Interview mit Rosi Wanner

Rosi Wanner wurde 1961 in Düsseldorf geboren und verbrachte ihre Kindheit im Rheinland. 1981 zog sie zum Studium der Volkswirtschaftslehre nach Würzburg und blieb hier hängen, nicht zuletzt weil sie in der Region fünfzehn Jahre als Softwareentwicklerin und Projektleiterin im IT-Bereich tätig war. Dieser erfolgreiche Berufsabschnitt wurde dann von neuen Lebensabschnitten abgelöst: Vermählung und 1998 die Geburt ihres Sohnes. Angeregt durch die Leseleidenschaft ihres Sohnes, der unersättlich nach neuen Geschichten war, dachte sich Rosi Wanner die Geschichten rund um die Karottenbande aus. Der erste und zweite Band erschienen 2008, dann folgte jedes Jahr ein weiteres Buch. Im Herbst diesen Jahres erschien nun der letzte Band der fünfteiligen Detektivreihe. Grund genug, um die in der Region sehr bekannte Autorin kennenzulernen und sich nach neuen Plänen zu erkundigen. Dazu stand mir die sympathische Rosi Wanner Rede und Antwort.

Rosi Wanner (Foto (c) Michael Issing)

Rosi Wanner (Foto (c) Michael Issing)

 

Wir sitzen an einem regnerischen und nasskaltem Dezembertag in einem hellen, freundlichen Esszimmer bei einer Tasse Tee. Als kleine Aufmerksamkeit – oder einfach nur weil sie sehr lecker sind – , gibt es Schokoladenprinten aus meiner Heimatstadt. Die gut gelaunte Autorin wohnt im ruhigen Umland von Würzburg, in einem beschaulichen Örtchen, das von weiten Feldern umgeben ist. Die Abenteuer der Karottenbande spielen ebenfalls in dieser Gegend, an mehr oder weniger bekannten Orten, manchmal sind sie auch der Fantasie entsprungen. Ich wollte von der Autorin wissen, ob die Geschichten auch ein wenig von eigenen Kindheitserinnerungen handeln und ob sie vielleicht sogar selber einmal ein Bandenmitglied gewesen ist?

„Also ich glaube schon, dass die Geschichten ein bisschen mit meinen Kindheitserinnerungen zu tun haben, zumal ich gerne Abenteuergeschichten gelesen habe und ich hätte als Kind wahnsinnig gerne solche Abenteuer wie die der Karottenbande erlebt, das wäre schon klasse gewesen“, gibt Rosi Wanner zu. „Ich bin zwar in Düsseldorf geboren aber nicht in der Stadt sondern in einem nahen Wohngebiet mit Feld, Wald und Wiesen aufgewachsen, wo wir Baumhäuser bauen konnten und durch Wälder gezogen sind. Da ist sicher das ein oder andere hängengeblieben und in die Abenteuer geflossen. Zwar nie so, dass ich sagen kann, das habe ich genauso erlebt, aber doch so, dass Eindrücke zurückgeblieben sind, die ich verwendet habe.“ Und ein echtes Bandenmitglied? „Natürlich“, lacht Rosi Wanner auf, „ich kann mich zwar nicht mehr an unseren Namen erinnern, aber mit zwei anderen Kinder aus der Nachbarschaft haben wir damals eine kleine Bande gegründet.“

Projektleitende Softwareentwickler stellt man sich gemeinhin als sehr nüchterne, zahlenpragmatische Menschen vor. Wie ist bei Dir daraus der Spagat zum Schreiben entstanden. War das schon immer eine (heimliche) Leidenschaft oder ist es durch Zufall entstanden? „Also durch Zufall ist es nicht entstanden“, erzählt die Autorin. „Ich habe schon als Kind versucht zu schreiben. Neulich habe ich noch einige alte Blätter mit Schreibmaschine getippt (!) gefunden und habe sie noch einmal durchgelesen. Es ging um „Banditen, Piraten und Schmuggler“. Aber nach ein paar Seiten habe ich wohl aufgehört weiterzuschreiben,  weil mir die Ausdauer damals einfach noch fehlte. Aber der Wunsch zu Schreiben war schon immer da, vor allem auch, weil ich schon immer so viel und gerne gelesen habe. Durch meinen Sohn und durch viel Vorlesen kam dann auch irgendwann der Wunsch auf, die Geschichten aufzuschreiben, die ich als Kind gerne gelesen habe oder erlebt hätte.“

