Vor meinen Augen

Alice Kuipers

Fischer JB

Aus dem Englischen von Angelika Eisold Viebig

224 Seiten, € 14,95

ab 14 Jahre

 

 

Inhalt:

Sophie beginnt ihr Tagebuch mit dem ersten Eintrag am 01. Januar. Im Sommer des vergangenen Jahres hat sie ihre Schwester Emily bei einem furchtbaren Unglück verloren. Bis heute gibt sie sich die Schuld am Tod ihrer Schwester, hätte sie sich damals nur nicht den offenen Schnürsenkel zubinden wollen. Jetzt will sie sich aber wieder langsam in den sogenannten Alltag einfinden, auch wenn sie oft nicht weiß, wie sie den neuen Tag beginnen soll. Nicht nur der Schulweg mit dem Bus bedeutet Qualen, auch der Umgang mit ihren alten Schulkameraden und Freundinnen ist schwierig. Sie scheinen sich ebenfalls verändert zu haben und gehen ängstlich und unbeholfen mit Sophie und ihrer Situation um. Sophie ist verwirrt über die neuen Erkenntnisse: Was hat sie mit ihrer besten Freundin Abigail früher verbunden, die sie heute kaum mehr zu kennen scheint? Wie kann sie Dan sagen, dass sie sich in ihn verliebt hat? Als Rosa-Leigh neu in die Klasse kommt, ist sie die Einzige, die unbefangen mit Sophie umgeht. Die beiden Mädchen freunden sich an und Rosa-Leigh unterstützt Sophie in der schwierigen Beziehung mit ihrer Mutter. Diese hat sich nach dem furchtbaren Tod ihrer ältesten Tochter zurückgezogen und ist unnahbar, Sophie entzieht sich auf ihre Weise allerdings auch jedem gemeinsamen Gespräch, somit ist Streit bei der kleinsten Kleinigkeit vorprogrammiert. Mit dem Tagebuch beginnt Sophie ihre Vergangenheit und Gegenwart zu reflektieren und in kleinen Schritten in eine Zukunft zu gehen.

Rezension:

Ein Tagebuch ist kein ungewöhnliches Hilfsmittel, sich selbst zu reflektieren. Seine Gedanken, Gefühle aufzuschreiben fällt oft viel leichter, als sie bei einem Gespräch in Worte zu fassen. So rät auch Sophies Therapeutin dazu, ihr Trauma zu verarbeiten. Ein Schockzustand, in dem sie seit dem Tod ihrer älteren Schwester Emily lebt. Man weiß sehr schnell, dass die Schwester nicht durch eine Krankheit gestorben ist, sondern durch einen furchtbaren Unfall. Sophie glaubt, durch ihr ungeschicktes Verhalten in einer bestimmten Situation an dem Tod Schuld zu sein. Sieben Monate begleitet man Sophies Einträge und geht mit ihr ein Stück in die nicht immer leichte Vergangenheit und erlebt gleichzeitig die komplizierte Gegenwart. Eine Gegenwart, in der die junge Frau mit so vielem kämpfen muss: Die zermürbende Situation mit der Unnahbarkeit ihrer Mutter in Kombination mit der eigenen Unfähigkeit mit ihr ins Gespräch zu kommen. Das unsichere Miteinander mit den Schulkameraden und scheinbar bislang guten Freundinnen. Der eigene Wille, wieder „normal“ zu leben und sich zu verlieben. Die Geschichte lässt einen nicht mehr los, lange rätselt man, was überhaupt passiert ist und warum dieser offene Schnürsenkel der Grund für Sophies Schuldgefühle am Tod ihrer Schwester ist. Mit jeder Annäherung im Leben der
Gegenwart begegnet Sophie ein Stück offener der Vergangenheit. Ein Rückblick, der schmerzhaft aber auch heilend ist. Der Weg und Besuch des Hauses, in dem sie ihre Kindheit verbrachte, trägt mit dazu bei, die Erinnerungen an das dramatische Unglück hochkommen zu lassen und sich ihnen zu stellen. Damit erklären sich dem Leser viele Andeutungen, die die Geschichte hintergründig durchziehen. In einer ruhigen, ungeschönten und unter die Haut gehenden Sprache schreibt Sophie ihre Gefühle, Gedanken und Sichtweisen auf. Man begleitet sie in  kleinen Schritten aus ihrer Erstarrung und ihren Selbstvorwürfen. Es ist der Autorin in einem bis zum Schluss spannenden Plot gelungen, das Thema Traumaverarbeitung alles andere als spektakulär sondern mit sensiblem Einfühlungsvermögen zu beschreiben und trotzdem aufzurütteln. In ein furchtbares Unglück kann jeder von uns hineingezogen werden, doch keiner kann sich heute auch nur ansatzweise vorstellen, wie es danach weitergehen wird, wenn man zu den Überlebenden gehört. Dies hat Alice Kuipers am Beispiel der Tagebuchaufzeichnungen von Sophie eindrucksvoll und nachempfindbar beschrieben.

Die Protagonistin ist eine junge Frau und auch das Cover weist eher auf einen Roman für Mädchen. Es würde dem Buch insgesamt allerdings nicht gerecht werden, würde nur diese Zielgruppe es lesen. Die Übersetzung von Angelika Eisold Viebig trifft genau den Ton zwischen poetischer Sensibilität und beeindruckender Direktheit.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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