Interview Nina Blazon

 

Nina Blazon, Jahrgang 1969, gehört zu den bekanntesten und vielseitigsten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Dabei fesselt sie den Leser mit hervorragend recherchierten historischen Romanen genauso wie mit wunderbaren fantastischen Geschichten, die sehr oft auf eine raffinierte Weise mit einem Hauch Krimi kombiniert sind. Ihre Bücher zeichnen sich gerade im fantastischen Bereich dadurch aus, dass Sie gegen den Mainstream mit außergewöhnlichen Ideen und originellen Umsetzungen spannende Geschichten schafft. Im Genre des historischen Romans hat Nina Blazon mit dem so ganz und gar anderen Vampir-Roman „Totenbraut“ auch die Leser begeistern können, die bei anderen Bücher zu diesem Thema abwehrend die Augen nach oben rollen. Das liegt nicht nur an der fesselnden Geschichte, sondern auch daran, dass das Buch die Bedeutung mehr auf die historisch-mythische Figur des Vampirs legt. Wer schon einmal eine Lesung der sehr sympathischen und natürlichen Autorin besuchen konnte, weiß, dass Sie nicht nur großartige Bücher schreibt, sondern diese auch ebenso in den Bann ziehend vortragen kann.

Sicher warst Du auch in Deiner Kindheit eine Leseratte. Welche Bücher hast Du in Deiner Kindheit/Jugend gelesen bzw. geliebt?

Nina Blazon:

Quer durch die Bank alles Mögliche, allen voran die Schneider-Bücher, zum Beispiel „Die Stadt der verlorenen Träume“, ein Science-Fiction-Jugendbuch von Michel Grimaud. Oder „Das Geheimnis im dunklen Garten“ von Elisabeth Beresford. Als Jugendliche stieß ich auf Otfried Preußlers „Krabat“, auf Astrid Lindgren und natürlich auf Michael Ende – um schließlich bei „Der Herr der Ringe“ zu landen.

Du hast zwei völlig unterschiedliche Schwerpunkte bei Deinen Büchern: Historische Romane und das Genre Fantasy. Nicht nur die historischen Romane sind sehr genau und fundiert recherchiert, auch Deine Fantasygeschichten sind raffiniert durchdacht. Liegt der Reiz gerade in den gravierenden Unterschieden dieser Stilarten, einmal geschichtlich genau recherchieren zu müssen und auf der anderen Seite der Phantasie (relativ) freien Lauf lassen zu können?

Nina Blazon:

Es sind tatsächlich zwei unterschiedliche Weisen, an die Figuren und deren Geschichte heranzugehen. Wenn man sich das Ganze als Gemälde vorstellt, habe ich bei einem historischen Roman von Anfang an einen Rahmen (z.B. barockes Gold), aber auch das Motiv und sogar die Personen, die eine wichtiges Rolle spielen müssen. Das Bild existiert also schon – die Handlung des Außengeschehens ist bereits festgelegt, ebenso die Welt, die Sitten, die Kleidung, die Gesellschaftsordnung. Hier besteht die Herausforderung darin, eine fiktive Figur so punktgenau in das bestehende Bild einzupassen, dass sie ganz selbstverständlich ein Teil dieser Rekonstruktion wird. Bei der Fantasy fange ich umgekehrt an: Mit der groben Skizze einer Person – und dann schaue ich, was für ein Bildhintergrund, welcher Rahmen, welche Farben etc. ihr entsprechen würden. Ich entwerfe das Bild nur für sie. Fantasy erfordert mehr Konzeptkunst in Sachen Welt und Logik, Historie mehr Konstruktion und natürlich sehr viel genauere Recherche. Beides hat seinen eigenen Reiz, ich mag beides gleich gern, bin aber auch sehr froh, wenn ich immer mal wieder von Fantasy zur Historie wechseln kann – und umgekehrt.

Woher kommt die Liebe zu historischen Geschichten?

Nina Blazon:

Von meinem Interesse an Biographien und historischen Geschichten, an der Vergangenheit überhaupt. Ich finde es einfach wahnsinnig spannend, nach Ursprüngen zu forschen.

Entwickeln sich Handlung, Charaktere erst mit dem Schreiben oder hast Du vom ersten Exposé an einen festen Rahmen?

Nina Blazon:

Beim Exposé stecke ich schon einen groben Rahmen ab, ich weiß, wo die Figur am Anfang steht und wo sie am Ende ankommen soll. Aber das ist nur eine Wegbeschreibung, keine Reisereportage, die entsteht erst beim Schreiben. Und wie auf einer Reise kommen dann noch Figuren dazu, ergeben sich neue Routen und man entdeckt oft auch ganz neue Sehenswürdigkeiten.

Gab es schon einmal einen Charakter oder einen Handlungsverlauf, der während des Schreibprozesses eine völlige Kehrtwendung vom ursprünglichen Ansatz gemacht hat?

Nina Blazon:

Ja, das kam schon vor. Viele Personen gäbe es ohne solche Kehrtwenden in der Handlung gar nicht. Und manchmal gefällt mir ein Bösewicht so gut, dass ich denke: Der würde doch viel besser zu der Hauptfigur passen als der weichgespülte Schöne, also bekommt er eine weitere Szene, und noch eine … und wird zu einer weiteren Hauptfigur, die am Ende nicht mehr der Böse ist, sondern ein dunklerer, vielschichtiger Charakter mit nicht nur sympathischen Zügen.

