In dieser ganz besonderen Nacht

In dieser ganz besonderen Nacht von Nicole Vosseler

Nicole C. Vosseler

cbj, Februar 2013

576 Seiten, € 18,99#

ab 12 Jahre

 

 

Inhalt:

Ambers Mutter ist an Krebs erkrankt. 16 Jahre lang haben die beiden Frau als ein gutes, harmonisches Team zusammen und alleine gelebt. Ihr Tod ist absehbar und daher hat sie mit Ambers Vater beschlossen, dass Amber zu ihm ziehen soll. Für Amber bricht eine Welt zusammen, denn sie kennt ihren Vater kaum, der sie nur wenige Male in ihrem Leben getroffen hat, da er beruflich oft unterwegs war und in San Francisco lebt. Es ist daher alles andere als einfach für Amber, nicht nur den Verlust ihrer Mutter zu verarbeiten sondern auch ihr altes Zuhause, Freunde und Großeltern zu verlassen. In San Francisco ist alles groß und laut für sie, in der Schule fällt es ihr schwer, auf neue Menschen zuzugehen und sich zu öffnen. Als sie ein altes, verfallenes Haus in der Franklin Street entdeckt, fühlt sie sich magisch von ihm angezogen. Amber findet hier einen wunderbar ruhigen Rückzugsort, an dem sie lesen, ihren Gedanken und Erinnerungen nachhängen kann. Eines Tages sieht sie in dem Haus einen Jungen, von dem sie auf Anhieb fasziniert ist, obwohl dieser zunächst auf Distnaz bleibt.  Als Amber feststellt, dass Nathaniel ein Geist ist, glaubt sie, verrückt zu sein. In ihrer Verwirrung trifft sie zufällig auf Klassenkameraden, die auch diese Gabe haben, Personen zu sehen, die für  andere unsichtbar bleiben. Amber schöpft nun Hoffnung, dass es vielleicht doch einen Weg gibt, wie Nathaniel und sie „wirklich“ zusammen kommen könnten…

Rezension:

Im Genre Fantasy kommt man in der Jugendliteratur fast nicht an dem aktuellen Mainstream der Romantasy vorbei. Auch Nicole C. Vosseler hat sich hier herangewagt. Als Autorin hat sie sich in der Erwachsenenbelletristik mit historisch angelehnten Romanen wie „Unter dem Safranmond“, „Sterne über Sansibar“ oder „Die Caravaggio-Verschwörung“ einen erfolgreichen Namen erschrieben.

Für ihre Mixtur aus Liebes- und Geistergeschichte hat Nicole C. Vosseler die Kulisse der wunderschönen Stadt San Francisco gewählt. Eine Stadt, die sie persönlich ins Herz geschlossen hat, wie sie in ihrem Nachwort erklärt. Das ist auch in jeder Beschreibung von Straßen, Plätzen und Vierteln zu merken. Mehr als genau wird jede Kleinigkeit der Umgebung beschrieben, was für die, die schon einmal in San Francisco waren, sicher einen Wiedererkennungswert hat, trotzdem irgendwann einfach langatmig ist. Diejenigen, die San Francisco nicht kennen, bekommen mit den lebendigen und bilderreichen Beschreibungen zwar einen ziemlich genauen Eindruck vermittelt, der entweder neugierig auf diese Stadt macht oder beim Lesen durch die wiederholenden detailverliebten Kleinigkeiten einfach nur ermüdet. Es ist einfach an vielen Stellen völlig uninteressant, ob wieder einmal die verschiedenfarbigen Häuserfassaden und scheinbar besonders auffällige Szenerien in den Vordergrund gerückt werden.

