Prison Island

Hilde K. Kvalvaag

Aus dem Norwegischen von Maike Dörries

Gerstenberg, Juni 2012

144 Seiten, €  12,95

ab 14 Jahre

 

 

Inhalt:

Idun, knapp 16 Jahre, lebt nach der Trennung ihrer Eltern mit ihrer Mutter alleine. Ihr Vater hat eine neue Freundin und scheint glücklich, während die Mutter mit ihrem Alleinsein hadert. Idun ist eine gute Schülerin und ehrgeizige Sportlerin. Als hervorragende Läuferin ist ihr nächstes Ziel, ihre härteste Konkurrentin Ane Mo zu schlagen. Mit Jungs hat Idun noch nicht so viel Erfahrung, dafür ist sie zu zurückhalten. Sie schwärmt heimlich von ihrem Trainer und die erotischen Träumereien sind für sie der Antrieb für ihre sportlichen Leistungen. Da ihre Cousine Mai Probleme mit ihrer Mutter hat, zieht sie kurzerhand auf Einladung von Iduns Mutter kurzerhand bei den beiden ein. Idun ist alles andere als begeistert, denn Mai ist genau das Gegenteil von ihr: Sprunghaft, oberflächlich und sie benutzt andere Menschen, Beziehungen nur zum eigenen Vorteil. Als Mai sich in Johan verliebt, der auf der nahen Gefängnisinsel seine Strafe absitzt, will sie unbedingt mit Idun heimlich auf diese Insel. Idun hält diese Idee für verrückt und gefährlich, doch wie weit lässt sie sich von der dominanten Cousine beeinflussen?

Rezension:

Früher haben die Verlage ihre Autoren und Bücher in ihren Vorschauen mit vorschusslobpreisenden Ankündigen präsentiert: „So gut wie Autor xyz“ oder „Wer die Geschichten von Autor xyz mag, wird dieses Buch lieben“. Diese Vergleiche werden nur manchmal mit seinen Vorschusslorbeeren dem Buch gerecht und nehmen die Neugier und Unvoreingenommenheit, sich ohne verbindende Vergleiche auf einen neuen, unbekannten Autor einzulassen. Mittlerweile hat diese Idee einen Bart und die Marketingabteilung der Verlage haben sich etwas neues ausgedacht. Jetzt werden die neuen Bücher, vorzugweise die Lizenzen, mit erlauchten Preisen angekündigt, von denen man oft noch nie etwas gehört hat – wenn man denn den Mut hat, das einzugestehen. Aber, das Konzept scheint dennoch irgendwie aufzugehen. Denn ob man will oder nicht, ein Buch, das in seinem Heimatland schon einen oder sogar mehrere Preise erhalten hat, scheint ja offensichtlich empfehlenswert und lesenswert zu sein.

Genau aus diesem Grund hat auch mich das vorliegende Buch neugierig gemacht. Zum einen hat Skandinavien, in diesem Fall ist es Norwegen, wunderbare Schriftsteller zu bieten, zum anderen hat mich die Begründung der Jury zum „Brage“-Preis und damit zum besten Jugendbuch Norwegens 2010 neugierig gemacht: >„Eine scharfsichtige Darstellung zweier komplexer Mädchenschicksale, die die großen, für die Zeit der Jugend typischen Fragen in Worte fasst: Unruhe, Umbruch, Loslösung, Sehnsucht und der Hunger nach dem „walk on the wild side“<

Nun, komplex sind die Figuren des Romans allemal, dennoch bleiben sie genauso blass und oberflächlich. Mai ist ein undurchsichtiges, sprunghaftes Mädchen, dass aus welchen Problemen auch immer von ihrer Mutter zu ihrer Tante und Cousine flieht. Ihre Mutter erscheint kurz in der Geschichte und ist auf Anhieb so unsympathisch, dass man den Abstand von ihr versteht, aber wieso und weshalb sie sich so verhält, bleibt ebenso offen. Offenbar scheint Mai ein Problem mit körperlicher Nähe zu haben, weshalb sie sich vielleicht jedem Jungen an den Hals wirft und mit ihm ins Bett steigt. Wirklich nachvollziehbar wird das nicht. Iduns Mutter kämpft ebenfalls mit sich, der offenbar nicht verarbeiteten Trennung von ihrem Mann und tausend anderen kleineren und größeren Problemen. Idun erscheint für eine Sechzehnjährige unglaublich naiv und unreif, ihr Antrieb ist der Ehrgeiz, gute Leistungen in der Schule und beim Sport zu erzielen. Natürlich steht sie im völligen Gegensatz zum ihrer Cousine, sie zeigt aber in keinster Weise eine eigene Meinung ohne Widerstand, was in dieser Darstellung Weitestgehends unglaubwürdig wirkt. Ein Beispiel der einfältigen Idun zeigt sich beispielsweise, als sie zum ersten Mal mit einem Jungen schläft und sich beim Aufwachen über ein am Boden liegendes Kondom wundert, einen Satz später überlegt, ob sie nicht zu dünn ist. Dagegen weiß ihre Cousine Mai mit ihrer Lebensweisheit gleich einen sicheren Blick dafür zu haben, dass man einem huckepacktragenden Paar ansehen kann, dass sie miteinander schlafen. Vielleicht wirken diese Charaktere und Bilder auch wegen der abstrusen Sprache so flach. Die Erzählung aus der Sicht von Idun ist spröde, unnahbar und ohne Gefühl. Diese statische Sprache erinnert an einen engen und eiskalten Fjord mit Tunnelblick. Schnell ist klar, dass Mai die führende Figur ist und ihre Dominanz auch gegenüber der leicht zu beeinflussenden Idun einzusetzen weiß. Diese präsentiert sich aber auch als ein dermaßen willenlose Naive, die in ihren Trainer verliebt ist und sich eine erotische Liebesbeziehung mit ihm vorstellt, dann aber ohne Überzeugung mit einem anderen Jungen schläft und zu allem, was ihre einfältige Cousine vorgibt, einwilligt.

Nun könnte man dies vielleicht noch mit einem ausgefallenen Stilarrangement irgendwie entschuldigen, wenn nicht auch noch das Ende völlig abstrus die diffuse Handlung abrunden würde. Ein Ende, bei dem man sich fragt, was die Quintessenz dieser Geschichte sein soll?

Natürlich geht es insgesamt um Dominanz, dem Ausloten von Grenzen, den Mut, eine eigene Meinung zu haben und diese auch standhaft zu vertreten. Doch all das wird in einer flachen Sprache mit oberflächlichen Charakteren in einer abgerissenen Story ohne Tiefe verpackt.

Dieses Buch wurde 2010 zum besten Jugendbuch Norwegens ausgezeichnet. Was die Themen „Unruhe, Umbruch, Loslösung und Abstecher ins Abenteuer“ angeht, gibt es für mich weitaus beeindruckendere und scharfsinnigere Bücher, die leider keinen Preis erhielten.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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