Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Elena Ferrante

Aus dem Italienischen von Karin Krieger

Suhrkamp Verlag, 29.08.2020

415 Seiten, € 24,00

 

 

 

 

Elena Ferrante ist eine Werbe- und Marketing strategisch raffinierte aufgebaute Autorin, deren wahre Persönlichkeit nach wie vor unbekannt ist, seit sie ab den 1990er Jahren unter diesem Pseudonym Bücher veröffentlicht. Auch die Vermutung, dass sich die Übersetzerin Anita Raja hinter dem Kunstnamen versteckt, wurde nicht eindeutig belegt. International bekannt wurde Ferrante durch den 2011 erschienenen ersten Band „Meine geniale Freundin“ der vierbändigen Neapolitanischen Saga. Diesen ersten Band habe ich damals nur bis zur Hälfte gelesen, da mich weder die Story, noch die Figuren und Sprache gefesselt haben. Von daher war ich auf das erste Buch nach diesem erfolgreichen Romanzyklus der geheimnisumwobenen Autorin gespannt.

Hauptfigur in der neuen Geschichte ist Giovanna, 13 Jahre alt, die in einem schicken Wohnort oberhalb Neapels lebt. Ihre Eltern sind beide Gymnasiallehrer, der Vater schreibt nebenher politische Essays, die Mutter lektoriert neben ihrem Beruf Liebesromane. Eingebettet in dieser kultivierten, gut situierten und intellektuellen Umgebung, die mit gleichgesinnten Freunden entsprechend gepflegt wird, gilt Giovanna als brave, strebsame Vorzeigetochter. Alles läuft in gesitteten, unaufgeregten Familienbahnen, bis Giovanna eine Bemerkung ihres Vaters über ihre schlechter gewordenen schulischen Leistungen „Mit Pubertät hat das nichts zu tun. Sie kommt nun ganz nach Vittoria.“ heimlich mithört. Sie kennt Vittoria, die Schwester ihres Vaters nicht, weiß aber von den knappen Erzählungen, dass sie eine ganz und gar unmögliche Frau ist und der Vater gute Gründe hatte, den Kontakt zu ihr und seiner weiteren Familie zu kappen. Giovanna findet heraus, dass ihr Vater ursprünglich aus einem hässlichen Gebiet Neapels, der „Zona Industriale“ und einer armen Familie stammt. Sie wird zum ersten Mal aufmüpfig und fordert ihre Eltern heraus, ihre Tante endlich kennenlernen zu wollen. Nach einigem Hin und Her erlauben sie ihr, die Tante zu besuchen, warnen sie aber eindringlich vor dem schlechten Einfluss, den diese Frau versuchen wird, auf Giovanna auszuüben. Damit lernt Giovanna nicht nur die bizarre Persönlichkeit Vittorias kennen, sondern auch den ihr bis dahin vorenthaltenen Teil der Familie ihres Vaters und taucht in eine völlig andere gesellschaftliche Schicht ein. Zuhause die bauschig-flauschig-leise, geistig-belesene Atmosphäre, bei Vittoria eine laute, derb-vulgäre, neidbehaftete, direkte Welt, die aber auch eine besondere Herzlichkeit innehat, die dem jungen Mädchen bisher fremd war. Giovanna ist fasziniert von diesen Unterschieden und lässt sich, trotz aller Widerstände ihrer Eltern, mit kritischem und wachem Blick darauf ein.

Elena Ferrante beschreibt die Entwicklung von Giovanna über zwei Jahre hinweg, wobei sie in dieser Zeitspanne der letztlich 15-jährigen eine bemerkenswerte Reife zukommen lässt, die ich nicht für authentisch, sondern für altklug empfunden habe. Die Handlung spielt, so Ferrante, in den 1990er Jahren, wobei kein wirklicher Bezug zu diesem Jahrzehnt genommen wird, von daher bleibt sie irritierend zeitlos. Giovanna entfaltet sich zwischen intellektuell gut situierten Eltern sowie Freundeskreis und der derben, neidischen Vittoria samt Umfeld zu einer kritisch hinterfragenden, revoltierenden pubertierenden Jugendlichen. Darüber hinaus muss sie sich auch noch mit der durch Zufall entdeckten Untreue und nachfolgender Trennung ihrer Eltern auseinandersetzen und leidet unter den sich daraus ergebenden gravierenden Veränderungen des Familienlebens.                                                                                                                                      Damit sind die Grundpfeiler der Verlogenheiten der Erwachsenen gesetzt, die den Rahmen der Geschichte bilden: Die der Untreue und Scheinmoral der Eltern und die der unaufrichtig gehaltenen Biografie und Ursprungsfamilie des Vaters.

Die Autorin verpackt dieses komplexe Konstrukt in eine teilweise behäbig wirkende Sprache, die die pubertierende Ich-Erzählerin altklug aber nicht authentisch erscheinen lässt, dabei zieht sich der Handlungsaufbau an manchen Stellen durch Wiederholungen wie Kaugummi.

Giovanna schaut durchaus kritisch auf diese beiden so unterschiedlichen Welten und hinterfragt die Scheinmoral der Eltern, die gesellschaftliche Stellung/Emanzipation von Mann und Frau und setzt sich ebenso prüfend mit den Fragen um Glauben, Christ sein und Katholizismus auseinander. Das sind die Stellen, die interessant, klug und nachdenklich machend geschrieben sind, denn Männer wie Frauen werden durch Giovannas Perspektive mit einer gewissen Ironie degradiert. Doch leider sind das nur kleine Wellen in einer insgesamt träge dahinplätschernden und irgendwann durch Wiederholungen ermüdenden Story.

Die Charaktere der Eltern und der engsten Freunde wie auch von Vittoria und ihrem Umfeld sind mir zu sehr am Reißbrett ausgedacht und zu wenig mit Tiefe gefüllt.  Giovanna verändert sich durchaus in den beiden Jahren, doch letztlich entspricht ihr Verhalten und Wesen nicht einer 13- bzw. 15-jährigen, sondern mehr einer jungen Frau.

Elena Ferrante konnte mich mit diesem Entwicklungsroman nur bedingt fesseln und überzeugen, trotz der aufblitzenden, kritisch-klugen Gedanken, die leider in einer, behäbigen Geschichte, die vielleicht zu viel will, mit einer überreifen, nicht authentisch wirkenden Pubertierenden nahezu untergehen. Schade.

Das Cover ist gelungen und passt.

Sabine Wagner

Zwischen

und

 

 

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