Wolfszeit

Nina Blazon

Ravensburger, März 2011

480 Seiten, €  17,99

ab 14 Jahre

 

 

 

Inhalt:

Thomas Auvray ist Schüler der königlichen Zeichenakademie und Assistent von Monsieur de Buffon, der als Naturforscher am königlichen Hofe dient. Thomas` Vater kann nicht viel mit der wissenschaftlichen Neugier seines Sohnes und noch weniger mit seiner Liebe zur Kunst anfangen und will ihn lieber gut verheiratet am Königshof sehen. Thomas fühlt sich auch nach dem Tod seines älteren Bruders Armand immer noch immer in seinem Schatten und hat das Gefühl seinem Vater nie gerecht zu werden. Die Tatsache, dass Thomas den politischen Strategiespielen seines Vaters auf dem Schachbrett der feinen Versailler Gesellschaft nichts abgewinnen kann, macht die Beziehung nicht leichter. Als sein Ausbilder de Buffon an den königlichen Hof von König Ludwig XV. gerufen wird, um die bisher erfolglosen Jagd nach der wilden Mörderbestie im Gévaudan zu untersuchen, bittet Thomas seinen Mentor, ihn mitzunehmen. Tatsächlich darf Thomas Auvray am Hofe seine zusammengetragenen Fakten und Zeichnungen präsentieren, denn das Ausland lacht bereits über Frankreich und seinen König, der es nicht schafft, dieses Ungeheuer zur Strecke zu bringen, das meist Kinder und junge Frauen auf bestialische Weise tötet. Auvray überzeugt den König mit seinem Wissen und darf die neue Jagdgesandtschaft ins Gévaudan begleiten. Doch auch hier muss er sich durchsetzen und beweisen, denn der zweite Jäger des Königs setzt ihn zunächst nur als seinen zweiten Sekretär ein und nicht als wissenschaftlich beratenden Assistenten. Trotzdem wird Auvray schnell mit den gräuelhaften Taten der Bestie konfrontiert. Als sich Thomas in Isabelle, der Schwester des Grafen d´Apcher, verliebt, stellt er langsam fest, dass auch der Landadel in rätselhaften Beziehungen mit den Dorfbewohner verwoben ist. Thomas Auvray kämpft nicht nur darum, den grausamen Taten eines Monsters auf die Spur zu kommen, sondern auch Licht in die dunklen Verstrickungen der Menschen in der Region zu bringen.

 

Rezension:

„Wenn du nicht brav bist, kommt die Bestie und frisst dich!“ Dieser Spruch fällt als Drohung bei den Bewohnern der „Bestien-Region“, dem Gévaudan in der Auvergene noch heute, zweihundertfünfzig Jahren nach der Mordserie.

Nina Blazon hat sich für ihren neuen historischen Roman die Geschichte des rätselhaften Ungeheuers ausgesucht, die auf nachweisbaren Tatsachen beruht. Jedoch wurde bis heute nie geklärt, wer oder was hinter der grauenhaften Mordserie steckte. Die Autorin führt zunächst in die feine Gesellschaft in Versailles mit all ihren Intrigen und strategisch überlegten Machenschaften. Hier lernt man den Hauptprotagonisten, den Naturforscher und Zeichner Thomas Auvray kennen, einen tiefen, vielschichtigen Charakter, der im Laufe der Geschichte an Reife und Selbstbewusstsein gewinnt. Aber auch alle anderen Figuren sind lebendig in Szene gesetzt, egal ob es die feine Gesellschaft in Versaille ist oder die Menschen in der Auvergene. In einem spannend aufgebauten Erzählbogen lernt man mit Thomas Auvray die eigentümlichen und dennoch warmherzigen Bewohner im Gévaudan kennen, über die jedoch ein dunkler Schatten zu liegen scheint, der über die ungeklärten Mordtaten hinausgeht. Auvray stellt langsam fest, dass die verschwörerischen Machenschaften der Adligen auch beim einfachen Landvolk zu finden sind. Als er sich ausgerechnet in die Schwester des Grafen d`Apcher verliebt, der ihm ohnehin nicht mit Sympathie begegnet, erschwert das die Suche nach der Bestie um ein weiteres. Hinter den entsetzlich entstellten Getöteten vermuten die Jäger ein Tier, wahrscheinlich eine Art Wolf. Doch Thomas Auvray hält auch eine andere Verbindung für möglich. Mit dieser Theorie muss der junge Wissenschaftler allerdings sehr vorsichtig sein und handfeste Beweise liefern. Bis zum Schluss ist dieser hervorragend recherchierte und komplexe Thriller im historischen Gewand mitreißend. Sehr geschickt spinnt die Autorin Beziehungsfäden zusammen, die interessant aufgebaut sind und überraschende Wendungen bringen, wobei der rote Faden stets durchdacht erhalten bleibt. Dabei umfasst dieser Roman nicht nur gelungen die Genre Thriller und historischer Roman, sondern zeigt auch, dass die Erzählung über die Bestie durch die Kraft von tradierter Geschichte und Legenden über Jahrhunderte hinweg bis heute in den Köpfen der Menschen in der Auvergne  präsent ist. So zieht sich beispielsweise ein Lied aus dem Märchen „Ricdon, Ricdin“ durch den Roman, wie auch andere Motive aus weiteren Märchen. Man merkt diesem Buch eine sehr intensive und gründliche Recherche an, die Kleinigkeiten wie beispielsweise die damaligen keltische Bräuche der Region, z.B. die Verehrung der schwarzen Madonnen hervorhebt, oder die Sprache der Region, das Okzitanische miteinfließen lässt. Darüber hinaus treten historisch belegte Personen auf, wie z.B. die Grafen d`Apcher und de Morangiès, Jean Chastel und seine Söhne oder Madame du Barry.

Die Bestie von Gévaudan ist so mysteriös wie ungeklärt und daher vielfach in der Literatur wie filmisch bearbeitet. Die literarischen Werke sind entweder wissenschaftliche Versuche, diese Mordserie zu erklären und hinterfragen oder reine Fantasy-Geschichten. So basiert der französische Kinofilm „Pakt der Wölfe“ von 2001 ebenfalls auf den historischen Motiven,  alles weitere ist aber auch hier Fiktion. Nina Blazon hat sich neben umfassenden historischen Recherchen auch intensiv mit dem Verhalten von Wölfen auseinandergesetzt. Sie präsentiert in ihrem Roman eine klug durchdachte, mögliche Lösung. Wie gesagt, eine „mögliche“ Lösung, denn bis heute ist das Rätsel um die Bestie nicht geklärt. Jedoch erscheint diese hier durchaus plausibel und nachvollziehbar.

Die Bestie entstellt auf grausame Weise meist junge Frauen oder Kinder. Trotzdem verzichtet Nina Blazon auf weitschweifige, blutrünstige Beschreibungen. Sie setzt vielmehr auf psychologisch-hochfeine Spannung mit der Entwicklung undurchschaubarer, menschlicher Abgründe und trifft damit wesentlich effektiver.

Nina Blazon ist eine Autorin, die es schafft, in den zwei völlig unterschiedlichen Genres Fantasy und historischer Roman mit einer vielschichtigen Tiefe, Genauigkeit und überraschenden Wendungen zu fesseln.

Auch das Cover passt rund und stimmungsvoll zur Geschichte.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

Ein Interview mit der Autorin zu diesem Roman findet Ihr hier:

 

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