Die fünf Mitglieder der Karottenbande ergänzen sich durch ihre ganz unterschiedlichen Charaktere. So ist Mika der ruhige und harmonische Ausgleicher, Paula die eher ängstliche und zurückgezogene, die sich nicht so viel zutraut. Die Zwillinge Lucy und Flocke streiten sich oft und heftig und nerven damit hin und wieder ihre Freunde. Das wird so lebendig und plastisch beschrieben, dass ich mich beim Lesen immer wieder gefragt habe, ob es in Deinem realen Leben auch so einen streitbaren Zwillingsbruder gibt? Auf diese Frage antwortet Rosi Wanner mit einem verschmitzten Schmunzeln. „Nun, ich habe keinen Zwillingsbruder, aber ich habe einen Bruder, der anderthalb Jahre älter ist als ich. Mit ihm habe ich mich in Kinder- und Jugendtagen schon gerne und heftig gestritten. Vielleicht sind da Erinnerungen eingebaut. Aber wir versöhnten uns auch immer wieder und haben heute ein gutes Verhältnis miteinander.“

Die Kinder der Karottenbande entwickeln sich und ihren Charakter von Band zu Band; sie werden älter und reifer, was sich wohltuend von anderen Detektivreihen wie „TKKG“ oder „Die Drei ???“.abhebt. War Dir das und die unverkrampften Hinweise auf wichtige soziale Werte im Miteinander ein bewusstes Anliegen? „Ja“, so die spontane Antwort der Autorin. „Das war mir ein großes Anliegen. Weil ich viele Kinderbücher gelesen haben, die Banden zum Thema hatten und es mich immer wahnsinnig gestört hat, dass manche Detektivgeschichten oft so unrealistisch waren. Für Kinder mag das manchmal sehr spannend sein, so die Autorin weiter, aber das passt einfach so nicht in die heutige Welt. Ebenso hat mich gestört, dass die Kinder in ihren Charakteren immer alle gleich waren und sich nicht entwickelt, verändert haben. Bei der Karottenbande war mir vor allen Dingen wichtig,, dass jeder einmal Bandenchef werden darf, auch um die Gleichstellung der Kinder innerhalb der Freundschaft herauszustellen. Das jeder einmal das Recht hat, einmal Bandenchef zu sein und die anderen sich auch demjenigen unterordnen müssen. Das dies natürlich mit Konflikten verbunden ist, z.B. wenn Flocke meint, er wüsste immer alles besser oder Paula glaubt, sie schafft das nicht, das ist klar und das habe ich auch bewusst so herausgearbeitet. Aber an der Figur von Paula merkt man ja auch, dass sie sich ganz wesentlich entwickelt. Die sozialen Aspekte wie Freundschaft, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, was Kindern heutzutage manchmal fehlt, waren mir ebenfalls ein großes Anliegen. Wichtig war mir aber auch am Beispiel von Mikas Asthmaanfall zu zeigen, dass es auch zu schlimmen Situationen kommen kann, die sich aber auch auflösen können“, erklärt Rosi Wanner.

Meine Lieblingsfigur in den Karottenbüchern ist Opa Hannes, ein brummiger Großvater mit einem weichen Kern, wenn man ihn von Buch zu Buch näher kennenlernt. Ich wollte von der Mutter der Karotten wissen, ob sie auch eine Lieblingsfigur hat oder ob sie von Geschichte zu Geschichte wechselt? „Ich habe zwei Lieblingsfiguren“, erzählt Rosi Wanner. „Das ist zum einen, ganz klar, Opa Hannes und das ist zum anderen Flocke. Opa Hannes, den muss man einfach irgendwie lieben und Flocke liegt mir einfach mit seiner etwas flapsigen Art, der in Fettnäpfchen tritt oder sich in schwierige Situationen bringt, aber auch wieder herausfindet.“ Auf die Frage, ob Flocke als Figur der Autorin besonders ähnlich ist, denkt die Autorin kurz nach und gibt dann mit einem Augenzwinkern ehrlich zu, dass Flocke ihr in gewissen Dingen schon ein wenig ähnlich ist.

Durch die Veröffentlichung der Karottenbande im Buchverlag Peter Hellmund aus Würzburg bist Du in der Region sehr bekannt. Wie viele Lesungen hälst Du im Jahr und an wen richten sich diese in erster Linie? „25 – 30 Lesungen sind es pro Jahr und sie richten sich in erster Linie an die zweiten bis vierten Grundschulklassen“, so die Antwort.

Das Wort oder der Begriff „Schreibblockade“ ist zwangsläufig mit schreibkreativen Menschen verbunden. Natürlich wollte ich auch von Rosi Wanner wissen, ob sie diesen Zustand kennt und was sie dagegen macht? „Also eigentlich kenn ich keine Schreibblockaden“, so die lachende Antwort. „Aber ich kenne Tage, an denen ich einfach merke, dass ich mich heute nicht an den Schreibtisch zu setzen brauche, weil nichts dabei rumkommen würde. Vielleicht weil die Stimmung nicht passt oder weil irgendetwas anderes im Moment nicht rund läuft. Dann mache ich das, was im Haus liegen geblieben ist, wie putzen, aufräumen, waschen und dann geht es meist auch wieder weiter.“

