Emotionales Erbe – Eine Therapeutin, ihre Fälle und die Überwindung familiärer Traumata

Galit Atlas

Übersetzung Monika Köpfer

Dumont Verlag, 14.02.2023

256 Seiten, € 24,00

 

 

 

In ihrem, von Monika Köpfer übersetzten, erzählenden Sachbuch „Emotionales Erbe“ berichtet die Psychoanalytikerin von Geschichten ihrer Patient*innen, die sich mit verschiedenen Traumata beschäftigen, die schon Großeltern und Eltern belastet haben und die unbearbeitet auf die gegenwärtige Generation übertragen wurden. Die international bekannte Psychoanalytikerin und klinische Supervisorin Galit Atlas, die ihre private Praxis in Manhattan hat, ist darüber hinaus Fakultätsmitglied des New York University Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis. Galit Atlas unterrichtet und hält Vorträge, hat drei Fachbücher veröffentlicht sowie viele Artikel, die sich mit den Themen Gender und Sexualität befassen. Ausgezeichnet wurde sie mit dem André Francois Research Award und dem NADTA Research Award.

Im ersten Teil erzählt Galit Atlas über die von Vorgängergenerationen geerbten Traumata, im zweiten Teil geht es um die Geheimnisse der Eltern, die an uns weitergegeben wurden und im dritten Teil werden wir selbst durchleuchtet mit der Auseinandersetzung, wie wir den Teufelskreis durchbrechen können.

Da gibt es einen jungen Mann, der nach einem Jahr Beziehung von seinem Partner seit mittlerweile zwei Jahren getrennt ist, aber noch so heftig um ihn trauert, dass er in seinem Leben feststeckt. Durch einen Traum, in dem der ehemalige Partner auftaucht, wenden sich Galit Atlas und der junge Mann seiner Familiengeschichte zu und decken im Laufe der Sitzungen ein Geheimnis auf, über das bisher nicht gesprochen wurde. Durch die tiefenpsychologische Aufarbeitung kann der junge Mann loslassen und gewinnt neuen Mut.

Im zweiten Teil über die geerbten Traumata von unseren Eltern, erzählt beispielsweise eine 25-jährige Frau, deren älterer Bruder mit vierzehn Jahren im Meer ertrank, als sie selber zehn Jahre alt war. Die Eltern konnten mit dem tragischen, frühen Tod ihres Sohnes und der Trauer darüber nicht umgehen, sie kapselten sich ein, verloren Arbeit und wurden depressiv. In dieser Familienatmosphäre wuchs die heute junge Frau auf und hielt sich für dumm, da sie bei Prüfungen immer wieder durchfiel. Mit der Psychotherapie bekommt die junge Frau die Möglichkeit, den Zusammenbruch ihrer Familie zu bewältigen und mit Abstand neuen Mut für ihr eigenes Leben zu bekommen.

Im dritten Teil beleuchtet Galit Atlas „die Geheimnisse, die wir vor uns selbst haben und die Suche nach der Wahrheit: dem Erkunden wahrer Liebe, echter Intimität, wirklicher Freundschaft und dem Prozess des Teilens.“ Wir erleben hier zum Beispiel einen mysteriösen Mann Mitte vierzig, der zunächst sehr wenig von sich erzählt, dabei um so mehr über sein recherchiertes Wissen über die Psychologin. Zwischen Unbehagen und Neugier nähern sich Therapeutin und Patient aber im Laufe der Zeit durch Gespräche an. Durch diese werden die Gründe der inneren Konflikte des Patienten, seine Wut und Unsicherheiten über seine Einschätzung gegenüber anderen, wer gut und wer schlecht ist, durch die früheren Misshandlungen seines gewalttätigen Vaters offenbar und können bearbeitet werden.

Galit Atlas erzählt unterhaltend und spannend die Fallgeschichten ihrer Patient*innen. Jedem Teil stellt sie eine kurze Einführung mit psychologischen Kontext voran, in dem anschaulich und leicht verständlich erklärt wird, worauf der psychologische Focus in den nachfolgenden Geschichten liegt und welche wissenschaftliche Erkenntnisse dem jeweiligen Fall zugrunde liegen. Die Psychologin verbindet mit den Geschichten ihrer Patient*innen eigene Erlebnisse aus ihrer Familie und hinterfragt dabei auch diese. Durch die Psychotherapie lernen die Patient*innen ihre unterschiedlichen, teilweise dramatischen, unbearbeiteten und verdrängten Erlebnisse und daraus entstandenen Traumata aus ihren Familien verstehen, woraus sich ein Heilungsprozess entwickelt.

So abwechslungsreich wie psychologisch und wissenschaftlich fundiert Galit Atlas von all diesen Fallgeschichten berichtet, so tragen sie für mich einen gewissen amerikanischen Spirit und Überheblichkeit in sich, denn die Patient*innen gehen am Ende alle mit einem gewissen Happy End aus ihrer Praxis. Das macht das Buch zwar hoffnungsvoll und schenkt Mut, sich einer Psychotherapie zuzuwenden, realistisch ist das aber nicht. Salopp und leicht überspitzt formuliert, haben all die beschriebenen Fälle einen sehr ähnlichen Ablauf: Der Patient/die Patientin rufen bei Galit Atlas an, erhalten zeitnah bei ihr einen Termin, die Chemie stimmt und im Laufe der Gesprächstherapie kommt die Psychoanalytikerin der Ursache auf den Grund, die Erkenntnis ist da und alles wird gut. Wie anstrengend eine Psychotherapie ist, wie lange es manchmal dauert, bis man an den wirklichen tiefenpsychologischen Kern herankommt, wird hier so gut wie nicht dargestellt. Ebenso erwähnt Galit Atlas nicht, dass nicht wenige, auch langjährige Psychotherapien keinen wirklichen Fortschritt bei den Patient*innen erreichen, weil diese sich sperren, den wahren wunden Punkt zu berühren und anzugehen. Ob es wirklich so ist, dass man zeitnah bei der international bekannten und vielbeschäftigten Psychoanalytikerin einen Termin erhält, wie es in ihrem Buch den Eindruck macht, bleibt dahingestellt.

Was von diesem Buch bleibt, sind interessante und zum Teil bewegende, durch Generationen weitergereichte Traumata und die unterschiedlichen Wege, wie sie mit Hilfe der Psychoanalyse aufgedeckt, erkannt werden und ein individueller Heiungsprozess beginnen kann. Galit Atlas führt das als zweifellos profunde Psychoanalytikerin, jedoch in diesem Buch in einer für mich nicht zu überlesenden selbstgefälligen Darstellung und fernab von jedem Scheitern in ihrer Arbeit, zusammen.

Das Cover passt.

Sabine Wagner

 

 

 

 

 

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