Killing God

Kevin Brooks

Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

dtv premium, Februar 2011

280 Seiten, € 12,90

Junge Erwachsene

ab 14 Jahre

Inhalt:

 Die 15-jährige Dawn wird von einem Gedanken beherrscht: Sie will Gott töten. Denn Gott hat ihr die Unschuld geraubt und ist für ihre persönliche Tragödie verantwortlich. Bevor Dawns Vater der Bibel verfallen ist, war er zwar auch ein rast- und ruheloser Mensch, durch die göttliche Botschaft ist er jedoch ein anderer Mensch geworden, ein Wahnsinniger, der von heute auf morgen aus dem Leben seiner Familie verschwindet. Er hinterlässt eine Sporttasche voller Geldscheine und eine Pistole. Das Geld rettet Dawn und ihre Mutter vor dem finanziellen Abgrund, seelisch sind jedoch beide in ein tiefes Loch gefallen. Die Mutter sitzt nur noch von Alkohol und Tabletten benebelt vor dem Fernseher, Dawn hat sich von allem völlig zurückgezogen. Doch plötzlich suchen  zwei Klassenkameradinnen ihre Nähe. Ausgerechnet die beiden, die Dawn sonst nie beachten, laden sie zu einer Party ein, die dann doch nicht stattfindet. Stattdessen stehen die beiden Mädchen an diesem Abend vor Dawns Tür und wollen sie neugierig näher kennenlernen. Dawn ist völlig verwirrt und traut der plötzlichen Annäherung nicht. Was wollen die beiden von ihr?

Rezension:

Kevin Brooks ist ein ungewöhnlicher Mensch mit außergewöhnlichen Geschichten. Damit prägt er sich ein und bleibt nachhaltig in Erinnerung, was ihm auch mit diesem Buch gelungen ist. Zunächst glaubt man, die kritisch-revolutionäre Betrachtung eines normalen Teenagers über das eigene Leben, dem Verhältnis zu Gott, dem Glauben sowie der gesamten Weltanschauung zu lesen. Doch sehr schnell wird klar, dass da weit mehr hintersteckt. Dawn ist ein einsames fünfzehnjähriges Mädchen, die auf ein zerrüttetes Familienbild schaut. Das einzige, was sie wirklich liebt und an sie heranlässt sind ihre beiden Kurzhaardackel Jesus und Mary und ihre Mutter, die nur noch depressiv-apathisch im alkoholbenebelten Tablettenrausch vor dem Fernseher sitzt. Ihre Familie lebte schon immer flippiger, freier und der Hippieeinstellung zugewandt, als die Eltern ihrer Schulkameradinnen. Dawn erlebt zwar ein unreglementiertes Zuhause aber auch die Schattenseiten, denn genau aus diesen Gründen findet sie nie Freunde, weil sie und ihre Eltern von anderen stets argwöhnisch betrachtet werden. Dass der Vater in kriminelle Geschäfte verwickelt ist, ahnt Dawn, genaues weiß sie darüber jedoch nicht. Als eines Tages Unbekannte den wieder mal völlig betrunkenen Vater zu Gott und der Bibel bekehren wollen, verwandelt er sich in ein wahnsinniges Monster, dass in einem ununterbrochenen alkoholisierten Rausch mit ständig predigenden Bibelsprüchen versucht, seine inneren Dämonen auszutreiben. In diesem Zustand göttlichen Wahnsinns vergewaltigt er eines Nachts seine Tochter und kurze Zeit später verlässt er ohne ein Wort seine Familie. Er hinterlässt eine Sporttasche voller Geld, eine Pistole und zwei völlig fassungslose und leere Menschen. Dawn ist hin und her gerissen von den Gefühlen, dass sie einerseits ihren „richtigen“ Vater liebt und ihm vielleicht auch verzeihen kann, auf der anderen Seite hasst sie abgrundtief das Monster, das ihr das Abscheuliche angetan hat. Dawn sieht eigentlich nicht ihren Vater als Hauptschuldigen sondern Gott, der ihn zu dieser Tat getrieben hat. Durch die beiden Schulkameradinnen Mel und Taylor wird sie nicht nur mit der Vergangenheit konfrontiert, sie muss sich auch der Realität stellen, was sich zum Ende der Geschichte zu einem überraschenden und dramatischen Höhepunkt entwickelt.

Kevin Brooks wollte ursprünglich einmal Rockstar werden, die Leidenschaft zur Musik zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die Titelüberschriften sind Songtitel und die zahlreichen eingebundenen (Original-)Texte stammen von der Band „The Jesus and Mary Chain“, nach denen Dawn auch ihre Dackel benannt hat. Brooks Sprache ist so vielfältig wie die der Musik. Er schöpft die Bandbreite von sensibel, gefühlvoll bis zur kompromisslosen, klaren Eindeutigkeit und setzt, wie in der Musik,  ein bestimmtes „Thema“ in Variationen akzentuiert zwischen einzelnen Szenen, um diese hervorzuheben. Abgehackt, dann wieder fließend beschreibt er mit Tiefe die Charaktere, die Abgestumpftheit seiner Protagonisten, ohne oberflächlich oder platt zu wirken. Dawns Zerrissenheit, dass sie ihren Vater eigentlich immer noch liebt, weil er ja nun einmal ihr Vater ist und sie viele schöne Erinnerungen verbindet, aber ihn auch für sein Vergehen und Zerstörung ihres eigenen Lebens abgrundttief verachtet, ist einfühlsam aber ohne jeden Kitsch beschrieben. Das Ende ist eine dramatische Endabrechnung, bei der alle Fäden wieder zusammenkommen. Es hat lange gedauert, bis Kevin Brooks seine schriftstellerische Erfolge feiern konnte, dafür kam er um so nachhaltiger. 2006 erhielt er von der Jugendjuryden Deutschen Jugendliteraturpreis für seinen Roman „Lucas“ (dtv, 2005), 2008 war er nominiert  mit „Kissing the rain“, 2009 bekam er die gleiche Auszeichnung von der Kritikerjury für „Road of the dead“ (dtv, 2008).

Kevin Brooks ist ein ungewöhnlicher Autor mit unkonventioneller Schreibweise und der Mut zu kritischen, substanziellen Themen hat, auf dessen Bücher man sehr gespannt ist – was mittlerweile auch eine hohe Erwartungshaltung mit sich bringt.

Sabine Hoß

Bewertung:

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