Arm sind die anderen

Pete Smith

Ueberreuter, Juli 2011

160 Seiten, €  12,95

ab 14 Jahre

 

 

 

Inhalt:

Sly lebt mit seiner Mutter, drei jüngeren Halbgeschwistern und einem demenzkranken Großvater in einer zweiundachtzig Quadratmeter kleinen Wohnung am Stadtrand von Frankfurt. Die Mutter hat oft ihre „dunklen Tage“, was zur Folge hat, dass Sly sich um Opa, die Geschwister und den Haushalt kümmern muss. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, entflieht aber auch er gerne dem beengten und chaotischen Familienleben. Gemeinsam mit seinem Freund Agi fährt er dann in die Stadt und hängt im Frankfurter Bahnhofsviertel ab. Als er von einer nächtlichen Tour nach Hause kommt, findet er auf dem Badezimmerspiegel die letzte Nachricht seiner Mutter: „Ich kann einfach nicht mehr“. Es ist ein Tag vor Weihnachten, die Mutter abgehauen, es sind kaum Geld und Lebensmittel im Haus und Sly hat keine Ahnung, wie er das seinen jüngeren Geschwistern mitteilen soll. Er ist der Älteste und alle erwarten nun von ihm, dass er weiß, wie es weitergeht. Gemeinsam mit seinen Geschwistern, den kranken Opa unter den Arm geklemmt, machen sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Dabei lernen sie Menschen kennen, Bekannte und Unbekannte, die sie auf unterschiedliche Weise unterstützen. In dieser schwierigen Ausnahmesituation zeigt sich der feste Zusammenhalt der ansonsten streitbaren und schwierigen Familienkonstellation.

Rezension:

Derb, manchmal sogar vulgär, klar und direkt, so ist überwiegend die Sprache von Sly und seinen Geschwistern. Doch immer wieder scheint der sanfte, sensible, nachdenkliche junge Mann durch, der er zweifelsohne auch ist. Sly zeigt eine gewisse Gewalt, die er nicht aus reiner Provokation austeilt, aber wenn es sein muss, eindeutig und gezielt, wenn er es für nötig erachtet. Wenn man eine Handlung in ein sozialschwaches Milieu setzt, sind Klischees, in die man hineinstolpern kann, nicht fern. Doch dem geht Pete Smith im Großen und Ganzen aus dem Weg. Er präsentiert eine Familie, die ungewöhnlich und bizarr erscheint, für den Protagonisten aber normal ist: Die Mutter ist mit siebzehn zum ersten Mal schwanger geworden, dann folgten drei weitere Geschwister von drei verschiedenen Väter. Zwischen den völlig unterschiedlichen und schwierigen Kindern gibt es oft Zank und Streit, nicht zuletzt weil sie auf so beengtem Raum leben müssen. Seitdem der demenzkranke Vater ihrer Mutter bei ihnen wohnt, ist es noch schlimmer geworden. Obwohl der Platz und das Geld ohnehin schon ziemlich knapp sind, nimmt die Mutter den alten Herrn auf, nachdem ihre Schwester, die kinderlos und gut situiert mit ihrem Mann lebt, keinen Platz für ihren Vater hat. Ohne Sentimentalität und Rührseligkeit beschreibt Sly sein Familienleben, das von Tränen und Chaos beherrscht wird und in dem er jetzt die Führungsrolle übernehmen muss. Eine Rolle, die er in der Vergangenheit immer wieder mal übernommen hat, aber nur als kurzfristigen Stellvertreter. Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst, denn er hat seinen Geschwistern versprochen, sie vor dem Heim zu bewahren. Auf ihrer gemeinsamen Suche nach ihrer Mutter wechseln sich skurril-witzige Szenen, die auch eine tiefe Traurigkeit in sich tragen, mit herausfordernden ab, die zeigen, dass Sly auch Gewalt nicht aus dem Weg geht, um sein Ziel zu erreichen. Über allem steht immer die große Angst und Verzweiflung, dass das Geld, selbst für die notwendige Grundversorgung, vorne und hinten nicht ausreicht. Die ständigen Überlegungen, ob und was man sich leisten kann, werden in die beiden Kategorien „kostenneutral“ und „kostenintensiv“ eingeteilt. Die Geschichte ist keine Plattitüde auf sozialschwache Menschen und Hartz 4-Empfänger. Dennoch zeigt sie mit kritischen Anmerkungen, dass es bei diesen Menschen auch eine große Scham gibt, gewisse Sozialleistungen, die ihnen zustehen, unter vielen Diskussionen zu beziehen. Sly erinnert sich an die Worte seiner Mutter, dass es ein sehr harter Kampf ist, für seinen Stolz und seine Würde zu kämpfen, wenn man nichts mehr außer Angst und Hoffnungslosigkeit hat und ganz unten auf der sozialen Leiter angekommen ist. An diesem Familienbild wird eindringlich deutlich, wie schnell man aus dem sozialen Raster herausfliegt, hat man erst die Arbeit und dann die schöne Wohnung verloren. Während der mehrtägigen, abenteuerlichen Suche nach ihrer Mutter, die alle zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen lässt, begegnen sie skurrilen und merkwürdigen Menschen, die der Atmosphäre entsprechen. Nur der Schluss enttäuscht. Der Autor scheint sich hier zu verhaspeln und erweckt den Eindruck, dass ein glückliches Ende wichtiger gewesen ist, als ein annähernd realistisches. Zu schnell findet sich hier plötzlich das gewünschte Ziel und hinterlässt ein etwas unglaubwürdiges Bild, was schade ist. Die weitere Entwicklung bleibt offen, das wiederum ist konsequent.

Eine eindringliche, witzige und traurige Geschichte über die sich immer schneller ausbreitende Armut zwischen uns und den begleitenden, harten Kampf um die persönliche Würde.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

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