Edwards Augen

Patricia MacLachlan

Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Carl Hanser Verlag, September 2010
96 Seiten, € 12,90
ab 11 Jahren

Inhalt:

Edward, acht Jahre alt, verzaubert seine Eltern, Geschwister und Familienangehörige durch seine charmante Art. Er scheint vor nichts Angst zu haben und fasziniert seine Mitmenschen mit seinen blau gesprenkelten Augen. Als sich das jüngste Familienmitglied ankündigt, sagt Edward voraus, dass es ein Mädchen wird und er bestimmt auch ihren Namen Sabine. Tatsächlich erfüllen sich diese Wünsche und er wird von Anfang an eine wichtige und enge Bezugsperson für seine kleine Schwester. Edward singt für Sabine, liest ihr sogar auf Französisch vor, beruhigt sie und trägt sie mit viel Liebe und Geduld herum. Edwards große Leidenschaft ist Baseball und mühelos scheint er hier die schwierigsten Würfe und Regeln zu beherrschen. An einem der ersten warmen Frühlingstage fährt er kurz vor einem Familienessen mit dem Rad in die Stadt und er wird nie mehr nach Hause zurückkehren. Für alle Familienmitglieder ist dies ein schwerer Schock, doch er bleibt, wie er gelebt hat, auf besondere Weise in Erinnerung.

Rezension:

Es gibt Menschen, die bereits als Kind eine ganz besondere Ausstrahlung und Aura haben. Sie faszinieren durch eine besondere Art von Charme, Pfiffigkeit, Intelligenz oder Schlagfertigkeit. Eine solche Ausstrahlung soll auch Edward haben, aber sie erreicht offensichtlich nur seine engsten Familienmitglieder. Doch die sind im Allgemeinen sowieso selten objektiv, was das Besondere an ihrem Kind angeht. Edwards außergewöhnliche Ausstrahlung erreicht offensichtlich nur seine Familie und die engsten Freunde, außerhalb dieser Gruppe scheint seine angebliche Faszination nicht zu wirken, jedenfalls ist davon nichts zu lesen. In dieser Geschichte wird nicht klar herausgearbeitet, was Edwards angeblich spezielle Persönlichkeit ausmacht. Das er ein hervorragender Baseballspieler ist und schöne blau-gesprenkelte Augen hat oder eine besondere Gabe im Umgang seiner kleinen Schwester besitzt reicht nicht wirklich aus, um ihn als einen außergewöhnlichen Menschen zu bezeichnen. Statt dessen liest man in ausführlichen Beschreibungen Regeln und Würfe des Baseballspiels, was ermüdend und langweilig ist und dem eigentlichen Sinn der Geschichte nicht sehr hilft. Als Edward durch eine Unachtsamkeit auf dem Fahrrad tödlich verunglückt sind natürlich alle geschockt, doch statt einer nachvollziehbaren Trauerverarbeitung wird ein pathetisch-kitschiges Szenario präsentiert, bei dem die Hinterbliebenen sich in ihrem Selbstmitleid damit trösten, dass Edward unter anderem mit der Spende seiner Hornhaut weiterlebt. Das ist sicher eine ethisch lobenswerte Entscheidung, als Lösung für eine gehaltvolle, intelligente Geschichte aber definitiv zu wenig. Die Sentimentalität erreicht ihren Höhepunkt als natürlich ein Baseballspieler mit Edwards Augen weiterlebt. Auch die Sprache bleibt meist reserviert und verkrampft. Hier treffen Kitsch und Tränendrüse aufeinander, ohne den Charakteren wirkliche Tiefe und Nachvollziehbarkeit zu geben, geschweige denn jungen Lesern einen Weg zu zeigen, wie sie mit realer Trauer und dem tatsächlichem Verlust eines geliebten Menschen umgehen können.

Sabine Hoß

Bewertung:

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