Interview mit Klaus Kordon

Klaus Kordon, 1943 in Berlin geboren, ist einer der ganz großen deut­schen Kinder- und Jugendbuchautoren. Sein Repertoire ist breit gefä­chert und behandelt zeitgenössische Themen wie unter anderem Integ­rationsprobleme, Ausländerfeindlichkeit, Drogenkonsum und Probleme der Dritten Welt („Monsun oder Der weiße Tiger“, „Wie Spucke im Sand“, beide Beltz & Gelberg) oder beschreibt Solidarität und Freundschaft wie in „Mein Freund Ringo“ (Beltz & Gelberg). Darüber hinaus ist er ein ganz hervorragender Erzähler deutscher Geschichte. („Die roten Matrosen“, „Der erste Frühling“ u. a., alle Beltz & Gelberg.) Hier verpackt Klaus Kordon unter anderem auch einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte in literarischer Form wie in „Krokodil im Nacken“, „Auf der Sonnenseite“ und „Das Karussell“, alle Beltz & Gelberg. Seine große Stärke liegt in hervorragend recherchierter und spannend erzählter historischer Bege­benheiten. Zahlreiche Bücher erhielten wichtige Auszeichnungen, viele Romane sind Schullektüre und immer wieder stehen seine Bücher auf der Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises. Für die Biographie über Erich Kästner „Die Zeit ist kaputt – Die Lebensge­schichte des Erich Kästner“ und für „Krokodil im Nacken“ erhielt er 1994 bzw. 2003 eben jenen Preis.

 

Zu seinem aktuellen Buch „Das Karussell“ habe ich mit dem Autor ein Interview geführt.

Herr Kordon, Ihre Heimatstadt Berlin ist immer wieder Schauplatz in Ihren historischen Büchern.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Geschichten auch in einer anderen Umgebung spielen zu lassen?

Klaus Kordon:

Ich habe auch Romane geschrieben, die in anderen Gegenden spielen wie z. B. in Indien, Indonesien oder auch in anderen deutschen Gegen­den. Deutsche Geschichte allerdings lässt sich am Beispiel Berlins sehr gut wiedergeben. Vieles ist in Berlin passiert, Revolutionen, Machtüber­nahmen und nicht zuletzt die Teilung der Stadt. Hinzu kommt, dass ich in dieser Stadt geboren und aufgewachsen bin und auch die Mentalität der Menschen hier am besten kenne.

Heimat ist ein vielschichtiger Begriff. Er bedeutet Erkenntnis über die persönliche Verwurzelung, Erkenntnis darüber, wo man sich wohlfühlt und hingehört. Der Gegenspieler ist das Heimweh.

Was bedeutet für Sie Heimat, Verwurzelung  – und kennen Sie das Gefühl des Heimwehs?

Klaus Kordon:

Ja, das Gefühl kenne ich. Nachdem ich 1973 aus der DDR in die Bun­desrepublik übergewechselt bin, habe ich fünfzehn Jahre lang im Rhein-Main-Raum gelebt. Erst in dieser Zeit wurde mir bewusst, was mir meine Heimatstadt bedeutet. 1988 bin ich dann nach West-Berlin gezogen. Ein Jahr später fiel die Mauer und ich hatte die ganze Stadt wieder für mich. Worüber ich mich noch heute sehr freue.

In dem Buch „Das Karussell“ rollen Sie das Leben Ihrer Eltern auf, beginnend bei ihrer Kindheit, über ihr Kennenlernen bis zur trauri­gen Trennung im und durch den zweiten Weltkrieg. Für diesen Roman mussten Sie sicherlich intensiv in Ihrer Familiengeschichte recherchieren.

War dieses Buch daher besonders emotional berührend, vielleicht auch besonders schwer, zu schreiben?

Klaus Kordon:

Ich habe dieses Buch schon lange schreiben wollen, mich aber nicht ge­traut, weil ich glaubte, meinen Eltern nicht gerecht werden zu können. Mein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, ich habe ihn nie kennengelernt. Meine Mutter starb als ich dreizehn war. Ich musste mich davon lösen, dass es mir gelingen könnte, wirklich meine Eltern zu beschreiben. So habe ich zwei Protagonisten, die in etwa das erleben, was meine Eltern erlebt haben, aber nicht in jeder Phase der Geschichte sie selbst sein können. Trotzdem war das Erarbeiten dieses Romans emotional sehr berührend. Andererseits habe ich auf diese Weise einen wichtigen Teil meiner „Vorgeschichte“ aufarbeiten können.

Sie spiegeln auch in anderen Büchern Ihre persönliche Lebensge­schichte in literarischer Form wieder.

Wann wussten Sie, dass die Zeit „reif“ ist, um die Geschichte Ihrer Eltern festzuhalten?

