Die Rebellin und der Dieb

Jan-Philipp Sendker

Blessing Verlag, 30.08.2021

320 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

 

Der in Hamburg geborene und ehemalige für die Zeitschrift „Stern“ Asien-Korrespondent und heute als Schriftsteller arbeitende Jan-Philipp Sendker setzt auch in seinem neuen Roman „Die Rebellin und der Dieb“ das Setting der Geschichte in einem nicht konkret verorteten Gebiet in Südostasien.

Der 18-jährige Niri hat bisher mit seiner kleinen Schwester und seinen Eltern ohne Mangel als Hausangestellte bei der wohlhabenden Familie Benz gelebt. Doch als eine Epidemie ausbricht, die der Beschreibung nach durchaus auch der weltweiten Corona-Erkrankung entsprechen könnte, werden sie entlassen, da die reiche Familie Benz Angst hat, durch sie angesteckt zu werden. Von jetzt auf gleich lebt Nuri mit seinen Eltern und kleiner Schwester, deren ganzer Besitz in ein paar Plastiktüten passt, in tiefer Armut und so gut wie obdachlos auf engstem Raum und auf dem harten Boden schlafend in einer Siedlung mit löcherigen Wellblechhütten. Als Niris Schwester im Schlaf vor Hunger weint, die Mutter schwer krank wird und zu sterben droht und von der Regierung keine Hilfe zu erwarten ist, entschließt sich der ehemalige Klosterschüler Niri entgegen aller buddhistischen Gesetze und moralischer Verbote seines Vaters aufzubegehren. Er schleicht eines Nachts durch eine streng abgeriegelte Stadt zurück in die Villa, in der er und seine Familie vorher gearbeitet haben und holt sich das, was seine Familie zum Überleben braucht. Dabei wird er von Mary überrascht, der Tochter des ehemaligen Arbeitgebers, mit der Niri von klein an eine sehr innige Freundschaft verbindet, bis Mary durch einen schweren Reitunfall lange Zeit in Krankenhäuser verbringt und Niri mit seiner Familie aus den Diensten entlassen wird.

Mary erkennt sofort die Not und hilft Niri, ohne ihn zu verraten. Im Gegenteil, sie eröffnet ihm, dass sie ihm weiterhin mit Nahrung und Geld unterstützen wird. Niris Vater ist entsetzt darüber, was Niri getan hat und fordert ihn auf, die Lebensmittel, die die Familie nicht benötigt, an andere zu verteilen. Das bekommt auch der dicke Bagura mit, der eine Art Chef der Blechhütten-Siedlung ist. Zunächst stehen sich Bagura und Niri mehr als kritisch gegenüber, doch bald erkennen sie, dass sie beide ein gemeinsames Ziel haben, den unschuldigen Menschen mit kleinen Spenden aus ihrer bitteren Armut zu helfen, was aber nur mit Marys zuverlässiger Komplizenschaft gelingt.

Obwohl Niri, Mary und Bagura aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Generationen kommen, unterschiedliche Lebenswege haben, vereint sie der gemeinsame Kampf gegen das Nichtstun der Regierung und der Hilfe für die Armen durch gegenseitiges verlässliches Vertrauen und zwischen Niri und Mary einer bedingungslose Liebe.

Doch je mehr sie den anderen Familien in ihrer Not helfen, desto schwieriger wird die Lage für die Drei mit jedem Tag und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Polizei ihnen auf die Spur kommt. Als es für Niri zu gefährlich wird und er seine Familie verlassen muss, nimmt er Mary auf seiner Flucht mit, für die ihr Zuhause wie ein Gefängnis ist. Die beiden begeben sich auf eine gefährliche Flucht und auch das Leben von Bagura ist bedroht.

Es ist eine Mischung aus einer modernen Robin-Hood und Romeo und Julia-Geschichte, die Jan-Philipp Sendker hinter einem aktuellen Setting vermischt. Man merkt, dass der Autor ein fundierter Kenner der asiatischen Lebensweise und Welt ist und ebenso spürt man, dass der tiefe Beobachter fassungslos über das Ausmaß der in bitterer Armut und durch die (Corona)-Epidemie geratenen Menschen ist, die von der Regierung keine Unterstützung erhalten und auf private Hilfsaktionen, von wem sie auch organisiert werden und wie immer sie auch aussehen, angewiesen sind. Die in der Geschichte beschriebene Armut ist nicht übertrieben, auch die Rezensentin hat während Corona in Thailand eine private Hilfsaktion unterstützt, um die dort lebenden Menschen mit Grundnahrungsmittel und Medikamente zu versorgen, da sie vom Staat allein gelassen wurden.

Jan-Philipp Sendker ist eine spannende, kurzweilige Liebesgeschichte gelungen, die nicht nur soziale Ungerechtigkeiten in den Focus stellt, sondern auch zeigt, was Menschen im Guten erreichen und bewegen können, wenn sie einander vertrauen und sich ihrer gegenseitigen Liebe sicher sein können.

Das Cover passt wie der Titel harmonisch zur Geschichte.

Sabine Wagner

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