Pacific Crest Trail Killer

Christian Piskulla

Cleverprinting Verlag, 15.08.2021

648 Seiten, € 19,90 (Taschenbuch)

€ 29,90 (gebundenes Buch)

 

 

 

Seinen neuen Thriller lässt Christian Piskulla nicht, wie in seinem fulminanten Krimi und Debütroman „Das Stahlwerk“ in einem historischen Setting spielen, sondern in den USA auf dem dort sehr bekannten Pacific Crest Trail, der unterhalb von San Diego in Kalifornien beginnt und im Manning Park in British Columbia, Kanada endet, dazwischen 4.000 Kilometer wilde Natur. Um einen Eindruck davon zu bekommen, zu Fuß auf diesem Trail viele Kilometer bzw. Meilen zu wandern, welche Menschen und Orte man kennenlernt und was das einsame Wandern mit einem macht, hat Christian Piskulla 2019 ein Teilstück des Pacific Crest Trail bewandert, nämlich den 340 km langen John Muir Trail, der im Yosemite Valley beginnt und auf dem Gipfel des Mount Whitney endet, wobei man 24.000 Höhenmeter bewältigen muss.

In seinem neuen Thriller wird auf dem Pacific Crest Trail eine grausam zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden, die vor ihrem Tod vergewaltigt wurde, bevor man sie samt Zelt verbrannte. Auch der ehemalige Polizist Mark Stetson aus Bishop, der acht Jahre als Militärpolizist in Afghanistan verbrachte, wandert auf diesem Trail und wird Zeuge der grausamen Tat. Dabei begegnet er zufällig dem ermittelnden FBI-Leiter der Mordkommission in Los Angeles Steve Cortez, der Stetson bittet, als verdeckter Ermittler auf dem Trail zu bleiben, was dieser nach erstem Zögern zusagt.

Es soll nicht lange dauern, bis der Mörder erneut zuschlägt, allerdings kann ihn diesmal sein neues Opfer, die attraktive Enddreißigerin Rebecca DiRomania, mit knapper Not sowie mithilfe einer List verjagen. Als ein weiterer bestialischer Mord an einer allein wandernden jungen Frau geschieht, gerät auch Rebecca ins Visier des ermittelnden Cortez, was dessen Skepsis und Misstrauen nicht mindert, als Mark und Rebecca gemeinsam auf dem Trail weiterwandern. Mark Stetson gerät zwischen zwei Fronten, einerseits beginnt er langsam, sich in die schöne, anziehende und für raffinierten Sexspiele offene Rebecca zu verlieben, andererseits ist er sich der verdeckten Ermittlungsaufgabe bewusst. Diese Beziehung bringt beide, je länger sie zusammen sind, in eine große Gefahr. Als noch weitere Morde geschehen, wird es den Ermittler um Cortez immer klarer, dass der Mörder seine Taten nicht alleine ausführt, sondern wahrscheinlich einen Mentor im Hintergrund hat. Der Druck, den bestialisch mordenden Psychopathen mit den vielen kleinen, bisher zusammengefügten Puzzlestücken so schnell wie möglich zu verhaften, erhöht sich immens, verbunden mit dem Zweifel, ob Rebecca DiRomania tatsächlich etwas mit den Morden zu tun hat.

Christian Piskulla ist auch mit seinem zweiten Thriller ein atemberaubender Pageturner gelungen, den man nur ungern aus der Hand legt. Das Buch ist kein Leichtgewicht, was nicht nur an seinen knapp 640 Seiten liegt, denen hier und da für mich ein wenig Straffung gut getan hätten, was aber insgesamt nicht wirklich negativ zu bewerten ist.

Mit den kurzen, abwechselnden Kapiteln aus den Perspektiven der einzelnen Figuren gelingt es dem Autor auf erneut fesselnde Weise verschiedene Handlungsstränge intensiv auszubauen sowie die Gedanken, Gefühle der verschiedenen Charaktere, auch die der Nebenprotagonisten, dem Leser mühelos sehr nahe zu bringen und damit die Handlungsebenen und Figuren mühelos zu verbinden. Man folgt dem Täter in seine abstrusen Gedankenwelt, lernt ihn so kennen und erkennt, was ihn zu einem solchen Menschen hat werden lassen.