Klaus Kordon:

Die Zeit war reif, als ich gar nicht mehr anders konnte, als mich dieser Arbeit zu widmen. Die ersten Gedanken an ein solches Buch hatte ich bereits vor vierzig Jahren – beim Auf-und-Abgehen in meiner Einzelzelle während meiner Stasi-Haft in Ost-Berlin. Schon damals schwebte mir ein solches Buch vor. Nur eben ganz anders, als ich es jetzt geschrieben habe.

Wie lange haben Sie an „Das Karussell“ geschrieben?

Klaus Kordon:

Alles in allem waren das ungefähr zwei Jahre.

Eine sehr persönliche Frage:

Sind Sie bei den familiären Recherchearbeiten auf überraschende und berührende Informationen gestoßen?

Klaus Kordon:

Nein, die überraschenden und berührenden Momente erlebte ich bereits Jahre früher, als ich immer wieder auf Spuren meiner Familienge­schichte gestoßen bin. Ich schreibe darüber im Nachwort.

Ihre historischen Romane, wie auch jetzt im „Karussell“ wirken so lebendig, die Figuren so authentisch, dass man sich regelrecht in diese Zeit und das Leben hineinversetzt fühlt.

Wie schaffen Sie es, jedes Mal die Vergangenheit so greifbar für den Leser in die Gegenwart zu tradieren?

Klaus Kordon:

Wenn ich das wüsste, würde ich in Routine erstarren. Ich nähere mich jedes Mal meinen Figuren beim Schreiben. Mit jedem Tag werden sie lebendiger. Natürlich habe ich über die Zeitumstände, in denen sie le­ben, Informationen eingeholt – Archive, Zeitungen, Filmaufnahmen usw. Auch habe ich, sofern es noch möglich war, Zeitzeugen befragt. Aber wie es mir gelingt, Buchstaben in Leben zu verwandeln, weiß ich nicht. Da gibt es wohl nur eine Begründung: Talent. Und Bertolt Brecht hat mal gesagt: „Talent ist Interesse“.

Sie sind mit Ihren Büchern durch Lesungen oft zu Gast in Schulen. Immer wieder hört man, dass Jugendliche geschichtsmüde bzw. desinteressiert an (deutscher) Geschichte sind.

Können Sie das bestätigen und wie ist Ihre persönliche Wahrneh­mung?

Klaus Kordon:

Es gibt geschichtsmüde und es gibt geschichtsinteressierte Jugendliche. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Aber ich gebe zu: Mir wäre es lieber, wenn sich mehr Jugendliche für Geschichte interessieren würden. Ich habe mal gesagt: „Wenn wir nicht wissen, woher wir kom­men, woher sollen wir wissen, wohin wir gehen?“

Wenn Sie die gegenwärtige Entwicklung der Neonazis verbunden mit der politisch-gesellschaftlichen Situation sehen, was überwiegt bei  Ihnen als mahnender Erzähler deutscher Geschichte: Die Hoff­nung, dass die jüngeren Generationen etwas aus der Vergangenheit gelernt haben oder die Angst darüber, dass sich ähnliches wieder­holen könnte?

Klaus Kordon:

Ich habe keine Angst, dass sich die Nazi-Zeit wiederholt. Das ist einfach zu auffällig, darauf fällt die Mehrheit der Deutschen wohl nicht mehr rein. Ich befürchte viel eher ein Desinteresse an der Politik. Bei vielen Ju­gendlichen habe ich den Eindruck, solange es mir einigermaßen gut geht, regiert ihr mal schön, ihr da oben. Es besteht die Gefahr, dass die Politik wie im Raumschiff über dem Menschen schwebt und keiner mehr mitbekommt, was mit ihm geschieht. Ich will gar nicht auf all die Prob­leme unserer Zeit hinweisen, sie sind ja bestens bekannt. Bewältigt wer­den allerdings können sie nicht von den Regierungen allein, da ist Mit­denken und Mitarbeit gefragt.

Ihre Bücher werden von Jugendlichen wie Erwachsenen gleicher­maßen gerne gelesen.

Was halten Sie von dem Begriff des „all age“-Buches?

Klaus Kordon:

Das ist ein Modebegriff. Ich habe eigentlich immer schon Bücher ge­schrieben, die sowohl von Jugendlichen als auch von Erwachsenen ge­lesen werden können und, wie ich weiß, auch gelesen werden. Ich würde Bücher nur unterteilen in „Kinderbücher“ und „Bücher“. Was einen Jugendlichen interessiert, warum soll das einen Erwachsenen kaltlassen. Und umgekehrt genauso.

Wie immer am Schluss auch für Sie die letzten drei Fragen:

Wann schreiben Sie? (Morgens, mittags, abends, immer)

Klaus Kordon:

Vormittags und nachmittags.

Wie schreiben Sie? (Laptop, per Hand, PC)

Klaus Kordon:

Per Hand.

Wo schreiben Sie? (Küchentisch, Arbeitszimmer, Baumhaus, über­all)

Klaus Kordon:

Arbeitszimmer.

Lieber Herr Kordon, herzlichen Dank für Ihre Zeit und interessanten Antworten.

Sabine Hoß

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