Interview mit dem Arbeitskreis für Kinder- und Jugendliteratur e.V.

Seit 1956 ist der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. (AKJ e.V.) mit Sitz in München für die Organisation und Ausrichtung des einzigen (!) Staatspreises für Literatur in Deutschland zuständig: Dem jährlich vergebenen Deutschen Jugendliteraturpreis. Gestiftet wird dieser vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und an herausragende, besondere Werke in der Kinder- und Jugendliteratur verliehen. Damit sollen Kinder- und Jugendliche wie auch die Eltern auf Literatur neugierig gemacht und die gemeinsame Auseinandersetzung angeregt werden. In der Praxis hat es aber den Anschein, dass viele jüngere wie ältere Leser entweder gar nichts oder nur unzureichend von diesem Preis wissen. Um die Arbeiten hinter dem AKJ und dem Deutschen Jugendliteraturpreis für die breite Leserschaft ein wenig präsenter zu machen, beantwortete mir erhellende Fragen in einem Mail-Interview Julia Lentge, die beim AKJ verantwortlich für Presse und Projektleitung des Deutschen Jugendliteraturpreises ist.

Information: Nachfolgend wird der Arbeitskreis für Kinder- und Jugendliteratur e.V. in den Fragen immer abgekürzt mit > AKJ <

Ist der Arbeitskreis für Kinder- und Jugendliteratur e.V. in Zusammenhang mit der ersten Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 1956 gegründet worden oder ergab sich das erst später?

AKJ/Julia Lentge:

Der AKJ wurde am 22. Januar 1955 (damals hieß der Verband noch Arbeitskreis für Jugendschrifttum) von namhaften Vertretern des Kinder- und Jugendbuches, u.a. Erich Kästner und Jella Lepman, sowie dem Bundesministerium des Inneren in München gegründet. Nach dem Vorbild des zwei Jahre zuvor in Zürich ins Leben gerufenen „Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch“ schloss sich mit dem AKJ ein nationaler Interessenverbund in Deutschland zusammen. Das erklärte Ziel war es, „Aktionen zur Förderung des guten Jugendbuchs und Bekämpfung minderwertigen Schrifttums“ zu initiieren und zu unterstützen. Noch im gleichen Jahr wurde per Erlass der Deutsche Jugendliteraturpreis (damals Deutscher Jugendbuchpreis) vom Bundesinnenministerium (später dann beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Familie angesiedelt) gestiftet. Dieser Preis, mit dessen Betreuung der AKJ seit seinem Bestehen betraut ist, wurde zunächst als „Waffe gegen Schund und Schmutz geschmiedet“. Nach und nach formte der Arbeitskreis den Deutschen Jugendliteraturpreis zu einem Instrument der Literatur- und Leseförderung mit großer internationaler Beachtung.

Welche Aufgaben übernimmt der AKJ darüber hinaus?

AKJ/Julia Lentge:

Zu seinen Aufgaben gehören neben der Organisation und Bekanntgabe des Deutschen Jugendliteraturpreises, Leseförderung und Orientierungshilfe zur Kinder- und Jugendliteratur in Form der Fachzeitschrift JuLit und andere Publikationen. Außerdem ist er als deutsche Sektion des International Board on Books for Young People (IBBY) international tätig.

Wie finanziert sich der AKJ?

AKJ/Julia Lentge:

Zum Großteil wird der AKJ durch das Bundesfamilienministerium gefördert. Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes finanziert.

Wie viele Mitglieder hat der AKJ aktuell?

AKJ/Julia Lentge:

Momentan hat der AKJ 166 Einzelmitglieder, u.a. Buchhändler, Bibliothekare, Pädagogen, Journalisten, Verlagsleute, Autoren usw. und 40 Verbandsmitglieder, wie z. B. die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach, den Deutschen Bibliotheksverband e.V., die Internationale Jugendbibliothek in München, das internationale literaturfestival berlin, den Verband Deutscher Schriftsteller und den Verband deutschsprachiger Übersetzer u.v.a.

Den Deutschen Jugendliteraturpreis gibt es seit 1956 und er wird jährlich in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch vergeben.

Wenn man sich bei Eltern umhört, kennen viele den Preis entweder überhaupt nicht oder wissen nicht genau, was er bedeutet. Das liegt sicher auch an der nur mager öffentlichen Präsentation. Plakate oder besondere Präsentationsflächen der nominierten bzw. der preisgekürten Bücher findet man nur in kleineren Buchhandlungen, in den großen Ketten leider fast gar nicht. Selbst in Fachzeitschriften, großen Tageszeitungen, von Fernsehen oder Radio ganz zu schweigen, liest und hört man nichts bzw. nur sehr wenig darüber. Wie erklären Sie sich diesen, nicht nur vom Buchhandel, so wenig zum Leser transportieren Wert des Preises?

