Wer wir sind

Lena Gorelik

320 Seiten, € 22,00

Rowohlt Verlag, Mai 2021

 

 

 

 

In ihrem autobiographischen Roman „Wer wir sind“ erzählt Lena Gorelik, wie sie mit elf Jahren gemeinsam mit ihren Eltern, dem älteren Bruder und der Großmutter von Sankt Petersburg nach Ludwigsburg ausreist.

Obwohl der Vater sich nie vorstellen konnte, in dem Land zu leben, das verantwortlich für die Ermordung seiner jüdischen Vorfahren war, entschließt er sich nach einem demütigenden Erlebnis für die Ausreise nach Deutschland. Die Eltern erhoffen sich trotz aller Ängste und Zweifel hier für ihre Kinder ein freieres und leichteres Leben. Mit neun Gepäckstücken reisen sie nach Deutschland, davon der wichtigste der gelbe Lederaktenkoffer „Diplomat“, (der ohne jede Erklärung am Ende plötzlich orangefarben ist, S. 311,) in dem alle wichtigen Dokumente wie Heirats- und Geburtsurkunden, Einreiseerlaubnisse sind, sowie Diplome über die beruflichen Qualifikationen der Eltern, die in Deutschland nicht anerkannt werden. Dieser gelbe Aktenkoffer führt wie ein roter Faden durch den Roman, denn er hat im Laufe der Geschichte in bestimmten Situationen immer wieder eine neue Bedeutung. Aber auch russische Wörter

Die Familie kommt zunächst in einem engen Übergangswohnheim an bis sie eine eigene kleine Wohnung in Ludwigsburg bekommen und Lena denkt viel an ihre zurückgelassene Hündin Asta und an schöne Erinnerungen mit ihrem Opa. Während die Eltern mit der neuen Sprache kämpfen und sich mit immer wieder neuen und nicht ihrer Qualifikation entsprechenden Jobs und Umschulungen versuchen über Wasser zu halten, kommen Lena und ihr Bruder im Laufe der Jahre in ihrem neuen Leben in Deutschland an. Doch auf diesem langen Weg gibt es viele Entbehrungen, dabei oft die Erkenntnis, fremd in Deutschland zu sein, sei es, weil sie einzelne Worte mit starkem Akzent ausspricht oder mit einem noch extra für Deutschland in St. Petersburg maßgeschneiderten beigefarbenen Parka auffällt.

Auch bei den Eltern dauert es lange, bis sie „irgendwie“ in Deutschland ankommen und die Schriftstellerin sich schützend vor ihre Eltern stellen kann, „bis die Scham weicht. Bis ich widersprechen kann, bis ich nicht nur sprechen kann, sondern auch spreche.“ Und sie sich im Laufe der Jahre auch mit ihren Eltern, insbesondere der Mutter, über Geschehnisse aus der Vergangenheit austauschen kann.

Lena Gorelik schreibt in ihrem autobiographisch geprägten Roman mit fiktionalen Elementen mit einem ganz eigenen Diktus, so wie ich es heute mittlerweile selten lese. Mal ist ihre Sprache leise und sanft, an anderer Stelle kraftvoll bis hart, dabei mit einer schneidend klaren und einer fast therapeutischen Betrachtung von persönlicher Innen- und Außenansicht. Sie wechselt meisterhaft leicht und spielerisch von Rückblenden aus ihrer Kindheit zu verschiedenen Stationen ihres Lebenswegs bis zur Gegenwart, ohne die Verbindung zu verlieren. In ihrer tiefgründigen Geschichte, über die neben feinem Humor auch ein leichter Hauch von Melancholie liegt, berichtet die Schriftstellerin über den steinigen Weg der Suche nach sich selbst, der sprachlichen Unterschiede, dem Vergleich russischer und deutscher Sprache sowie dem Nichtübersetzbaren von Worten und den durch sie ausgelösten Emotionen, dem dichten Nebeneinanderliegen von Stolz und Scham, dem Gefühl des Nichtdazugehörens, dem Alleinsein und dem nicht wirklich sichtbaren aber selbstverständlichen jüdischen Lebens. Sie betrachtet dabei durchaus kritisch das Leben in Russland und wie wir heute miteinander in Deutschland umgehen, ihre Beziehung zu ihren Eltern, der Familie insgesamt sowie die Sprachlosigkeit in diesen Beziehungen, ohne die Personen bloßzustellen.

Lena Gorelik bekennt, früher die Dankbarkeit vergessen zu haben und ist sich heute bewusst, was ihre Eltern für sie getan hat. „Die Dankbarkeit vergesse ich einfach. Ich weiß genau um alles, was sie mir nicht geben konnten, und vergesse, danke zu sagen, für die Kraft, mir selbst beizubringen, was sie nur nicht kannten. Vergesse, danke dafür zu sagen und für alles andere auch.“

Der autobiographisch geprägte Roman ist eine nachdenklich machende Spiegelung von Wurzeln, der Entwicklung, Stationen des bisherigen Weges und ein liebevolles „Danke“ an die Eltern. Die Geschichte zeigt aber auch das Bewusstsein, in dem zunächst fremden Land und in seinem Leben trotz aller Zwiespalte und Widrigkeiten durch die eigene Kraft  angekommen zu sein. Aber da das Leben eine Reise ist, wird der gelbe Diplomat vielleicht noch weiter unterwegs sein.

Sabine Wagner

 

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