

Sie stellen die Chinesische Weisheit „Das Böse lebt nicht in der Welt der Dinge. Es lebt allein im Menschen.“ Ihrem Buch voraus.

Wie haben Sie das Böse im Menschen erlebt?

Wulf Dorn:

Wir alle erleben es tagtäglich. Die Medien sind voll von Berichten über Betrug, Mord, Krieg, Folter und Gewalttaten. Vieles davon scheint weit entfernt, aber gelegentlich betrifft es auch unser unmittelbares Umfeld. In der Zeit, in der ich an „Mein böses Herz“ gearbeitet habe, erschoss ein Mann in meinem Nachbarort seinen Schwager und dessen fünfzehnjährigen Sohn wegen eines Erbschaftsstreits, und keine zwei Monate später wurde einer meiner Klinikkollegen von zwei Unbekannten verprügelt und ausgeraubt, als er mit dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg von der Arbeit war. Das Böse ist nun einmal allgegenwärtig.

Sie finden dann Ihr Buch gelungen und sind glücklich, „wenn der Leser über das Buch nachdenkt.“ Was würden Sie sich wünschen, was sollte dieses Buch bei den jungen Lesern auslösen?

Wulf Dorn:

Ich hoffe, mein Roman bietet Anstoß zur Diskussion und regt zum Nachdenken über die eigenen bösen Anteile an, die jeder von uns in sich trägt. Das Thema ist nun einmal sehr komplex und vielschichtig, und gerade darin liegt ja auch der Reiz.

Letztlich steht der pädagogische Aspekt für mich jedoch nicht im Vordergrund. Mir ist die Unterhaltung wichtig. Ich versuche, die Fragen von Gut und Böse auf spannende und wahrhaftige Weise zu transportieren, und hoffe, dass ich meine Leserinnen und Leser mit dieser Geschichte fesseln kann.

Sie sind gelernter Fremdsprachenkorrespondent und unterstützen seit 1994 Patienten einer psychiatrischen Klinik in der beruflichen Rehabilitationsphase.

Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen und wie sieht Ihre Arbeit dort aus?

Wulf Dorn:

Interessiert hatte mich Psychologie schon immer, aber dass ich wirklich einmal mit psychisch kranken Menschen arbeiten würde kam durch einen Zufall zustande. In den frühen 90ern war ich noch als Sachbearbeiter für ein Großunternehmen tätig und irgendwann ziemlich unzufrieden mit diesem Job. Mein Aufgabengebiet füllte mich einfach nicht aus. Dann sah ich die Stellenanzeige einer Klinik, die einen Jobtrainer für Patienten in der beruflichen Rehabilitation suchte, und bewarb mich. Ich bekam die Stelle, machte Zusatzkurse in Psychopathologie, Pharmakologie, Gesprächsführung usw. und vermittelte in den letzten achtzehn Jahren psychisch kranke Menschen nach ihrem Klinikaufenthalt ins Berufsleben. Parallel dazu war ich noch drei Jahre in einem EU-weiten Forschungsprojekt zur beruflichen Rehabilitation tätig.

In den letzten drei Jahren hatte ich den Psychiatrieberuf jedoch immer weiter reduzieren müssen, um mehr Zeit fürs Schreiben, Lesereisen, Buchmessen, Interviews usw. zu haben. Und da das auf Dauer keine Lösung war, habe ich mich nun ganz fürs Schreiben entschieden. Leicht fiel mir das nicht, da mir beide Tätigkeiten viel bedeuten. Deshalb werde ich mich auch weiterhin für die Belange psychisch kranker Menschen einsetzen, nur eben ehrenamtlich und in kleinerem zeitlichen Rahmen.

Haben Sie dort auch Synästhetiker kennengelernt und wenn ja, wie haben diese Menschen es geschafft, mit ihrer Gabe nicht als „Freak“ von ihrer Umwelt abgestempelt zu werden?

Wulf Dorn:

Wie vorhin schon erwähnt, ist Synästhesie an sich keine psychische Störung. Im Gegenteil, es ist eine besondere Begabung, die Welt mit einem breitgefächerteren Wahrnehmungsspektrum zu erfassen. Und manche synästhetische Formulierung findet sich ja auch im allgemeinen Sprachgebrauch wieder: etwa, wenn wir eine Farbe als „kalt“ oder „warm“ beschreiben oder sich die Aussprache eines Wortes für uns „hart“ oder „weich“ anhört. Insofern kenne ich keinen Synästhetiker, der unter seiner besonderen Gabe leidet oder deswegen gar als „Freak“ bezeichnet wird.