AKJ/Julia Lentge:

Diesen pessimistischen Eindruck kann ich nicht teilen. Verlage und Buchhandel nutzen den Preis. Viele Eltern und Vermittler orientieren sich an der Auswahl. Aber natürlich werden wir auch in Zukunft daran arbeiten, den Preis einem noch breiteren Publikum bekannt zu machen.

Die einzelnen Sparten, in denen der Jugendbuchpreis vergeben wird, sind bereits oben genannt. Wie viele Jury-Mitglieder gibt es für jede Sparte und wie lange sind diese für ihr Amt gewählt?

AKJ/Julia Lentge:

Die Kritikerjury besteht aus neun Personen: einem Vorsitz und acht Spartenjuroren, von denen je zwei Fachleute der Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch sind. Die Jugendjury, die autonom ihren eigenen Preis verleiht, setzt sich aus sechs über Deutschland verteilten Leseclubs zusammen und hat durchschnittlich 100 jugendliche Juroren. Beide Jurys werden vom Vorstand des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V. für die Dauer von zwei Jahren (eine Amtszeit) gewählt und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend berufen. Die Leseclubs der Jugendjury sowie Mitglieder der Kritikerjury können maximal zwei Amtszeiten (also vier Jahre) hintereinander absolvieren.

Wie darf man sich als „einfacher Leser“ die Arbeit eines Jury-Mitglieds vorstellen?

AKJ/Julia Lentge:

Die Juroren sichten den Buchmarkt. Wobei die Ausschreibung des Preises vorgibt, dass nur jeweils die Neuerscheinungen des Vorjahres für den Preis berücksichtigt werden dürfen. Die Experten prüfen darüber hinaus noch bis zu 600 Einreichungen der Verlage. Die Spartenjuroren erstellen eine Vorauswahlliste mit 20 bis 25 Titeln, die sie gerne weiter diskutieren möchten. Alle neun Juroren müssen zu den Jurysitzungen dann alle Titel der Vorauswahllisten gelesen und vorbereitet haben. Bei der ersten Jurysitzung wird jedes Buch durch die Spartenjuroren entsprechend der Kriterien vorgestellt, dann von allen diskutiert und am Ende wird über die Titel abgestimmt, die in die nächste Runde kommen (ca. 12-15 Titel). Danach lesen alle noch einmal mit der Diskussion im Hinterkopf. Bei der zweiten Sitzung werden die verbliebenen Bücher abermals diskutiert und am Ende wird abgestimmt, welche 6 Titel nominiert werden für den Preis.

Darf sich jeder für das Jury-Amt bewerben und ist die Bewerberschar für die einzelnen Sparten sehr zahlreich?

AKJ/Julia Lentge:

Im Prinzip schon. Das Vorgehen muss man sich so vorstellen: Erst einmal können die Mitglieder des Arbeitskreises für Jugendliteratur Kandidaten für die Jury vorschlagen bzw. sich selber bewerben. Darüber hinaus steht es aber auch anderen Interessierten frei, sich für das Juryamt zu bewerben. Diese werden dann in einem weiteren Schritt mit den entsprechenden Bewerbungsunterlagen versorgt. Die Bewerberschar ist zahlreich, aber zu bewältigen. Das Anforderungsprofil macht sehr klare Vorgaben für eine Bewerbung. So ist es z.B. Voraussetzung für die Mitarbeit in der Jury, eine langjährige umfassende Marktübersicht im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur mitzubringen. Außerdem müssen die Jurymitglieder ausgewiesene Experten sein, die über spezifische Kenntnisse und Erfahrungen bei der Beurteilung von Texten und Bildsprachen verfügen und dabei die Titel in den in den Gesamtzusammenhang der Kinder- und Jugendliteratur einordnen können.

Wie viele Bücher in welchem Zeitraum muss ein Jury-Mitglied für sein Fachgebiet ungefähr lesen und bearbeiten?

AKJ/Julia Lentge:

Die Jurymitglieder lesen pro Jahr explizit nur für ihre Arbeit in der Jury ein paar hundert Titel.

Wie oft kommt die gesamte Jury für die Nominierungen und bis zur Preisvergabe zusammen?