Die Handlung wird aus der Ambers Perspektive erzählt, abgewechselt mit Nathaniels Sichtweisen, die von ihm an der Stelle fortgesetzt werden, an der Ambers vorheriges Kapitel endet. Amber ist ein merkwürdiger Charakter, zu der eine seltsame kühle Distanz bleibt. Natürlich kann man ihre Traurigkeit nach dem Tod ihrer Mutter nachvollziehen, das Gefühl der Einsamkeit und des Verlassen werde. Sie muss ihr altes Zuhause verlassen und zieht mit ihrem Vater zusammen, der für sie ein Fremder ist. In der Schule fällt es ihr zunächst schwer, Kontakt mit anderen Schulkameraden aufzunehmen und sich auf neues einzulassen. Auch das ist erklärbar. Ebenso, dass sie dieses heruntergekommene alte Haus in der Franklin Street als ihren neuen Rückzugsort für sich entdeckt, an dem sie ungestört ihren Gedanken nachhängen kann. Was Amber allerdings so faszinierend an Nathaniel findet und warum sie sich von ihm so hingezogen fühlt, bleibt bis zum Schluss ein Geheimnis und wird nicht schlüssig herausgearbeitet. Nathaniel ist ein Geist, der nicht nur in seiner körperlosen Gestalt blass und durchscheinend bleibt. Er versprüht keine besondere Aura oder Persönlichkeit, da ändert die esoterisch geisterhafte Erscheinung leider auch nichts dran. Amber ist verständlicherweise ziemlich verwirrt, als sie feststellt, Geister sehen zu können. Und die Tatsache, dass sie rein zufällig auf ihrer Schule gleich mehrere Klassenkameraden trifft, die ebenso diese Fähigkeit besitzen, ist sehr kühn und ziemlich oberflächlich konstruiert. Wesentlich mehr Tiefe haben dagegen die Nebenfiguren: die verrückt schillernde Lebenskünstlerin Holly, Matt, der nach einer Krebserkrankung wild und lebenshungrig ist, Abby, die schüchtern-verklemmt in ihrer Gothic-Verkleidung ihren eigenen Weg sucht und der sportliche gutaussehende Shane, dem es gelingt auf seine ganz eigene lockere Weise Amber näher zu kommen. Diese Vier geben der Geschichte das gewisse Etwas, das bei der Hauptfigur Amber bis zum Ende nicht aufkommt. Die authentische Lebendigkeit ihrer Freunde verhindern, dass die doch oft sehr durchlässige Grundstory, die sich immer wieder in unwichtigen Nebensträngen verliert, ins allzu esoterische abrutscht. Obwohl versucht wird mit der Psychotherapeutin Dr. Katz immer wieder das Thema Tod und Trauerverarbeitung aufzugreifen, bleibt das so oberflächlich, dass man auch ganz darauf hätte verzichten können.

Die Autorin bemüht sich mit allzu adjektivschwangeren und gefühlsbetonten Beschreibungen Stimmungen und Atmopshäre widerzuspiegeln, dabei erdrückt sie aber vielmehr die Phantasie des Lesers als ihm den notwendigen Raum zu geben.                         Der Schluss der Geschichte ist eigentlich in zwei Abschnitten zu unterteilen. Hätte man es bei dem Höhepunkt in dem alten Haus in der Franklin Street belassen, wäre es ein runder Abschluss gewesen. Doch auch hier wurde dem ganzen, wie bei den erdrückenden Beschreibungen, dem ganzen noch eins aufgesetzt, was unnötig überzogen und kitschig wirkt – und letztlich enttäuscht.

Schade, die Autorin kann schreiben, dass merkt man trotz aller Kritik auch bei diesem Roman  –  ansonsten hätte ich dieses Buch auch nicht zu Ende gelesen.

Die trendige Liebes- Story, die zwischen Zeiten und Welten pendelt, hat durchaus ihren Reiz und San Francisco als Kulisse ist ebenso was besonderes. Aber hier war “too much” bei Beschreibungen von Gefühlen, Atmosphären, Schauplätzen während da, wo es wichtig gewesen wäre (beispielsweise in der Beziehung zwischen Amber und Nathaniel und einem klaren Handlungfaden), Substanz und Tiefe fehlte.

Das Cover ist Geschmackssache und trifft sicher den Geschmack der jungen Zielgruppe romantischer Geistergeschichten.

Vom Verlag ist dieses Buch übrigens als “Spitzentitel” in der Vorschau beworben worden, wobei die Meinungen hier auseinander gehen, ob dieses Vorweglob berechtigt ist.

Sabine Hoß

Bewertung:

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