Interview mit Rafik Schami

Der Name Rafik Schami heißt aus dem arabischen übersetzt „Damaszener Freund. Unter diesem Pseudonym schreibt und erzählt der am 23. Juni 1946 in Damaskus geborene Suheil Fadél seit Anfang der achtziger Jahre Literatur, die Erwachsene wie Kinder gleichermaßen anspricht. 1971 wanderte Rafik Schami mit 25 Jahren aus Syrien nach Deutschland aus, weil ihm die Zensur in seiner Heimat jegliche Freiheit nahm: Die von ihm gegründete Wochenzeitung wurde verboten. Im Untergrund wählte er den Namen Rafik Schami, der ihn aber für immer mit Damaskus, der, wie er selber sagt, schönsten Stadt der Welt, verbindet. In Heidelberg setzte er sein Chemiestudium fort, 1979 promovierte er. Doch seine Liebe zur Literatur, die Leidenschaft zum Erzählen war (und ist) größer als die Gewissheit der sicheren und gut bezahlten Stelle als Chemiker.

Bevor Rafik Schami 2004 mit dem teils autobiographischen Roman „Die dunkle Seite der Liebe“ seinen größten Erfolg und Durchbruch feiert, zieht er seit 1980 als Geschichtenerzähler durch die Lande. Im Anfang trat er manchmal vor nicht mehr als fünf Leuten auf, was ihn natürlich an seinem Tun zweifeln ließ. Aber niemals verzweifeln, denn mit seiner Leidenschaft und Liebe zum Erzählen – und seinem überzeugenden Talent –  blieb er standhaft und überzeugte mit jeder Vorstellung immer mehr Zuhörer. Heute ist Rafik Schami ein vielfach preisgekrönter Schriftsteller, hervorragende Übermittler mündlicher Erzählkunst und gehört zu Deutschlands erfolgreichsten und beliebtesten Autoren. In vielen seiner Bücher ,( z.B. „Das Geheimnis des Kalligraphen“ Hanser, 2008 setzt er sich kritisch mit der arabischen Welt, Politik, Religion und Gesellschaft der Vergangenheit und Gegenwart auseinander. Wie kaum ein anderer verbindet er mit viel Humor, Liebe und Leidenschaft  als arabischer Geschichtenerzähler verschiedene Kulturen. (“Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat und andere seltsame Geschichten.“ dtv, 2011) Herrlich auch sein Buch „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“, (Hanser, 2011)  in dem er über seinen Werdegang zu einem Geschichtenerzähler berichtet. Seine Bücher sind mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt.

Anlässlich seines neuesten Buches  „Das Herz der Puppe“, das nicht nur ein Buch für Kinder ist, ist Rafik Schami wieder auf einer Erzähltournee unterwegs.

 

Rafik Schami (Foto (c) root leeb, 2009)

Rafik Schami (Foto (c) root leeb, 2009)

 

Wie sind Sie auf die Idee zu der Geschichte „Das Herz einer Puppe“ gekommen – hatten Sie ein besonderes Erlebnis, Gespräch oder eine Begegnung?

Rafik Schami:

Bei diesem Buch habe ich zehn Jahre lang Notizen über Fragen der Kinder, ihre Ängste und Wünsche gemacht und versuchte die Antwort der Philosophie darauf zu suchen und wenn ich eine Antwort fand, formulierte ich das Ganze als Geschichte, als Spiel aber niemals wollte ich ein Philosophiebuch für Kinder schreiben.

Wissen Sie am Anfang einer Geschichte bereits, ob es eher ein Buch für Kinder oder für Erwachsene wird oder macht das für Sie grundsätzlich kein Unterschied?

Rafik Schami:

Ja, sicher, weil Form und Inhalt in einem engen Zusammenhang stehen. Und die Form ( Aufbau, Sprache, Stil) ist sicher ganz anders in einem Kinderbuch als in einem Roman für Erwachsene. Das beeinflusst bereits das erste Wort. Das ist auch einer der Gründe, weshalb viele bekannte Autoren, die wunderbare Bücher für Erwachsene schrieben daran scheitern, ein Kinderbuch zu schreiben.

Die Kommunikation wird dank facebook & co., Internet insgesamt immer nonverbaler und oberflächlicher.

Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen daher mehr nach gut (!) verbal erzählten Geschichten lechzen oder ist es schwieriger geworden, dafür und damit zu begeistern?

