Unsere goldene Zukunft

Benny Lindelauf

Aus dem Niederländischen von Bettina Bach

Bloomsbury, 25. Februar 2012

464 Seiten, € 16,90

ab 12 Jahre

 

 

Inhalt:

Die Familie Boon lebt nach vielen Umzügen im Haus „Neun offene Arme“ in der Schlammbams Sahara, der Straße, die aus einem kleinen Dorf in Limburg an die Grenze zu Deutschland führt. Der Vater bekommt als fünfter Zigarrenkönig das Angebot Transportchef für den Zigarrenkaiser zu werden, was für die Familie ein gesichertes und festes Einkommen bedeuten würde. Doch der Vater ist, wie immer, sehr unsicher, ob er diese Herausforderung annehmen soll. Er will lieber eigenen Tabak anbauen und sein eigenes Geschäft damit ausbauen, was aber Omm Maij mehr als zweifelnd sieht. Genauso unsicher ist für Fing die Überlegung der Schulleiterin, ihr als Begabteste der Boon-Mädchen eine Ausbildung zur Lehrerin zu ermöglichen. Diese Erwägungen erledigen sich durch das Angebot des Zigarrenkaisers und seiner deutschen Frau, genannt Prüüszesche, dass sich Fing  gegen Geld um das Mädchen Liesl kümmern soll, die bei ihnen seit kurzem wohnt. Da Omm Maij das regierende Oberhaupt der Familie ist, muss sich Fing den Traum einer Lehrerausbildung aus dem Kopf schlagen. Fing rätselt, woher Liesl kommt und warum sie beim Zigarrenkaiser wohnt. Hinzu kommen merkwürdige Geräusche und geisterhafte Erscheinungen, die sich so schnell auflösen wie sie kommen. Als eines Tages Flugzeuge über das Dorf fliegen und die ersten Panzer auf der Schlammbams Sahara entlangrollen, sind auch in Limburg die Auswirkungen des Krieges nicht mehr zu leugnen. Der Vater glaubt zunächst noch, dass die Niederlande viel zu klein und unbedeutend für das Nachbarland Deutschland sind. Dass er sich hier aber irrt, muss die Familie leidvoll feststellen, als der Vater und seine Söhne wegen einer Nichtigkeit verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert werden. Ganz langsam beginnt Fing zu verstehen, warum Liesl sich beim Zigarrenkaiser wohnt und dass der Weg zur goldenen Zukunft ein sehr langer und schwerer werden wird.

 

Rezension:

Benny Lindelauf setzt mit diesem Buch die Geschichte der Familie Boon fort. Der erste Teil der Familiensage „Das Gegenteil von Sorgen“ erschien 2007 bei Bloomsbury und stand 2008 auf der Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Wie im ersten Buch der Familienerzählung lässt der Autor in einer unverkrampften, wunderbar lebendigen Sprache seine eigenartigen, teilweise schrulligen Charaktere erzählen. Die Sprache lebt von vielen Gefühlen, die sich kindlich naiv wie auch weise zeigen, ohne jedoch sentimental zu sein oder in einen belehrenden Ton zu verfallen. Der Autor schenkt jedem Protagonist ein unverwechselbares Gesicht, das sich im Laufe der Handlung immer mehr entfaltet und verändert. Besonders hervorzuheben ist die skurrile und familienbeherrschende Omm Maij, sowie der Vater (Papp), der eine Art Lebenskünstler ist und mit einer manchmal beneidenswerten naiven Leichtigkeit durchs Leben geht. Aber auch von der Erzählerin Fing, wie den beiden Schwestern, geht eine große Anziehungskraft aus. Den besonderen Charme der Sprache gilt sicher  der  stimmigen Übertragung des Limburger Dialekts in Ausdrücke des Öcher Platt durch Bettina Bach. Aachen und Limburg grenzen aneinander, daher ist die sprachliche Verwandtschaft sehr nahe. Für mich persönlich hat dieses Buch, (wie auch der erste Teil), nicht nur dadurch einen ganz besonderen Reiz, da mir das Öcher Platt, Limburg und der historische Hintergrund sehr nahe sind.

Benny Lindelauf hat dem zweiten Teil seiner Familiengeschichte eine vieldeutige, komplexe Handlung gegeben, die über weit mehr als über die die Judenverfolgung und den leidvollen Folgen des zweiten Weltkrieges wie auch über die damalige Diskrepanz zwischen Holländer und Deutschen erzählt. Die Figuren der etwas kauzigen, aber gerade deswegen so liebevollen Familie entwickeln sich im Laufe der Handlung und werden spürbar reifer. Sie hoffen, zweifeln, irren, lieben und müssen loslassen. Selbst die Leser, die das erste Buch der Familiengeschichte nicht gelesen haben, werden keine Probleme haben, mit der Familie und der Fortsetzung eins zu werden.

Hier erhält ein kleiner Teil eines nicht sehr großen Landes ganz viel Bedeutung – durch einen jungen, begnadeten Erzähler, der einen schwierigen Abschnitt Deutsch-Niederländischer Geschichte unkonventionell und unverkrampft entstaubt.

„Unsere goldene Zukunft“ (Originaltitel „De hemel van Heivisj“) erhielt in den Niederlanden 2011 den „Woutertje Pieterse Prijs“ und den „Dioraphte Jongerenliteratur Prijs“. Auf Auszeichnungen hierzulande darf man gespannt sein.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit dem Autor findet Ihr hier:

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