Ein allzu braves Mädchen

Sawatzki_Cover KLEIN

Andrea Sawatzki

Piper Verlag, März 2013

176 Seiten, € 16,99

 

 

 

 

Hin und wieder nehme ich mir die Freiheit und stelle ein Buch außerhalb der Kinder- und Jugendliteratur vor. Das erste Buch der bekannten Schauspielerin Andrea Sawatzki ist ein höchst spannender psychologischer Kriminalroman.

Inhalt:

Eine junge Frau, bekleidet mit einem grünen Paillettenkleid und hohen schwarzen Stiefeln wird völlig durchnässt in einem Waldstück gefunden. Da sie weder ihren Namen oder Adresse nennen kann und einen stark verwirrten Eindruck macht, wird sie in die Psychiatrie überführt. Zur gleichen Zeit alarmieren Anwohner in dem noblen Wohnort Grünwald die Polizei, da seit Tagen die Schäferhunde des Nachbarn mit ihrem Gebell und Gejaule die Ruhe stören. Die Polizei entdeckt in der Villa einen alten Mann, erschlagen und mit zahlreichen Wunden am Körper. Während in der Klinik die Psychaterin Frau Dr. Minkowa versucht, behutsam sich der namenlosen Patientin zu nähern, ermittelt die Kripo in alle Richtungen. Die junge Frau beginnt von ihrer Vergangenheit, ihrer Kindheit zu erzählen. Dabei verstrickt sie sich in seltsame Widersprüche und kann sich an bestimmte Dingen seltsamerweise nicht mehr erinnern. Wenige Tage später meldet sich ein Anwohner bei der Polizei, dem ein Auto aufgefallen ist, das seit Tagen vor dem Haus des Ermordeten parkt. In dem Wagen befinden sich Portemonnaie und Papiere, die eine Manuela Scriba ausweisen. Schnell wird klar, dass es eine Verbindung zu der verwirrten, noch namenlosen Frau in der Psychiatrie gibt. Als sie des Mordes an dem alten Herrn überführt wird, verlegt man Manuela Scriba in die forensische Psychiatrie. Obwohl sie diesen Ortswechsel erneut verwirrt, setzt sie mit ihrer Ärztin Frau Dr. Minkowa die Aufarbeitungen ihrer Erinnerungen fort. Durch behutsames Nachfragen nähert sich Manuela Scriba ganz langsam ihrer wahren Vergangenheit und den traumatischen Erlebnissen in ihrer zerstörten Kindheit. Als achtjährige musste sie fünf Jahre lang ihren an Demenz erkrankten Vater pflegen. Einen Vater, den sie erst kennengelernt hat, als er bereits krank war und zu dem sie nie eine Beziehung aufbauen konnte. Für die Psychiaterin eine große Herausforderung, ihre Patientin auf den Weg zurück ins Leben zu bringen und für Manuela Scriba eine schwere Aufgabe, diesen Weg anzunehmen.

Rezension:

Mit kurzen, knappen aber prägnanten Beschreibungen setzt Andrea Sawatzki ihr schriftstellerisches Debüt in Szene. Ihre Sprache ist präzise und auf das Wesentliche reduziert. Sie lässt ihre Protagonistin Manuela Scriba von verstört, zerbrechlich bis derb und schockierend erzählen und spannt damit einen breiten Bogen an Gefühlen. Der Roman wird aus  verschiedenen Perspektiven erzählt, die geschickt miteinander verbunden sind. Einmal erzählt Manuela Scriba aus ihrer Vergangenheit, dann übernimmt ein übergeordneter Erzähler die Handlung und es werden reine Fakten festgehalten. Die beiden parallel laufenden Geschichten kommen im Laufe der Handlung zusammen, wobei das Gerüst des als Krimi ausgelegten Romans die Gespräche zwischen Manuela Scriba und ihrer Psychiaterin sind. Kernstück ist das Innenleben der jungen Frau, das sich langsam wie eine Zwiebel Schicht für Schicht entblättert. Es geht darum, Gefühle wahrzunehmen, sich selbst anzunehmen und Wahrheiten zu stellen. Beeindruckend und nachhallend bleiben diese Dialoge im Gedächtnis, in denen die Protagonistin durch Rückblicke mit Erlebnissen aus ihrer Kindheit konfrontiert wird. Jahrelang hat Scriba versucht, zu verdrängen, zu vergessen. In einer einzigen Nacht und durch einen unglücklichen Umstand kommt alles wieder hoch und hätte sie fast vernichtet. Durch behutsames Lenken der Psychiaterin darf die junge, erschütterte Frau endlich die Erkenntnis zulassen, dass sie damals überfordert wurde und sie keine Schuld hat. Ihr Leben war bisher gefüllt mit Verdrängung,  seelischer Zerstörung und Gefühllosigkeit und erst der  totale Zusammenbruch gibt ihr die Chance, sich endlich der Vergangenheit und Wahrheit zu stellen.

Neben der Frage nach Schuld und Verfehlungen spielt ein anderer Aspekt  in diesem Roman eine große Rolle, der Akt des Verzeihens. „Verzeihen zu können, egal ob sich selbst oder anderen, ist so unglaublich schwer. Aber wenn es gelingt, bricht der Himmel auf, und es wird hell und warm“, sagt die Romanfigur Manuela Scriba am Ende.

Ob es der Psychiaterin gelingt, Manuela Scriba einen Weg zurück ins Leben zu zeigen, bleibt offen. Man würde es der jungen Frau aber von Herzen wünschen, dass sie sich und ihrem Vater verzeihen kann.

Andrea Sawatzki ist ein eindrucksvoller, bewegender Roman gelungen, der mehr eine sensible psychologische Aufarbeitung ist als ein Kriminalroman. Das Thema Demenz ist oft mit Berührungsängsten verbunden, bei Familienangehörigen oder Freunden von Betroffenen. Durch die geschickte Verpackung in einem Kriminalroman kann man aber vielleicht auch die Menschen erreichen, die sich ansonsten nicht mit diesem Thema  auseinander setzen würden. Obwohl teilweise eine eigentümlich nüchterne Atmosphäre über dem Roman liegt, fasziniert sie gleichermaßen. Ein kurzes Buch, das man ungern unterbricht und zum Nachdenken anregt.

Das Cover ist sicher Geschmackssache und für viele Themen austauschbar. Mit philosophischer Sensibilität lässt sich sicher eine Verbindung zum Roman herleiten, doch so bemerkenswert  wie der Inhalt ist die Fotomontage leider nicht.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet man hier:

 

 

 

 

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