Auch von dieser Kinderbuchautorin wollte ich die persönliche Meinung zum Deutschen Jugendliteraturpreis wissen. Viele kritische Stimmen sagen, dass dieser Preis nicht mehr die Wertigkeit wie vor 10, 20 Jahren hat, was auch an der mangelnden Präsenz in vielen Buchhandlungen liegt. Als Autorin, Mutter und Leserin, die sicher auch ein Auge darauf hat, was der Sohn liest, eine spannende Frage. „Ich glaube auch, dass es nicht mehr die Wertigkeit hat von früher hat“, überlegt die Autorin. „Wobei ich aber auch dazu sagen muss, dass ich den Preis deshalb ein wenig umstritten finde, weil Erwachsene ihn vergeben. Den Preis der separaten Jugendjury finde ich viel wichtiger. Interessant ist ja auch die Tatsache, dass es eher selten eine Übereinstimmungen in den Nominierungsvorschlägen von der Erwachsenen- und der Jugendjury gibt. Wenn ich also meinem Sohn ein Buch kaufe, dann würde ich mir die Vorschläge der Jugendjury anschauen, weil ich glaube, dass die Erwachsenenjury oft an den Lesewünschen der Zielgruppe vorbeigeht. Erwachsene lesen und bewerten ein Buch mit ganz anderen Aspekten als ein Jugendlicher und von daher finde ich diesen Preis gar nicht so gerechtfertigt.“ Auf meine Frage, dass die Kritikerjury sich vielleicht bemüht, „literarische Perlen“ zu finden, argumentiert Rosi Wanner, „dass dies absolut in Ordnung ist. Nur darf man sich dann nicht wundern, wenn diese Bücher nicht unbedingt von Jugendlichen gelesen werden oder sich im Buchhandel schlecht verkaufen, weil Jugendliche ganz eigene Wünsche und Vorstellungen von einem guten Buch haben, die nicht unbedingt mit denen der Kritikerjury übereinstimmen.“

Die nächste Frage beschäftigt sich mit den Stichworten Sohn und Lesen: Gibt es im Hause Wanner regen Austausch zwischen Sohn und Mutter und Autorin über Bücher und sind die Meinungen auch schon einmal völlig konträr? „Wir unterhalten uns schon regelmäßig über Bücher“, so Rosi Wanner. „Gerade sind bei meinem Sohn die Harry Potter-Bände im zweiten Lese-Marathon dran. Wir haben interessanterweise oft den gleichen Geschmack. Wenn ich ein Buch schlecht finde und gebe ihm das, natürlich unkommentiert, zum Lesen, dauert es nicht lange, dass ich das Buch zurückbekomme mit dem Kommentar: Das lese ich nicht!. Ich bin dann meist nicht überrascht, will aber trotzdem von ihm die eigene Meinung und Begründung wissen.“

Bereits im ersten Band der Karottenbande hast Du den Abschluss festgelegt, was jetzt mit dem fünften Buch erfolgt ist. Bist Du jetzt nicht doch ein wenig traurig, dass die Detektive ihre Spürnasen nicht weiter auf spannende Fährten locken werden? „Ja, antwortet Rosi Wanner freimütig, „auf der einen Seite bin ich traurig. Die Karottenbande wird mir auch irgendwo fehlen, vor allem Flocke und Opa Hannes. Auf der anderen Seite halte ich aber noch viele Lesungen damit, somit bleiben sie mir erhalten. Und ich freue mich aber auch darauf, dass ich jetzt mal etwas anderes schreiben kann, dass ich neue Charaktere und eine neue Welt erfinden darf und da ist die Motivation schon sehr groß, auch einmal etwas ganz anderes zu schreiben.“

Diese Antwort ist natürlich die perfekte Überleitung zu der Frage, ob die Autorin denn verraten mag, auf welches neues Schreibprojekt sich denn die Leser/innen freuen  dürfen? „Es wird mehr in die Krimiecke gehen für ältere Kinder, so ab 13/14 Jahre“ antwortet Rosi Wanner mit einem vielsagenden, geheimnisvollem Lächeln.

Zum Schluss meine berühmten drei Fragen:

Wann schreibst Du? (morgens, mittags, abends)

Rosi Wanner:

Morgens, Vormittags

Wo schreibst Du? (Arbeitszimmer, Küchentisch, Baumhaus, überall)

Rosi Wanner:

Im Arbeitszimmer

Wie schreibst Du? (PC, Laptop, per Hand)

Rosi Wanner:

Mit dem Laptop

Liebe Rosi Wanner, vielen Dank für das nette, offene Interview und die leckeren Aachener Printen! 🙂 Ich wünsche Dir ganz viel Spaß und Erfolg bei Deinen Lesungen mit der Karottenbande und bin sehr gespannt auf Deinen neuen Thriller!

Sabine Hoß

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