Rafik Schami:

Nein, das ist nicht der Grund, sondern die visuellen Medien können nicht mehr reizen. Sie werden hysterisch (Casting), charakterlos (Talkshow über alles, wo keiner zuhört) und ohne jedwede Würde (Big Brother, Dschungel für C-Prominenz) um einen Zuschauer noch vor die Glotze zu locken. Der Genuss übers Ohr erlebt zurzeit einen Boom, weil das gesprochene Wort einen besonderen Genuss anbietet, den die Menschheit seit Jahrtausend kennt.

Mit „Das Herz der Puppe“ gehen Sie auf eine Erzählstunde durch die Lande. Wer sind Ihrer Erfahrung nach die aufmerksameren Zuhörer: die Kinder oder die Erwachsenen?

Rafik Schami:

Mädchen und Frauen und ohne beide Gruppen wäre die schöne Literatur im Keller.

Inwiefern reagieren Kinder und Erwachsene unterschiedlich auf das Erzählte?

Rafik Schami:

Die Kinder zahlen bar wie beim Eiskaufen. Wenn Sie eine Geschichte langweilig finden, so sagen sie es geradeaus. Erwachsene lernen schnell mit geschlossenen Mund zu gähnen, sich zu Tode langweilen und trotzdem Beifall geben.

Die Generation meiner Großeltern haben noch Geschichten erzählt. Heute ist von tradiertem, verbalen Erzählen kaum noch etwas zu spüren. Hier und da gibt es in Erzählfestivals, die aber nicht allzu gut besucht werden. Neben Handwerk und vorbereitender Arbeit muss man schlichtweg auch Talent für die Erzählkunst mitbringen. So „einfach“ wie bei den Vorlesepaten ist es hier sicher nicht, Nachwuchs zu finden.

Was und wie kann man etwas tun, damit diese wunderbare Tradition (auch in Deutschland) nicht irgendwann ganz verschwindet?

Rafik Schami:

Indem man von der ersten Klasse an die Kinder ermuntert nicht zu schweigen, sondern zu erzählen, und man schult das Erzählen durch aufbauende Kritik und später durch Kurse und Arbeitsgruppen, so dass die Schüler diese Kunst lernen. Zum anderen Städte, Land und Bund müssen das Erzählen als ein Fundament der Demokratie auch finanziell fördern. Man fördert die Schweinezucht großzügig mit Millionen, aber eine Lesung in einer Stadt, die vielleicht vielen Bürgern hilft, mündige Bürger zu werden, wird allein dem Buchhandel und den Theatern überlassen. Nicht selten scheitert die Lesung an den finanziellen Mitteln. Wunderschöne Säle, Kirchen und Schulen stehen Stunden wenn nicht Tage leer, statt sie mit Erzählabenden zu füllen. Hunderte von Kolleginnen und Kollegen hätten damit  eine Chance an das Publikum heranzukommen. Das bringt jedem Dorf, jeder Stadt Leben.

Das Genre Märchen kann Brücken bauen, trösten, Kulturen verbinden und spricht Erwachsene wie Kinder an, weil jeder auf eine ganz besondere Weise in die Handlung mit einbezogen wird.

Warum gelingt das nur bei Märchen in dieser Intensität?

Rafik Schami:

Weil sie Traumelemente, Wünsche und Utopien beinhalten, die nicht nur Generationen, sondern auch ganze Völker ähnlich anziehen. Ein japanischer, arabischer oder deutscher Roman zählt zur Weltliteratur, wenn er in mehreren Ländern gelesen wird, was ja selten ist. Ein Märchen hat es in sich. Auch uralte Märchen von Völkern, die nicht mehr existieren, werden heute so genossen als hätte es sich um ein modernes nationales Märchen gehandelt.

Und nun zum Schluss auch für Sie meine berühmten drei letzten Fragen:

Wann arbeiten Sie? (morgens, mittags, abends, immer…)

Rafik Schami:

morgens und abends

Wie arbeiten Sie? (PC, Laptop, per Hand)

Rafik Schami:

Im Büro und Hotel am Laptop, unterwegs im Zug und Café per Hand

Wo arbeiten Sie? (Arbeitszimmer, Küchentisch, überall)

Rafik Schami:

In meinem Büro und meiner Bibliothek.

 

Sabine Hoß

 

 

 

 

 

 

 

 

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