Die Überlebenden

Alex Schulman

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz

dtv, 20. August 2021

304 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

Die drei Brüder Benjamin, Nils und Pierre kehren an den Ort zurück, an dem sie während ihrer Kindheit ihre Ferien verbracht haben, ein kleines einsames Holzhaus am See, um die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Während die Brüder versuchen, den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen, stellen sie fest, wie sehr sie sich auseinandergelebt haben und es auch offenbar keine wirkliche Annäherung geben wird. Es ist eine Reise zurück in ihre Kindheit, die für die drei Jungs alles andere als einfach gewesen ist.

Alex Schulman wechselt in seinen eindringlichen rückwärts erzählten Geschichte zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei lässt er den durch die Eltern geschürten Konkurrenzkampf zwischen den damals neunjährigen Benjamin, den siebenjährigen Pierre und den dreizehn Jahre alten Nils wiederaufleben, die aber dann zusammenhielten, wenn es ganz eng wurde. Die Eltern, die sich oft heftig gestritten haben und im Sommer vor dem Holzhaus am See mit viel Alkohol friedlich gestimmt waren, waren für ihre Söhne keine Orientierung oder Stütze. Obwohl sie die Söhne mit oft harter Strenge und zu guten Manieren erziehen, irren die Söhne in ihrer Kindheit, die von Armut geprägt ist, neben ihren Eltern ohne wirklichen Halt.

… „Ihre Versuche, den Anschein akademischer Bürgerlichkeit zu erwecken, wie Benjamin sie aus seiner Kindheit kannte. Er und seine Brüder waren in einem Oberklassenhaushalt aufgewachsen, und doch unterhalb des Existenzminiums. Erzogen wie Adlige und darauf gedrillt, den Rücken stets gerade zu halten, vor dem Essen ein Tischgebet zu sprechen und den Eltern nach der Mahlzeit die Hand zu schütteln. Doch es gab kein Geld, beziehungsweise: Nur wenig davon wurde in die Kinder investiert. Die akademische Erziehung war ein halbherziges Projekt, mit Pomp und Getöse begonnen, aber nie zu Ende gebracht.“ (S. 235)

Die Mutter ist eine ambivalente Person, die mit Ihren Launen mit grausamer Grobheit und in seltenen Momenten auch sanfter Zärtlichkeit ihre Kinder in lauernder Unsicherheit aufwachsen lässt. Benjamin war und ist der nachdenklich Beobachtende, Nils als Ältester zieht sich schon als Kind sehr zurück, um den Streitereien und harschem Ton der Eltern zu entfliehen. Doch auch Pierre als Jüngster ist nicht das verwöhnte Nesthäkchen und muss lernen, sich gegen seine Geschwister durchzusetzen, wobei er zu Benjamin eine engere Bindung hat. Dabei scheint Benjamin dem Autor am nächsten zu sein, denn wie er hat er eine feine  Beobachtungsgabe sowie ein sensibles Gespür für Situationen und Gefühle, auch wenn er nie lernt, mit jemanden darüber zu reden.

In einer klaren, reflektierenden aber auch poetischen, einfühlsamen Sprache fächert Alex Schulman das Leben der drei Brüder von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter auf, in dem sie nie gelernt haben, über Gefühle und einschneidende Erlebnisse, die Fragen offen lassen, zu reden. Mit einer beeindruckenden Intensität arbeitet der Autor die drei unterschiedlichen Charaktere der Jungen und späteren Männer aus und zeigt mit Winzigkeiten, wie nachhaltig Entbehrungen, psychische Ausnahmesituationen und Unausgesprochenes das Leben beeinflussen und die drei Geschwister dabei immer weiter auseinander leben lassen.

Mit dem Kniff, die Geschichte in der Gegenwart rückwärts zu erzählen, den wechselnden zeitlichen Perspektiven und neuen Wendungen hält Schulman den Spannungsbogen bis zum Ende mühelos hoch. Am Ende überrascht Benjamin mit der Aufarbeitung eines furchtbaren Erlebnisses in der Kindheit, das nie besprochen, geschweige denn analysiert wurde und ihn fast aus seinem Leben hat fallen lassen.

„Die Überlebenden“ ist der erste Roman von Alex Schulman, der bereits mehrere autobiografische Bücher veröffentlicht hat. Die Idee zu diesem Roman kam ihm, als er vor zwei Jahren mit seinen Brüdern zu Abend aß und sich bei einem von ihnen nach seiner langjährigen Freundin erkundigte und erfuhr, dass der Bruder bereits seit einem halben Jahr von ihr getrennt war. Alex Schulman fragte sich, wie es dazu kommen konnte, dass die drei Brüder, die in der Kindheit unzertrennlich gewesen waren, sich so weit voneinander entfernt haben, sich so fremd geworden sind.

In dieser fiktiven und vielleicht auch autobiographisch geprägten spannenden Geschichte um drei Brüder ist der Schriftsteller den Gründen nachgegangen, wie eine solche Entfremdung entsteht und man als Erwachsener mit einem Trauma und Unausgesprochenem aus der Kindheit leben und überleben kann. Ob der Riss zwischen den drei Brüdern noch zu kitten ist, bleibt als Hoffnung offen.

Das Cover hätte fasst gepasst, leider fehlt ein Bruder. 😉

Sabine Wagner

 

 

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