Nachtschwärmer

Moira Frank

cbj, Juli 2019

400 Seiten, € 17,00

ab 14 Jahren

 

 

 

 

Wenn eine bekennende Homosexuelle für sich den Anspruch erhebt, mit ihren Büchern Jugendlichen, die unsicher in ihrer sexuellen Neigung sind, Orientierung zu geben, ist das ein hoher Anspruch, der mich, neben dem Klappentext, neugierig gemacht hat.

Helena, 17 Jahre, die Hauptfigur des Romans, ist gerade wegen unzureichender Mathekenntnisse und wegen der Mitteilung, dass ihr Halbbruder durch einen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht tödlich verunglückt ist, durch die Abiturzulassung durchgefallen. Erst vor wenigen Wochen hat ihr älterer Halbbruder Lukas sie über facebook entdeckt und sie hatten sich bisher online ausgetauscht, ein persönliches Kennenlernen war für den Sommer geplant. Lukas lebte in der Uckermark am Lauwitzer See und Helena plant nun den Ort aufzusuchen, den sie eigentlich gemeinsam mit ihrem Bruder kennenlernen wollte. Da sie weder ihrem Vater, noch ihrem Freund Ole oder ihren Freundinnen etwas von ihrem Halbbruder erzählt hat, ist Ole relativ überrascht, dass Helena ein Abenteuer-Outdoorerlebnis in der Uckermark will, da sie eigentlich Zelten überhaupt nicht mag. Er begleitet sie, da Ole sie nach der nicht bestandenen Prüfung auf andere Gedanken bringen will. Nachdem die beiden sich mit dem Campingleben arrangiert haben, bekommen sie unerwarteten Besuch von Oles Freunden, was Helena ziemlich nervt und ein guter Grund für sie ist, sich abzusetzen. Sie begibt sich auf die Suche nach dem Friedhof und Grab von Lukas und trifft dabei auf Viktor und Mike, die, wie sich zufällig herausstellt, ehemalige Freunde von Lukas sind.

Diese spontane Begegnung veranlasst Helena bei den beiden zu bleiben und hofft so, mehr über Lukas zu erfahren. Sie lässt ihren Freund Ole sitzen und macht Schluss mit ihm. Durch Viktor und Mike lernt sie auch die burschikose Clara kennen, die die Ferienhäuser putzt. Clara, die, laut Viktor und Mike, auf Frauen steht, fasziniert Helena auf merkwürdige Weise und sie sucht ihre Nähe. Im Laufe des näheren Kennenlernens merkt Helena, dass sie sich in Clara verliebt hat.

Es hat mich einige Mühe gekostet, die Geschichte bis zu Ende zu lesen. Zu viele unnötige, uninteressante und langweilende Schleifen und Schleifchen bindet Moira Frank in ihren Handlungsrahmen, dessen roter Faden, soweit einer vorhanden ist, vielleicht im letzten Drittel des Buches zu erkennen ist. Helena, die Hauptfigur, wirkt am Anfang sympathisch unsicher, entwickelt sich aber nicht wirklich im Lauf der Geschichte und bleibt blass und oberflächlich. Die anderen Figuren, wie Viktor und Mike, entsprechen dem simplen Klischee von saufenden, Drogen nehmenden und faulenzenden Jugendlichen aus Brandenburg. Unterstrichen wird das durch Aussagen der beiden, die eine rechte Szene in ihrem Umfeld abbildet. Dies, wie die Darstellung der harten, unsympathisch wirkenden „Kampflesbe“ Carla ist unglaublich klischeebedient und platt und sie bleibt, wie Helena, ein diffuser Charakter. Was die Erzählweise angeht, kann man hier außer einem derben, vulgären und asozialen Jargon, der wohl die Jugendsprache wiedergeben soll und völlig überzogen ist, nichts anderes erwarten.

Was stereotype Figuren, die sich nicht weiterentwickeln, Brandenburg als örtlicher Hintergrund und Sprache angeht, ist derart mit vollen Händen aus einem großen Topf oberflächlicher Klischees geschöpft worden, dass es schon widerlich ist.

Moira Frank ist eine junge Autorin, die gerne Bücher für LGBT schreiben möchte und für Jugendliche, die sich auf ihrer sexuellen Orientierungssuche schwertun und Zuspruch suchen. Wunderbar! Auch ich wäre vor 35 Jahren sehr froh über Bücher gewesen, die mir in dieser chaotischen suchenden Gefühlswelt hilfreich gewesen wären. Doch „Nachtschwämer“ hätte mir damals nicht weitergeholfen und mich hilf- und ratlos zurückgelassen mangels roten Faden in der Handlung, Aussagekraft der Figuren und Geschichte. Und nicht zuletzt hätte es mich auch verwirrt zu lesen, dass in einer doch sehr herabfälligen, nicht ernst nehmenden Art, ja, in einer nahezu diffamierenden Weise über Homo- und Bisexualität geschrieben wird. (Seite 313 „Isi meinte immer, sie wäre gerne bi, weil sie dann Frauen daten und eine Pause von Männern machen könnte.“), gefolgt von der dümmlichen Aussage, „dass es nichts Schlimmes war, wenn man als Frau auf Frauen stand, dass das jetzt viel normaler war, dass sogar Promis sich outeten.“ (Seite 313/314)

Im letzten Drittel der Geschichte immerhin, ab Seite 314 (von 395 Seiten) outet sich Helena, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Das kann man als Höhepunkt der Geschichte nennen. Bis dahin hat man allerdings nur sehr diffus gemerkt, dass sie in ihrer sexuellen Orientierung unsicher ist. Davor plätschert die Story vor sich hin, da wird gerauft, gesoffen, da werden schwierige Familien- und Eltern-Kind-Beziehungen, kurz und oberflächlich angerissen, über sozial benachteiligte wird demütigend und herablassend geurteilt, da tritt man in Scherben, zerstört Maisfelder usw. nach einer nachvollziehbaren Grundhandlung, einem wirklichen roten Faden sucht man vergeblich.

Moira Frank bemängelt, dass es heutzutage nur wenige Bücher über homosexuelle Jugendliche gibt. Das mag sein, aber es soll bitte auch nicht ein „Genre“ werden, das man saisonal und Gewinn- und Umsatzorientiert einmal durchhechelt, um danach wieder schnell als „Backlist“ in den Hintergrund zu schieben. Da sind mir dann wenige, dafür in vielerlei Hinsicht überzeugende Titel (z.B. „Two Boys Kissing von David Levithan, „Wie ein Himmel voller Seehunde“ von Sara Lovestam oder „Die Wonnen der Gewöhnlichkeit“ von Nick Burd) lieber.

„Nachtschwärmer“ gehört leider nicht dazu.

Ich schreibe nicht gerne negative Besprechungen, denn viel schöner ist es, aus der mittlerweile unübersehbaren Masse von Neuerscheinungen die wenigen „Leseperlen“ vorzustellen. Aber wenn Verlage brisante Themen und Autoren/innen so von sich überzeugt präsentieren und dem sich gegeben Anspruch nicht gerecht werden, muss auch eine kritische Resonanz verkraftet werden.

Das Cover ist nett, fällt aber nicht weiter auf.

Sabine Wagner

 

 

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