Wenn Doro gegen dieses Image ankämpfen muss, dann liegt es an ihren Wahnbildern, die durch ihre Synästhesie zwar noch zusätzlich intensiviert werden, deren Ursprung aber in ihren Schuldgefühlen zu suchen ist.

 „Mein böses Herz“ ist Ihr erster Jugendthriller. Wird es weitere geben?

Wulf Dorn:

Dafür gibt es noch keine konkreten Pläne. Aber da Doros Geschichte so positiv bei den jungen Lesern ankommt, kann ich mir durchaus vorstellen, wieder einen Jugendroman zu schreiben. Derzeit arbeite ich aber noch am nächsten Roman für Erwachsene.

Können Sie sich vorstellen, auch ein Buch in einem völlig anderen Genre zu schreiben, beispielsweise Fantasy oder Science-Fiction?

Wulf Dorn:

Genau genommen bewege ich mich ohnehin schon in mehreren Genres. Denn auch wenn auf meinen bisherigen Romanen das Wort „Thriller“ steht, vermischt sich darin auch ein wenig Schauerliteratur, Drama und das ein oder andere autobiografische Detail, um das wohl kaum ein Autor herumkommt. Aber wer weiß, vielleicht werde ich tatsächlich auch mal einen Ausflug in ein ganz anderes Genre machen. Irgendwann.

Wenn Sie sich entspannen wollen, was lesen Sie dann? Thriller, Krimis von Kollegen/Kolleginnen oder ganz etwas anderes – oder machen Sie sogar etwas ganz anderes als Lesen? 😉

Wulf Dorn:

Da ich viel Zeit vor dem Monitor verbringe, entspanne ich mich gern im Freien mit Sport oder Gartenarbeit. Oder ich treffe mich mit Freunden, gehe ins Kino oder zu Veranstaltungen. Und selbstverständlich vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht wenigstens ein paar Seiten lese.

Was meine Lesegewohnheiten betrifft, bin ich ein Allesleser. Natürlich mag ich Horror- und Spannungsliteratur ganz besonders, aber auch Reiseberichte, Klassiker und Humorvolles. Außerdem stöbere ich gern in Fachbüchern über Anatomie, Psychopathologie und Hirnforschung. Und ich interessiere mich sehr für Biografien bekannter Persönlichkeiten – von Marie Curie bis Iggy Pop ist da alles dabei 🙂

Und auch für Sie meine letzten drei berühmten Fragen 😉 :

Wann schreiben Sie? (morgens, mittags, abends, immer)

Wulf Dorn:

Meine produktivste Zeit ist frühmorgens bis mittags. Die Nachmittage nutze ich meist zur Überarbeitung und Recherche oder für Büroarbeiten.

Wie schreiben Sie? (Laptop, per Hand, PC)

Wulf Dorn:

Fast ausschließlich mit meinem Mac bzw. unterwegs mit einem Netbook. Zum einen, weil ich mit der Tastatur schneller bin als handschriftlich, vor allem aber, weil ich die Löschtaste für eine großartige Erfindung halte.

Wo schreiben Sie? (Arbeitszimmer, Küchentisch, Baumhaus, überall)

Wulf Dorn:

Ich mag Orte, an denen ich ungestört bin. Keine Menschen, kein Telefon oder Emails, einfach nur Ruhe. Während der kalten Jahreszeit verkrieche ich mich am liebsten in mein Arbeitszimmer. Sobald es warm wird, zieht es mich in unseren Garten hinter dem Haus, der herrlich versteckt liegt. Dann schreibe ich unter Apfelbäumen.

Die Idee mit dem Baumhaus finde ich übrigens sehr reizvoll. Vielleicht sollte ich mir eins bauen – dann könnte ich in Zukunft „auf“ statt „unter“ Apfelbäumen antworten 🙂

Lieber Wulf Dorn, herzlichen Dank für Ihre Zeit und interessanten, ausführlichen Antworten. Ich wünsche Ihnen noch ganz viel Erfolg für viele weitere so hochspannende, kluge und nachdenklich machende Bücher!

Wulf Dorn:

Ich bedanke mich für das Interview und die interessanten Fragen. Ihnen und Ihren Lesern eine gute Zeit und weiterhin viele spannende und unterhaltsame Leseerlebnisse.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.