Emma im Knopfland – Eine verknöpft und zugenähte Geschichte

Ulrike Rylance

Mit Illustrationen von Silke Leffler

Jacoby & Stuart, Februar 2011

120 Seiten, € 14,95

ab 4 Jahren

 

 

Inhalt:

Emma muss ihre Ferien bei Onkel Hubert und Tante Mechthild verbringen, die beide etwas sehr sonderbar sind. Nicht nur, dass ihre Lieblingsbeschäftigung darin besteht, sehr große Puzzle zusammenzubasteln und Onkel Hubert ständig mit seinem Gebiss kämpft, nein, sie haben in ihrem großen Haus viele Zimmer, die mit Krimskrams völlig zugemüllt sind. Da gibt es z.B. ein Zimmer nur für Schneckenhäuser oder nur für Kugelschreiber oder Versandhauskataloge. Eine Tür hat Tante Mechthild bei ihrem Rundgang nicht geöffnet, nämlich die zum Knopfzimmer. Als Emma sich eines Tages mal wieder furchtbar langweilt, öffnet sie heimlich die Türe zu diesem rätselhaften Zimmer. Zunächst erscheint es hier wenig geheimnisvoll, unzählige Kisten randvoll mit bunten Knöpfen unterschiedlicher Größen stehen herum. Als Emma damit spielen will, fällt ihr ein besonders dicker, goldener Knopf unter den Schrank. Bei dem Versuch, ihn hervorzuholen, beginnt der Knopf zu sprechen und Emma steckt mitten in einem unglaublichen Abenteuer.

Rezension:

Ich gebe zu, das Schulfach „Textilgestaltung“ war neben Mathe das zweitschlimmste für mich. Da wir eine tolle Klassengemeinschaft hatten, fiel mir in diesen Doppelstunden meist die Rolle der Unterhalterin zu, während meine Klassenkamerdinnen für mich irgendwelche Reißverschlüsse einnähten, Knöpfe annähten (kann ich aber heute! :-)) oder Knopflochlöcher umnähten. Vielleicht liegt diese zwiespältige Erinnerung daran, dass ich mich bisher an diesen treffend gewählten Titel samt Untertitel noch nicht herangetraut habe; ganz zu Unrecht für diese nette Geschichte. Die Idee, durch einen Knopf in die Welt der Verschlüsse hineingezogen zu werden, ist so ausgefallen wie stimmig umgesetzt. Jeder Knopf erhält durch sein individuelles Aussehen einen eigenen Charakter und Persönlichkeit und bringt auch immer eine eigene Geschichte mit. Zum Beispiel der Knopf Hofdame Isolde, die der Auslöser für Emmas Übertritt in das Knopfland ist. Eine arrogante, überhebliche Person, die sich nicht weiter um Emma kümmert und verschwindet. So steht das kleine, plötzlich geschrumpfte und Knöpfe verstehende Mädchen auf einer Bortenstraße und sucht Hilfe, um wieder in ihre Welt zu gelangen. Dabei trifft sie unter anderem auf den derb-gutmütigen Gustav, dem linken Trachtenknopf einer Lederhose. Auch er ist auf der Suche, nämlich nach dem rechten Lederhosentrachtenknopf Konstanze; die Liebe seines Lebens, die er verloren hat, als er bei einem Stadtbesuch einfach unbemerkt von der Hose fiel. Auf der gemeinsamen Suche von der Bortenstraße über den Metermaßweg, entlang dem Weg aus rotem Samt mit Goldkante treffen sie unter anderem auf den wertvollen und liebevollen Rubinknopf Luise, die weiß, dass sie wertvoll ist, es aber nicht beweisen kann, den einfachen aber herzlichen Plastikknopf, der von anderen nur gedemütigt wird oder den schrägen Hippie-Holzknopf. Vor dem „Großen K“ fürchten sich alle zu Unrecht, denn der große Klettverschluss hat gar nichts gegen die Knöpfe und rettet sie sogar aus einer gefährlichen Situation. Kein Wunder, schließlich gehört er auch zu einem „literarischen Quartett“. Ulrike Rylance ist ein herrlich heiteres Märchen und Rollenspiel mit Charakterknöpfen gelungen, die unseren menschlichen Köpfen auf witzig-ironische Art und Weise sehr ähneln und ihre Geschichte dahinter lassen „übersetzt“ auf ihre Träger schließen. Eine originelle Idee in einem gut durchdachten Rahmen machen bis zum Schluss Spaß beim Lesen oder Vorlesen und lassen Raum für Gedanken „zwischen den Zeilen“. Die feinen, stimmigen Illustrationen von Silke Leffler zeigen ihr Wissen, Gespür für Textildesign und runden die Geschichte perfekt ab. Der Verlag hat eine Leseempfehlung ab 4 Jahren ausgesprochen, die ich aber für zu niedrig angesetzt halte. Dafür ist die Geschichte im positiven Sinne zu anspruchsvoll und ironisch, was Kinder, insbesondere Kleinere, noch nicht durchschauen.

Das Buch hat mich mit seiner ausgefallenen Idee und ironischer Umsetzung mit den schaurigen Erinnerungen aus dem Textilunterricht der alten Schultagen versöhnt. Und: Ab jetzt sehe ich alle Knöpfe mit ganz neuen und anderen Augen an und wenn ich etwas mit Klettverschlüssen öffne oder schließe , denke ich sofort an ein literarisches Quartett!

🙂

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet Ihr hier:

 

 

 

 

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