Wie ein Flügelschlag

Jutta Wilke

Coppenrath, Januar 2012

288 Seiten, €  14,95

ab 12 Jahre

 

 

Inhalt:

Jana, 16 Jahre alt, ist eine talentierte Schwimmerin und hat aus diesem Grund ein Stipendium an einem Sportinternat bekommen. Sie ist dankbar dafür, auch wenn sie weiß, dass alles seinen Preis hat. Ohne dieses Stipendium hätte sie sich aber die kostspielige Förderung niemals leisten können, denn ihre alleinerziehende Mutter verdient als Verkäuferin in einem Baumarkt nur mühsam den Unterhalt. Sie interessiert sich überhaupt nicht für Janas Talent und Leidenschaft fürs Schwimmen und ist auch ansonsten mit ihrem Leben überfordert. Wer Janas Vater ist, darüber hüllt sich ihre Mutter in tiefem Schweigen, schließlich sind alle Männer irgendwie Schweine. Im Sportinternat ist Jana eine Einzelgängerin und mit ihrem Trainer versteht sie sich nicht besonders gut, da sie durch ihre hervorragenden Leistungen eine große Konkurrenz für seine Lieblingsschülerin Melanie ist. Doch ausgerechnet mit ihrer größten Konkurrentin Melanie, die aus wohlhabendem Hause stammt, freundet sich Jana vorsichtig an. Sie folgt sogar nach einigem Zögern Melanies Einladung, sie zu Hause zu besuchen. Dort lernt sie nicht nur den dominanten Vater kennen, der ihre Freundin unter großen Erfolgsdruck setzt, sondern auch deren Bruder Mika, in dessen meerblauen Augen Jana sich auf Anhieb verliebt. Als Jana von einem Trainingslauf ins Internat zurückkehrt, ist das Gelände voller Polizei. Durch die Schwimmhallenfenster beobachtet sie, wie der leblose Körper von Melanie auf den Bodenfliesen liegend zugedeckt wird. Warum  und wie ist Melanie gestorben? Jana hat einen Verdacht, doch wer wird ausgerechnet ihr glauben und wem kann sie vertrauen?

 

Rezension:

Mit „Holundermond“ (Coppenrath) gab Jutta Wilke 2011 ihr erfolgreiches Debüt im Kinderbuch. (Rezension auf dieser Seite). Mit „Wie ein Flügelschlag“ wendet sie sich nun an die jugendlichen Leser. Für diesen Roman hat sich die Autorin den brisanten Themen Erfolgsdruck im Leistungssport und Doping zugewandt, was ausgefallen wie mutig ist. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Hauptprotagonistin Jana, die dankbar ist, ein Stipendium an dem Sportinternat bekommen zu haben, denn Schwimmen bedeutet für sie Freiheit. Freiheit aus der Enge des Zusammenlebens mit ihrer Mutter, die im Leben offenbar schon oft sehr enttäuscht worden ist und sich vor lauter Überforderung und Lebensangst so sehr an Jana klammert, dass diese das Gefühl hat, komplett eingeengt zu sein. Die Enttäuschung darüber, dass sich ihre Mutter nicht im geringsten für ihr Talent und ihren Erfolg interessiert und nichts über ihren Vater preisgeben will, erschwert die Beziehung um so mehr. Jana ist hin- und hergerissen, weil sie einerseits natürlich ihre Mutter liebt, andererseits aber auch vieles an ihr nicht versteht und nachvollziehen kann. Hin- und hergerissen ist sie auch mit ihren Gefühlen zu Mika, Melanies Bruder. Sie glaubt, dass diese Liebe aufgrund der sozialen Unterschiede und der Tatsache, dass Melanies Vater in ihr eine harte Konkurrenz für seine Tochter sieht, keine Chance hat, obwohl Mika ihre Gefühle erwidert. Doch Jana ist eine harte Kämpfernatur, denn nicht nur durch ihr Talent überzeugt sie mit ihren Leistungen. Mit sehr viel Geschick stellt Jutta Wilke die Hauptfigur Jana mit einem vielschichtigen Charakter auf, die den Leser in die Handlung hineinzieht, die man nur ungern unterbrechen möchte.  Auch die anderen Protagonisten besitzen facettenreiche Persönlichkeiten, die mit einer überzeugenden Intensität ausgefeilt sind. Janas fieberhafte Leidenschaft beim Schwimmen, die ihr nicht nur ein Stück Freiheit gibt, sondern ihr von Bahn zu Bahn im gleichmäßigen Takt ein Glücksgefühl wie beim Fliegen bringt, ist mit einer eindringlichen Atmosphäre beschrieben, dass man sich nicht nur als begeisterte Schwimmerin in Jans Gefühlswelt hineinversetzen kann. Vielleicht zeigt das Zurückgezogensein beim Schreiben eine ähnliche Befreiung wie Janas rhythmisches Bahnenziehen beim Schwimmtraining?

Mit einem raffinierten Spannungsbogen, der den Leser bis zum Schluss in Atem hält, ist die Handlung durchzogen. Ein ausgeklügeltes Stilelement sind sicher die unterschiedlichen Zeitebenen, in denen der Roman erzählt wird, wobei die Handlung mit dem zweiten Kapitel rückblickend von Jana aufgerollt wird und sich später in der Gegenwart, wie am Anfang, wiederfindet.

Brisante und bisher kaum beschriebene Themen im Jugendbuch wie Erfolgsdruck im Leistungssport, Doping aber auch Freundschaft, Liebe, die soziale Unterschiede überwindet, sind in diesem psychologisch hochspannend aufgebauten Thriller, der mit überraschenden Wendungen die Spannung nicht verliert, rundum überzeugend beschrieben.

Mit noch nicht einmal 300 Seiten lädt Jutta Wilke diejenigen ein, die Angst vor dicken Büchern haben, sich doch einmal zwischen Buch und Deckel zu verstecken. Wie Jana beim Schwimmen Bahn für Bahn eintaucht, wird man hier am liebsten in einem Rutsch erst am Schluss wieder aus dem Buch auftauchen, vielleicht sogar mit einer neuen Rekordzeit im Lesen.

Zum Cover:

Auf den ersten Blick mag es wie ein unspektakuläres Cover für ein Mädchenbuch erscheinen, was es definitiv nicht ist, sondern Jungs mindestens genauso ansprechen wird.  Auf den zweiten Blick weiß man aber, dass hier die Umschlaggestalter den Inhalt kennen, was die Schmetterlinge und den angedeuteten Riss perfekt widerspiegeln.

Man darf auf weitere Bücher der Autorin gespannt sein.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet Ihr hier:

 

 

 

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