Neben der Grundhandlung des Thrillers mit der Suche nach dem psychopathischen Mörder, hat Piskulla seinen Focus auch auf andere Themen gelegt, die bisher eher ungewöhnlich für dieses Genre sind. So befasst er sich mit den sozialen Ungerechtigkeiten im gesellschaftlichen Leben Amerikas, abseits des immer so gerne beworbenen „American way of life“, in dem er das in großen Teilen harte, unsoziale amerikanische System präsentiert, das eine hohe Zahl von Obdachlosen, in heruntergekommenen Wohntrail-Parks sozial Gestrandete und von der Hand in den Mund lebenden und arbeitenden Menschen präsentiert. Für diese Darstellung und Auslegungen hat sich Christian Piskulla Zeit genommen und sie sorgfältig recherchiert.

Darüber hinaus hat sich der Autor, für einen harten Thriller ungewöhnlich, viele kluge und kritische Gedanken zu dem Thema „Gewalt gegen Frauen in den Medien“ gemacht, diese herausgearbeitet und schockierend belegt.

„Gewalt gegen Frauen in Unterhaltungsmedien hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem der profitabelsten Medientrends überhaupt entwickelt. Mit Filmen und Büchern, die vorrangig Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Folterungen und Ermordungen von Frauen zeigen und beschreiben, werden weltweit Milliardengewinne erzielt. Tendenz steigend.“ (Buch Seite 363)

Wie sich dieser Medienkonsum auf heranwachsende wie erwachsenen Männern auswirkt, ohne dass eine Frau nur als ein Stück Fleisch gesehen wird, ist eine furchtbare aber leider reale Perspektive.

„Pacific Crest Trail Killer“ ist ein harter und hoch spannender Thriller, in dem natürlich Gewalt dargestellt wird, dennoch in keiner Weise auf eine solch brutale, rohe Weise, die der Spannung oder dem Spannungsaufbau wegen in den Vordergrund gestellt wird. Vielmehr ist es Christian Piskulla wichtig, hervorzuheben, was ein Mensch zu einem solch grausamen Mörder werden lässt.

Neben der Gewalt ist auch erotischer Sex, in Teilen auch in pornografisch angelehnten Beschreibungen in der Handlung zu finden. Für die Figur Rebecca sind ausgelebte variantenreiche sexuelle Fantasien und verschiedene Sexpraktiken sehr wichtig und so werden sie auch dargestellt. Ohne prüde zu sein war mir persönlich dies in einem Thriller, der sich auch mit der sexualisierten Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, wie an der ein oder anderen Stelle auch die beschriebene Gewalt, dennoch manchmal ein „touch too much“.

Auch mit seinem zweiten, thematisch ungewöhnlich verknüpften Thriller zeigt Christian Piskulla sein schriftstellerisches Talent mit der hervorragenden Verbindung mehrerer Handlungsstränge durch abwechselnde, relativ kurze Abschnitte aus den verschiedenen Perspektiven der Figuren und einem bis zum Ende gelungenen Spannungsaufbau sowie dem nahezu unterunterbrochenen Halten dessen durch überraschende Wendungen. In „Pacific Crest Trail Killer“ sind Ermittlerkrimi, Liebesgeschichte, sozial-gesellschaftliche Kritik am amerikanischen System sowie Kritik gegen Gewalt an Frauen in den Medien ohne moralisch erhobenen Finger, aber sorgfältig recherchiert und hoch spannend miteinander verbunden.

Am Ende des Buches hat der Autor ein Nachwort gesetzt mit dem Hinweis, dieses erst dann zu lesen, wenn man das Buch zwei bis drei Tage hat sacken lassen. Das braucht es und es lohnt sich. Normalerweise liest man einen Thriller wahrscheinlich nur einmal, bei diesem wird man auch beim zweiten Mal wieder neue Akzente in den Hintergrund-Themen entdecken.

Das Cover strahlt die Schönheit der Natur und dunkle Atmosphäre des Thrillers perfekt aus.

Sabine Wagner

 

 

 

 

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