Pampa Blues

Rolf Lappert

Hanser, Februar 2012

256 Seiten, € 14,90

ab 14 Jahre

 

 

 

Inhalt:

Ben, 16 Jahre alt, steckt in dem verlassenen Dorf Wingrode fest. Sein Vater ist verstorben, seine Mutter tingelt als Jazzsängerin mit ihrer Band quer durch Europa. Sie hatte die geniale Idee, dass Ben in der Gärtnerei seines Großvater eine Ausbildung machen soll, obwohl der viel lieber Mechaniker werden würde. Trotzdem bemüht sich Ben sehr und lernt fleißig, während er sich um seinen Großvater kümmert. Seine Fachkenntnisse kann er nicht mehr weitergeben, denn er hat sich in seine eigene Welt zurückgezogen und ist an Demenz erkrankt. Außer einer Tankstelle, einem Lebensmittelladen, einem Baggersee und einer Handvoll Menschen gibt es nichts in Wingroden. Maslow, der die Dorfkneipe führt, träumt davon, aus dem verschlafenen Nest eine berühmte Touristenattraktion zu machen. Eine mehr als gewagte Idee hat er auch schon, bei der ihm Ben mit seinem technischen Geschick helfen soll. Doch Ben hat andere Träume: Er will einen alten VW-Bus wieder startklar machen und damit nach Afrika fahren, wo sein Vater gearbeitet hat und starb. Maslow ist der große Visionär, der wie alle anderen, irgendwie an diesem Nest hängt. Bisher hat er die Dorfbewohnern finanziell unterstütz, nicht zuletzt, damit sie bleiben. Jetzt ist Maslow pleite und mit seiner Wahnsinns-Idee, dass in Wingroden ein Ufo gesichtet wurde, erhofft er sich Zulauf von Presse, Fernsehen und über Nacht einen nachhaltigen und finanziell lukrativen Bekanntheitsgrad des Ortes. Als die junge Lena auftaucht, glaubt Maslow, dass sie eine Reporterin inkognito ist und startet das Ufo-Projekt. Doch die Konstruktion wird in das Nachbardorf abgetrieben, mit ihm Jojo, der eigentlich das Ufo lenken sollte. Die Polizei kommt nun in den Ort, doch nicht wegen des Ufos, sondern weil ein Mord passiert ist. Und als wenn das alles nicht noch kompliziert genug wäre, verliebt sich Ben in die ältere Lena, die ihn auf die Probe stellt.

Rezension:

 „Glaubst Du eigentlich, dass dort oben Leben ist?“ – „Ich glaube nicht mal, dass hier unten leben ist.“

Ein schlichter Satz aus dem ersten Jugendroman von Rolf Lappert, der mit „Nach Hause schwimmen“ (Hanser, 2008)  und „Auf den Inseln des letzten Lichts“ (Hanser, 2010) im Erwachsenensegment bekannt wurde. Schlicht ist im Grunde auch die Geschichte und schlicht ist auch die Erzählweise, dennoch ist es ein sehr schöner Roman, den man in verschiedenen Gemütslagen durchlebt. Ruhig, klar und in einer direkten, bilderreichen Sprache erzählt Ben von seinem Leben in Wingroden. Er pflegt seinen demenzkranken Großvater, den er eigentlich nur von Ferienaufenthalten kennt und damit oft überfordert ist. Er macht dies verantwortungsbewusst und liebevoll, so gut er kann, und nimmt die seltenen Anrufen seiner Mutter resigniert und gefühllos entgegen, die ihm jedes Mal nur mitteilt, dass sie doch noch nicht nach Hause kommt. Ben ist in vielen Sachen und mit seinen Gefühlen unsicher, was mit 16 Jahren nur natürlich und nachvollziehbar ist. Aufgefangen wird er von den herrlich portraitierten Dorfbewohner, allen voran Maslow, der eine Mischung von schlitzohrigem Dorf-Mafiosi und finanzstarkem Visionär ist. Alle Dorfbewohner sind im Grunde abgewrackte Gestalten, die entweder nie aus diesem Nest hinausgekommen oder wieder zurückgekommen sind, aber totzdem einen liebenswerten Charme besitzen. Die kauzigen Originale sind lebensecht und man hat beim Lesen, ganz im Gegensatz zu den Protagonisten, förmlich den Drang, aus dieser Enge und Ödnis ausbrechen zu wollen. Man riecht den Dreck, den Staub und fragt sich, was die Dorfbewohner hier hält und wieso sie in dieser phlegmatischn Resignation erstarrt sind. Die Idee ist natürlich verrückt wie ausgekocht, mit einem künstlichen Ufo Wingroden zu einer touristischen Kultstätte verwandeln zu wollen. Es wäre eigentlich auch zu einfach, wenn es tatsächlich funktionieren würde. Doch mit dem Tod eines Dorfbewohners und dem damit verbundenen Mordverdacht hat der Autor der Geschichte eine geschickte Wendung gegeben. Obwohl die eigentliche Handlung in einem fast sachlichen Ton erzählt wird, bleibt man bis zum Schluss dran, denn sie hat trotz aller Unaufgeregtheit eine ausgeklügelte Intensität.

Lenas Einfall, wie sie Ben auf die Probe stellt sowie der Schluss sind mir ein wenig zu sehr auf „happy end“ ausgerichtet, was aber den überzeugenden Eindruck insgesamt nur wenig schmälert.

Eine unaufgeregte Geschichte in einer klaren Sprache, die dennoch intensiv ist.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

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