Sieben Minuten nach Mitternacht

Patrick Ness / Siobhan Dowd

Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell

Mit Illustrationen von Jim Kay

cbj, August 2011

216 Seiten, € 16,99

ab 12 Jahre

Inhalt:

Der elf Jahre alte Connor erlebt jede Nacht einenfurchtbaren Albtraum, den er aber niemandem erzählen will. Weder seinem Vater noch seiner schwer kranken Mutter und schon gar nicht seiner Großmutter. Sein Vater lebt mit seiner neuen Familie in den fernen USA, so kümmert sich Connor alleine um seine Mutter, der es nach vielen Therapien nicht besser geht. Eines Nachts entwickelt sich die Eibe vor Connors Fenster zu einem riesigen Monster, das zu ihm spricht und ihn einschüchtern will. Das Monster gehört jedoch nicht zu seinem Albtraum, sondern es ist das Leben selbst: uralt, wild, laut und weise. Zunächst zeigt Connor keine Angst vor dem Ungetüm, erst nachdem er weiß, dass er nach drei Geschichten des Eiben-Monsters seine eigene, wahre Geschichte erzählen soll, beginnt er sich zu fürchten. Connor weiß, dass seine wahre Geschichte sein Albtraum ist, vor dem er unglaubliche Angst hat. Die drei Erzählungen des Monsters begleiten Connor und begleiten ihn auf seinem schweren Weg des „Loslassen“, denn er weiß insgeheim, dass seine Mutter bald sterben wird, will dies aber nicht wahrhaben.

Rezension:

Patrick Ness hat aus den hinterlassenen Elementen der 2007 verstorbenen Siobhan Dowd eine wunderbare, nachdenkliche Geschichte entwickelt, in die man sich berührende Weise hineingezogen wird. Connors Albtraum handelt im Grunde von der Angst, seine schwer kranke Mutter, deren Tod immer absehbarer wird, loszulassen. Die drei Geschichten des Eiben-Monsters begleiten Connor auf dem schweren Weg, sich auf das Leben einzulassen und es nicht nur in einfachen schwarz-weiß, gut und böse – Einteilungen zu sehen. Connor erkennt, dass es eine Menge Farbnuancen gibt und die meisten Menschen irgendwo zwischen gut und böse liegen. Connors Mutter hat viele Therapien durchlitten und immer gekämpft. Als die letzte Therapie nicht mit dem gewünschten Erfolg anschlägt, weiß Connor insgeheim, dass seine Mutter nicht mehr lange leben wird. Er kann und will sich aber dieser Tatsache nicht stellen, was jede Nacht zu seinem furchtbaren Albtraum führt. Auch die Erwachsenen haben Hemmungen und Schwierigkeiten mit Connor offen über den Zustand der Mutter und ihren bevorstehenden Tod zu sprechen. So bewegen sich alle wie in einem Vakuum der Verdrängung und des Festhaltens. Trotz aller Traurigkeit ist es jedoch ein Buch, das nach Leben schreit. Der kurze, knappe aber ausdrucksvolle Schreibstil spricht junge Leser wie auch Erwachsene an; so dass jeder auf seine Weise etwas aus diesem Buch ziehen wird. Trotz der packenden Vielschichtigkeit verliert sich die Struktur an keiner Stelle. Die bewegende Atmosphäre der Monstergeschichten stimmen mit den Gedanken von Connor überein, die eine Spannbreite von Angst, Verzweiflung, Wut und Traurigkeit besitzen. Es ist für alle Menschen, egal welchen Alters, manchmal schwer, das Monster „Leben“ zu ertragen. Vor allem dann, wenn ein lieber nahestehender Mensch stirbt oder man sich auf den nahe bevorstehenden Tod einstellen muss. Doch man wird nur dann die Kraft und Freude für sein eigenes Weiterleben finden, wenn man es schafft, den anderen Menschen los- und gehen zu lassen, so furchtbar traurig und schmerzhaft dies auch ist. Patrick Ness ist es gelungen, hierfür einen Weg ohne jede moralische Belehrung und Sentimentalität, aber mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Trost zu zeigen. Die dunklen, perfekt unterstreichenden Illustrationen von Jim Kay;  mit ihren manchmal undeutlichen Schlieren, Klecksen und Spritzern Malereien und akzentuierten Zeichnungen, machen dieses Buch zu einem gesamtkünstlerischen Meisterwerk.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein Buch, dass jeder auf seine Weise im positiven Sinne durchleiden wird, dabei aber die Sehnsucht für das Leben gewinnt.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

 

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