Hast Du einen Zettelkasten mit Ideen für Bücher, Handlungen und Charaktere und arbeitest Du mit Hilfe eines „Storyboard“?

Nina Blazon:

Ich nutze alle Kanäle: sowohl ein Notizbuch mit gekritzelten Anmerkungen als auch Zettel, vor allem aber verschiedene Recherche- und Ideen-Dateien auf dem Rechner. Und wenn ich einen Krimi schreibe, skizziere ich die Struktur (falsche Fährten, Verbindungen, zentrale Momente) auch wie auf einer Landkarte mit Pfeilen und Querverbindungen. Erfinde ich eine Stadt oder ein Land, dann male ich mir das Ganze auf, um selbst immer den Überblick zu haben, wo sich die Personen befinden und wie lange sie von A nach B brauchen.

Kennst Du die Angst vor dem „weißen Blatt Papier“, der Schreibblockade? Wenn ja, was machst Du dagegen?

Nina Blazon:

Die wichtigste Maßnahme ist, das Wort „Schreibblockade“ zu vermeiden. Das hört sich so schön nach einem großen, behandlungsbedürftigen Problem an – am besten zu kurieren, indem man erst einmal Pause macht, ins Kino geht, bügelt, auf jeden Fall aber den Schreibtisch verlässt. Natürlich gibt es Tage, an denen der Monitor einen aus leeren Augen anstarrt und man starrt erst einmal nur ratlos zurück. Mir hilft es, auf jeden Fall am Schreibtisch zu bleiben und eben erst einmal mit anderen Dingen zu starten: ältere Textstücke überarbeiten, Recherchen betreiben, eine Szene zumindest neu skizzieren, notfalls die Zeit für Verwaltungskram nutzen, dann aber wieder zum weißen Blatt zurückzukehren.

Gibt es während des Schreibens „Testleser/-innen“, die kritisieren, Anmerkungen machen dürfen oder bleibt alles im stillen Kämmerlein bis zum Abgabetermin?

Nina Blazon:

Es gibt mehrere Testleser ganz verschiedener Altersstufen, der jüngste war bisher acht Jahre alt. Aber auch einige Kolleginnen aus dem Jugendbuchbereich sind dabei und kritzeln hilfreiche Bemerkungen wie „Das ist doch nicht dein Ernst?“, „Hihi“ und „Langweilig!“ an den Rand.

In der Verlagsszene gibt es ja immer Tendenzen, die bedient werden wollen. Gerade im Fantasybereich ist das deutlich zu spüren: Zauberer, Vampire, Werwölfe, Engel etc. Du hast mit dem historischen Roman „Totenbraut“ und mit der Fantasygeschichte „Schattenauge“ bewiesen, dass man auch gegen den Mainstream erfolgreich sehr gute Bücher verkaufen kann. Wie schwer ist es, sich gegen den vorbestimmten Trend abzuheben und sich damit bei den Verlagen durchzusetzen?

Nina Blazon:

Natürlich kommt man nicht darum herum, ein geplantes Buch im Vorfeld auch auf die Verkäuflichkeit hin abzuklopfen, und völlig an jeglichem Trend vorbeischreiben sollte man wohl auch nicht. Und ja, man diskutiert natürlich auch mit dem Lektor darüber – und manchmal auch mit den Fachleuten aus der Werbung und dem Vertrieb. Ich erlebe es so, dass ich als Autor zwar schon mal argumentieren muss, aber es ist ja auch meine Aufgabe, für die etwas andere Linie Begeisterung zu wecken und – ja – dabei manchmal auch eigenwillig und beharrlich (wir sagen lieber nicht „stur“ dazu) zu sein. Und in den Lektoraten sitzen ja nicht ausschließlich Leute mit Taschenrechnern, sondern in allererster Linie Buchmenschen, die bei einer ungewöhnlicheren Geschichte auch schon mal leuchtende Augen bekommen, wenn sie Feuer gefangen haben. Bisher hat es jedenfalls immer sehr gut geklappt, da auf einen Nenner zu kommen.

Wenn Du Dir eine oder mehrere Veränderungen in der aktuellen Buch- und Verlagsszene wünschen könntest, welche wären das?

Nina Blazon:

Noch mehr Vielfalt und Raum für eigenwilligere Geschichten, Übersetzungen gerne nicht nur aus den englischsprachigen Ländern, sondern auch aus Europa, slawische, französische, dänische, isländische … etc. Jugendbücher. Mehr Anthologien – und Science-Fiction!

Wann, wie und wo schreibst Du? (morgens, mittags, abends, immer, per Hand, PC, Laptop, zu Hause, Büro, Baumhaus, überall)

Nina Blazon:

Ganz bürokratisch am Rechner in einem sachlichen Büro zu den normalen Bürozeiten.

Liebe Nina, ich danke Dir herzlich, dass Du Dir die Zeit für dieses Mail-Interview genommen hast und wünsche Dir noch viele, viele tolle Ideen für weitere ausgefallene und erfolgreiche Bücher!

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