So oder so ist das Leben

 Marie-Aude Murail

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel

Fischer Schatzinsel, Februar 2011

320 Seiten, € 13,95

ab 12 Jahre

Inhalt:

 

Violaine Baudoin, 17 Jahre alt, ist die verwöhnte Tochter eines angesehenen Arztes und seiner ständig gestressten Ehefrau. Violaine ist sehr hübsch, was ihr bewusst ist, sie aber auch oft nervt. Ihr fünfzehnjähriger Bruder ist ein Abziehbild an Arroganz und Oberflächlichkeit des Vaters. Die achtjährige Schwester ist zwar etwas anstrengend aber genauso liebenswert und aufmerksam. Die Mutter leitet ein medizinisches Labor, das, dank ihres Mannes hervorragend ausgelastet ist. Sie selbst ist dadurch ständig überlastet und gestresst. In dieser Familiensituation wird Violaine durch eine einzige „Unachtsamkeit“ schwanger. Völlig verzweifelt will sie sich zunächst auf keinen Fall ihren Eltern anvertrauen, nur ihre beste Freundin Adelaide weiht sie ein. Die weiß auch direkt, was zu tun ist. Der erste Weg führt die beiden ins Zentrum für Familienplanung und –begleitung. Violaine ist sich sicher, die Schwangerschaft nicht auszutragen, doch es kommen nach den ersten beratenden Gesprächen Zweifel auf. In der Beratungsstelle wird ihr beratender Arzt ausgerechnet der ungeliebte junge Praxiskollege ihres Vaters,  was für beide keine einfache Situation ist. Obwohl Violaine es gar nicht will, findet sie den jungen Arzt interessant und anziehend. Wird das ihre Entscheidung beeinflussen?

Rezension:

Die Bücher Marie-Aude Murails zeichnen sich aus durch schonungslose Offenlegung von Familienverhältnissen zwischen spießigem Bürgertum und intellektueller Arroganz und sie legt den Finger genau in die Wunde von verhätschelten und dennoch einsamen Charaktere. Das ist ihr auch bei der Familie Baudoin wieder sehr gut gelungen. Der Vater ist ein selbstverliebter, in der Midlife-Krise steckender unzufriedener Arzt und nörgelnder Familienvater. Die Mutter balanciert ziemlich überfordert  zwischen den Rollen der Karrierefrau als Laborleiterin sowie Ehefrau und Mutter. Der jüngere Bruder ist ein arroganter Schnösel, der gerne mit der Kreditkarte seines Vaters angibt, umgeben von Möchtegerngehabe. Nur die kleine Schwester zeigt Aufmerksamkeit, Mitgefühl, auch für die kleinen Dinge im Leben. Violaine ist eine hübsche aber auch gelangweilte 17-jährige, die eigentlich gar keinen Sex mit ihrem Freund haben wollte, aber auch nicht immer als Spaßbremse dargestellt werden will. Als sie schwanger wird, ist sie sich bewusst, dass ihre Eltern zum einen sehr mit sich beschäftigt sind, zum anderen kaum Verständnis für die Situation aufbringen werden. So begleitet die beste Freundin Adelaide Violaine zur Beratungsstelle. Violaine sieht keine Zukunft mit ihrem Freund, will weiterhin frei und ungebunden leben und daher die Schwangerschaft abbrechen. In der Beratungsstelle trifft sie auf den schüchternen, etwas unbeholfenen jungen Arzt Vianney Chasseloup. Er ist der ungeliebte Praxiskollege ihres dominanten Vaters, der Chasseloup demütigt, wo er nur kann und ihm unverblümt seine Missachtung demonstriert. Doch ausgerechnet zu ihm fühlt sich Violaine angezogen und auch er empfindet mehr als nur Patientenfürsorge für sie. Obwohl die Charaktere hervorragend beobachtet und dargestellt sind, kommt die Geschichte nur langsam in Gang, weil  immer wieder unwesentliches, wie beispielsweise die zahlreichen Patienten und deren Beschwerden, ausschweifend beschrieben werden. Auch wenn die Geschichte in einer lebendigen Sprache klar und direkt rüberkommt, vermisst man den tiefgründigen ironischen Biss, den Murails andere Bücher durchzieht. Daher mutet die Beziehung von Violaine zu dem jungen Arzt ein wenig rührselig und einfach konstruiert an. Die Versöhnung von Chasseloup mit Violaines Vater am Krankenbett grenzt schon fast an Kitsch. Die konsequente Entscheidung Violaine, die Schwangerschaft nicht auszutragen und damit kontrovers gegen moralische, religiöse und ethische Argumente zu handeln, ist dann aber wieder ganz im Sinne von Murails provokanter Sichtweise.

Die Geschichte heißt „Erstens kommt es anders…“ und das ist die Hauptaussage des Buches. Die Schwangerschaft bringt nicht nur Violaines Leben völlig durcheinander, auch der Alltagstrott ihrer Familie wird auf den Kopf gestellt, einschließlich das Leben des jungen Arztes. Es ist ein Buch, das nicht von der ersten Seite an gefangen nimmt, etwas langatmig wirkt und den Spannungsbogen nicht immer hält. Trotzdem eine lesenswerte Geschichte zum Nachdenken über wahre Gefühle, die Liebe, dem Erwachsenwerden  – und das man nie weiß, was das Leben noch an Überraschungen bereithält.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet Ihr hier:

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