Das barfüßige Mädchen

Edith Bruck

Aus dem Italienischen übersetzt von Verena von Koskull

Aufbau Verlag, 16.01.2023

159 Seiten, € 20,00

 

 

 

Die 1931 in Ungarn geborene Edith Bruck gehört zu den noch wenigen Überlebenden, die von den Gräueln der Shoa berichten können. Ihres Alters und ihrer Vergesslichkeit bewusst, hat die vielseitige Autorin ihre Erinnerungen aufgeschrieben, bevor sie die Fähigkeit dazu verliert. Edith Bruck sieht sich aber auch in der Verantwortung, das Grausame, das sie erlebt hat, weiterzugeben und unvergessen zu halten.

Als Jüngste von sechs Kindern einer jüdischen Familie verbringt Edith, genannt Ditke, ihre Kindheit in einem kleinen ländlichen Dorf in Ungarn. Ihre älteren Geschwister sind schon lange aus dem Haus und leben in anderen Städten. Mit ihren älteren Geschwistern, dem kränklichen Bruder Noah und der gläubigen Schwester Judit, lebt Ditke bei ihren Eltern. Auch wenn sie das Nesthäkchen der Familie ist, wird sie nicht verwöhnt, denn sie wächst in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Auch in der kleinen Landschule wird Ditke mit den Anfeindungen und Ausgrenzungen gegenüber Juden hart konfrontiert und versteht nicht, warum auf einmal ihre jüdischen Mitschüler*innen, mit denen sie in einer Reihe in der Klasse sitzen musste, immer weniger werden. Ditke ist 13 Jahre alt, als auch ihre Familie von den Nazis 1944 aus dem Familienleben und kleinen Dorf herausgerissen und deportiert werden. In Auschwitz wird Ditke von Mutter, Vater und dem älteren Bruder getrennt und wird sie nie mehr wiedersehen. Ditkes ältere Schwester Judit bleibt bei ihr und sie teilen unzählige grausame Erlebnisse und Unmenschlichkeiten. Von Auschwitz werden sie weiter nach Bergen-Belsen deportiert und kämpfen jeden Tag um ihr Überleben. Nach der Befreiung in Bergen-Belsen irrt Ditke zunächst ziellos herum, emigiert nach Israel, wohin sich auch Judit und die anderen älteren Geschwister Mirjam und David gerettet haben. Doch sie wird nicht wirklich freundlich von ihnen aufgenommen, so muss Ditke weiter nach einer Aufgabe und einem Lebensmittelpunkt suchen. Da sie feststellt, dass sie in Israel keinen Halt findet, schließt sie sich sich einer Tanzgruppe an, mit der sie unter anderem Stationen in Zürich und in Italien macht. In Italien fühlt sich Edith Bruck zum ersten Mal wohl. Sie lernt die italienische Sprache und beginnt zu schreiben, um das Erlebte zu verarbeiten und findet ganz langsam mit ihrem Schreiben ihre Berufung, die sie zur Journalistin, Übersetzerin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin werden lässt.

>> „Ich würde das Wort „Heimat“ abschaffen, ebenso wie viele andere Wörter: „meins“, „sei still“, „gehorche“, „vor dem Gesetz sind alle gleich“, „Nationalismus“, „Rassismus“, „Krieg“ und vielleicht sogar das seines Wesenskern beraubte Wort „Liebe“.

Es bräuchte neue Worte, auch, um Auschwitz zu erzählen, eine neue Sprache, eine Sprache, die weniger verletzt als die meinige, mir angeborene. << (Zitat Seite 85)

Edith Bruck erzählt ihre bewegenden Lebenserinnerung mit klaren und eindringlichen Worten vom Überleben in den Konzentrationslager und dem harten, langen Weg in ein neues Leben, verbunden mit der Suche nach einem Ort, an dem sie sich angekommen fühlt. Trotz ihrem Hadern mit Gott und der Vergebung, ist es Edith Bruck auch mit diesem Buch wichtig, dass die barbarischen Taten der Shoa niemals vergessen werden. Es zeigt von großer Stärke dieser Frau, dass sie keinen Hass gegenüber ihren ehemaligen Peinigern empfindet, sondern Mitleid – „darum bin ich gerettet, verwaist, frei, und dafür danke ich Dir, Hashem in der Bibel, Adonai im Gebet und Gott im Alltag.“ (Zitat Seite 101)

Leider betrübte mich in dieser Erinnerung gegen das Vergessen der Shoa, die 2021 für den jährlich vergebenen italienischen Literaturpreis „Premio Strega“ nomiert war, an nicht wenigen Stellen die hölzerne, gestrige Übersetzung und die zahlreichen Rechtschreibe- und Grammatikfehler (im E-book.).

Sabine Wagner

 

 

 

 

 

 

 

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