Das letzte Bild

Anja Jonuleit

dtv, 20.08.2021

480 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Es ist ein ganz normaler Montagmorgen, als die Schriftstellerin Eva auf der Ladentheke beim Bäcker über eine Phantomzeichnung in der BILD stolpert mit der Überschrift „War die unbekannte Tote eine Deutsche?“ Eva ist fassungslos, denn das abgebildete Gesicht gleicht zum Verwechseln dem ihrer Mutter und ihrem eigenen.

Eva Berghoff, die in erster Linie populärwissenschaftliche Biografien verfasst, beginnt zu recherchieren und stellt fest, dass das gezeichnete Gesicht sehr wahrscheinlich zu einer Frau gehört, die am 29. November 1970, in Isdal, einem abgelegenen Tal in der Nähe von Bergen in Norwegen, bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Durch eine neuartige Zahnschmelzanalyse wurde nun festgestellt, dass bis heute rätselhafte und  nicht identifizierte Leiche wahrscheinlich aus der Gegend von Nürnberg stammt. Eva Berghoff befragt ihre Mutter, die diese unheimliche Ähnlichkeit zunächst als Zufall abschwächt. Doch ihre Tochter ahnt, dass ihre Mutter etwas verbirgt und die Frage, wer diese Frau war und ob und welche Beziehung es vielleicht zu ihrer Mutter und damit auch zu ihr gibt, lässt sie nicht mehr in Ruhe. Eva Berghoff reist nach Norwegen und taucht Schritt für Schritt in die Vergangenheit ein und in das größte Rätsel der jüngeren Kriminalgeschichte.

Anja Jonuleit ist es auf eine unglaublich fesselnde Weise gelungen, den realen Kriminalfall um die Isdal-Frau mit einer fiktiven Geschichte zu verbinden. Die Autorin ist hierfür selber nach Norwergen gereist, um mit Personen zu sprechen, die damals mit den Ermittlungen betraut waren und hat sich die Örtlichkeiten angeschaut. Für ihre Geschichte stützt sie sich akribisch genau auf die vorliegenden realen Ermittlungsergebnisse und baut die zahlreichen Puzzlesteine zu einer hochspannenden erfundenen Geschichte zusammen. Dabei räumt sie die vielen widersprüchlichen Aussagen und Informationen beiseite, die zum Teil durch die Medien kolportiert wurden, wie beispielsweise dem Mythos um die belgischen Pässe. Auffälligkeiten, Zeugenaussagen, das Bewegungsprofil der Isdal-Frau präsentiert die Autorin unter anderem am Ende des Buches zum Nachlesen.

In abwechselnden Kapiteln wird aus der Gegenwart erzählt, in der Eva auf der Suche nach der Unbekannten unterwegs ist und aus der Vergangenheit, beginnend mit dem Jahr 1954 bis zum Todestag, im November 1970. Mit der erfundenen Figur „Margarete“ geht es auch noch zurück in die Zeit des Nationalsozialismus mit der Verschleppung von Kindern durch den Verein „Lebensborn“.

Diese Perspektivwechsel mit zwei parallel entwickelnden Handlungsstränge macht die komplexe Geschichte hoch spannend und Anja Jonuleit gelingt es dabei mit beeindruckender Intensität das facettenreiche Auftreten der Isdal-Frau, sowie die Charaktere der recherchierenden Eva und ihrer Mutter in Verbindung zu bringen und mich als Leserin und Beobachterin miteinzubeziehen. Aber auch Figuren, wie beispielsweise den Reisefotografen, bleiben keine oberflächlichen Nebendarsteller.

Die Autorin schenkt der unbekannten Isdal-Frau eine Identität, die bis zu ihrem Tod getrieben von der Suche nach ihrer verloren gegangen Familie ohne Wurzeln und Halt durch ihr kurzes Leben hetzt. Dieser Roman ist nicht nur ein von der ersten bis zur letzten Seite hoch spannender Kriminalfall, es ist auch die fiktive Verbindung zu einer schicksalshaften Familiengeschichte, in der es um die Suche nach Wurzeln, Heimat aber auch um Verleugnung und Schweigen über Unausgesprochenes geht.

„Das letzte Bild“ ist die großartige Synthese einer erfunden Geschichte, bei der man zeitweise vergisst, dass sie fiktiv ist, und einem großartigen recherchierten realen, ungelösten Kriminalfall, in dem Anja Jonuleit der rastlosen, verlorenen und grausam gestorbenen Isdal-Frau „Margarete“ ein würdiges literarisches Heimkommen schenkt.

Das Cover ist stimmig zu Geschichte.

Sabine Wagner

 

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