Is` was, Dog?

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Dunja Hayali

Elena Senft

Ullstein, April 2014

256 Seiten, € 14,99

„all age“

 

 

Selten nehme ich mir die Freiheit, auf meinem Webliteraturportal Bücher außerhalb des Genre Kinder- und Jugendbuch zu präsentieren. Als ich meinem Freundeskreis eröffnete, dass ich ein Buch über Mensch und Hund besprechen wollte, schaute ich nur in erstaunte und fassungslose Augen voller Fragezeichen. Gut, ich lebe seit meinem siebten Lebensjahr mit einer ausgewachsenen Hundephobie, seit zwei riesige Dobermänner aus einem Zwinger ausbüchsten und mich auf meinem morgendlichen Schulweg niedermähten. Als ich dann mit dem Schulranzen auf dem Rücken am Boden wie ein Käfer strauchelte, standen die beiden schlabbernd, leckend auf meinem Oberkörper, ich unter ihnen als erlegtes Opfer. Während ich wie am Spieß die Straße zusammenschrie, eilte nach gefühlten Stunden Frauchen heran und zerrte die Riesenhunde mit den Worten weg: „Die wollen doch nur spielen.“ Selbiges Frauchen konnte man übrigens regelmäßig in der Mitte unserer Straße dabei beobachten, wie sie die beiden Dobermänner Richtung Felder ausführte. Nein, kleine Korrektur, man konnte beobachten, wie die Hunde ihr Frauchen im Schweinsgalopp hinter sich herzogen. Die Dominanz war sichtbar geklärt. Leider kein Klischee. Seitdem betrachte ich alles (außer Katzen), was sich auf vier Pfoten bewegt und höher als 30 cm vom Boden abhebt mit großer Skepsis, Misstrauen und schlichtweg Angst. Im Grunde nicht die besten Voraussetzungen, um ein Buch mit dem Titel „Is was, Dog? – Mein Leben mit Hund und Haaren“ zu besprechen.

Was hat mich also dazu bewogen, aus dem  Meer an Hundeliteratur mit nicht weniger interessanten Titeln wie „Hundherum glücklich“ oder „Mein Hund hat überlebt… und das werde ich auch“ oder „Hilfe, mein Hund ist in der Pubertät“ dieses Buch zu lesen – und dann noch zu empfehlen?

Wirklich neugierig gemacht hat mich das Foto auf der letzten Seite. Von Hund und Frauchen sieht man nur das jeweils gepflegte Hinterteil, während beide nach irgendetwas suchend, neben und über einen Stein gebeugt im grünen Dickicht verschwinden. Ein Foto, das eine vielleicht gängige Pose von Hund und Halter bei ihren Ausflügen zeigt, aber auch mit einem gewissen Augenzwinkern den Hund und sich selbst, zumindest manchmal, nicht ganz ernst zu nehmen.

Dunja Hayali hat gemeinsam mit der befreundeten Journalistin Elena Senft, ebenfalls Hundebesitzerin, ein Buch über das Zusammenspiel von Hund und Mensch geschrieben, das nicht die Vermessenheit besitzt, auf alle Fragen für ein harmonisches Zusammenleben von Vier- und Zweibeinern eine Antwort zu haben. Dafür wird auf herrlich erfrischende Weise erklärt, warum man sich ausgerechnet für einen Hund als Partner entschieden hat und nicht für einen Zierfisch. Auch wenn der viel einfacher in der Pflege wäre. Mit sarkastischen und treffenden Blick bestimmt das Autorenteam, welcher Typ von Herrchen/Frauchen sich welchen Hund anschafft, bei denen, ob man nun will oder nicht, durchaus bestätigte Verbindungen erkennbar sind. Selbstkritisch und mit einem guten Schuss Humor werden zahlreiche Faktoren rund um Dressur und Erziehung durchleuchtet. Dem geneigten Hundeskeptiker wird bei der Frage „Leine ja oder nein“ Verständnis entgegen gebracht, dass mancher Hund trotz der Aussage „Der tut nichts“ besser an die Leine gehört. Genauso gibt es aber die unmissverständliche Erklärung, warum und wann es genauso gut ohne diese geht. Wunderbar erheiternd auch die leidenschaftlichen Argumente um die Gretchenfrage, ob, wie oft und wo platziert der Hund ins Bett gehört. Selbst die Hundehaufenfrage, einer der heikelsten Konfliktgründe zwischen Hundebesitzern und Hundekritikern, wird mit Witz und eindeutigem Standpunkt beantwortet: „Die Regel gilt: Der Hund kackt, und das Herrchen hebt das Ergebnis bitte schön auf.“  Tja, es könnte so einfach sein. Man kann beobachten, dass man vielen Fragen, die sich um die Erziehung und Älterwerden eines Hundes drehen, ähnlich in der Kindererziehung begegnet. Auch hier muss man Grenzen setzen und trotzdem manchmal Kompromisse schließen. Und wer hat nicht schon einmal in der Pubertät seines Sohnes, variabel der Tochter, gedacht, dass die alles an gutem Anstand und Manieren bisher gelernte galant über Bord werfen. Genauso ist es beim Hund. Unleugbar gibt es eindeutige Parallelen zwischen Herrchen/Frauchen von Vierbeinern und Eltern zweibeiniger Wesen. Sie alle sorgen sich um das Wohlergehen, machen sich manchmal selber zum Affen, sind stolz auf die Leistungen und Entwicklungen – und jeder glaubt, das beste, schönste Individuum sein Eigen nennen zu können.

Die bekannte Präsenz von Dunja Hayali als Journalistin und TV-Moderatorin hat diesem Buch sicher geholfen, aus der Masse hervorzutreten. Denn neben allen allgemeinen Perspektiven rund um den Hund gibt sie natürlich auch Einblicke in ihr privates Hundeleben. Doch trotz dem Promi-Bonus hätte dieses humoristisch erzählende Sachbuch, das sich an Hundebesitzer und Nicht-Hundebesitzer gleichermaßen richtet, sicher nicht diesen Erfolg, wären die Blickwinkel, Gefühle und Gedanken von Hundehalter und ihren Tieren nicht so ironisch, augenzwinkernd und trotzdem mit eigenem, warmherzigen Charme beschrieben.

Damit schließt sich der Kreis zwischen Hundeliebhaber, für den sein Hund mehr als nur ein Partner ist, auch Beziehungskiller – oder Beziehungsretter – sein kann und dem geneigten Hundeskeptiker, der am Beispiel von Emma fast sicher ist, von seiner Hundephobie geheilt werden zu können.

Dieses Buch macht Mut: Es käme ja auf einen Versuch an… 🙂

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet Ihr hier:

 

 

 

 

 

 

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