AKJ/Julia Lentge:

Die Kritikerjury trifft sich insgesamt zu drei über das Jahr verteilten Jurysitzungen in der AKJ-Geschäftsstelle in München.

Ist dieses Amt ein klassisches Ehrenamt ohne Honorar oder gibt es eine Aufwandsentschädigung für den doch recht hohen Arbeitsaufwand?

AKJ/Julia Lentge:

Es ist ein Ehrenamt ohne Honorar. Es werden allerdings die Reise- und Übernachtungskosten zu den Jurysitzungen erstattet.

Bestimmen nur die Jurymitglieder für ihr eigenes Fachgebiet die Nominierungen und die späteren Preisträger oder haben alle Jurymitglieder insgesamt ein Stimmrecht?

AKJ/Julia Lentge:

Alle Juroren haben gleiches Stimmrecht für alle Sparten. Somit muss jedes Jurymitglied in der Lage sein, Titel aus allen Sparten kompetent zu beurteilen, da die Entscheidungen über die Nominierungen und die Preisbücher wie gesagt spartenübergreifend getroffen und von der gesamten Jury verantwortet werden.

Gab es schon einmal die Situation, dass die Auswahl der Jury-Mitglieder ihres Fachgebiets nicht mit der Mehrheit der anderen Jury-Mitglieder überein kamen? Und wenn ja, wie sieht dann die Lösung aus?

AKJ/Julia Lentge:

Wie in jedem demokratischen Prozess kann das vorkommen. Wie bereits erwähnt werden die Entscheidungen spartenübergreifend getroffen und dann auch von der ganzen Jury getragen.

Kritische Stimme sagen, dass der Deutsche Jugendliteraturpreis früher einen höheren Stellenwert hatte. Damals wurde mehr Wert auf den literarischen Wert gelegt, heute findet man hier mehr auch das gut verkäufliche Buch wieder. Gibt es heute durch die mehrfach im Jahr unübersichtlich erscheinende Masse auch an Kinder- und Jugendbücher tatsächlich deutlich weniger gute literarische Werke?

AKJ/Julia Lentge:

Der Deutsche Jugendliteraturpreis „arbeitet“ mit den Titeln – genauer gesagt den Neuerscheinungen –, die der Buchmarkt jedes Jahr anbietet. Wie die Programme aussehen, das entscheiden die Verlage.

Man hört auch von der Kritik, dass Angebote aus den Belletristik-Verlagen in die Nominierungen miteingebezogen werden. Jüngstes Beispiel ist dafür das Jugendbuch „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, das nicht in einem klassischen Kinder- und Jugendbuchverlag erschien, sondern im Rowohlt Berlin Verlag. Ist ein Kinder- oder Jugendbuch von den Regularien nur dann nominierbar und mit einem Preis zu versehen, wenn es aus einem klassischen Verlag dieses Genres kommt oder darf es grundsätzlich auch eines aus einem Belletristik-Verlag sein.

Wie sehen Sie diese Diskussion bzw. ist es überhaupt eine Diskussion, wenn eindeutige Regularien vorhanden sind?

AKJ/Julia Lentge:

Die Ausschreibung ist in dieser Frage offen gehalten und sieht keine Einschränkungen vor. Somit liegt es in der Verantwortung der Juryexperten zu entscheiden, ob ein Titel die Adressatenorientierung erfüllt – also sich an Kinder und  Jugendliche wendet – oder nicht. Der Verlag, in dem das Buch erschienen ist, ist bei dieser Entscheidung unerheblich.

Wie sehen Deine persönlichen Wünsche, Visionen für den AKJ und den Deutschen Jugendliteraturpreis aus?

AKJ/Julia Lentge:

Ich wünsche mir, dass die Nominierungen des Deutschen Jugendliteraturpreises viele Kinder und Jugendliche zu Begegnung und Auseinandersetzung mit Literatur anregen.

Vielen Dank, liebe Julia für Deine Zeit und die ausführlichen Beantwortungen der Fragen.

Es wäre schön, wenn damit die Arbeiten des Arbeitskreis für Kinder- und Jugendliteratur e.V. und alles, was im Zusammenhang mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis steht, ein wenig präsenter und klarer gemacht wurde.

Ich wünsche Dir und dem ganzen Team weiterhin viel Erfolg und Spaß bei Eurer wichtigen und tollen Arbeit!

 

Kritikerjury Deutscher Jugendliteraturpreis 2011

Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises 2011, Foto (c) Ulf Cronenberg

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.