Elefanten sieht man nicht

Susan Kreller

Carlsen, März 2012

208 Seiten, € 14,90

ab 14 Jahre

 

 

 

Inhalt:

Die 13 Jahre alte Mascha verbringt wie jedes Jahr ihre Ferien bei ihren Großeltern. Diese leben in einer kleinen Siedlung, in der Jeder jeden kennt und vor allem Ruhe und penible Ordnung oberstes Gebot ist. Mascha ist oft alleine, denn die meisten Bewohner des kleinen Dorfes sind im Alter ihrer Großeltern. In Ermangelung Gleichaltriger hockt sie oft auf dem Spielplatz und hört ihre geliebte Musik. Daher freut sie sich, als plötzlich auf dem Spielplatz zwei Kinder auftauchen, auch wenn sie jünger sind. Der siebenjährige Max und seine zwei Jahre ältere Schwester Julia sind zunächst etwas abweisend und vor allem der kleine Max verhält sich merkwürdig. Als Julias Pullover hochrutscht, entdeckt Mascha große, blaue Flecke auf ihrem Bauch. Auch bei Max entdeckt sie großflächige Blutergüsse; manche sind schon älter, andere dagegen frisch. Mascha fragt ihre Großeltern, die Nachbarn und Bekannten, ob sie die Familie von Max und Julia kennen, ob ihnen schon einmal etwas aufgefallen ist. Doch alle wissen nur Gutes über die Brandners zu erzählen. Als Mascha die Kinder zu Hause besuchen will, wird sie Zeuge, wie Max brutal geschlagen wird. Mascha ist wütend, verzweifelt und will nur eins: Max und Julia vor weiteren Schlägen, gegen die sie sich nicht wehren können, zu schützen. Aber wie soll sie das angehen, alleine, wenn die Erwachsenen alles leugnen und nichts sehen wollen? Ein zufällige Entdeckung bringt Mascha auf eine folgenreiche Idee, die zeigt, dass es besser ist, etwas falsches zu tun, als gar nichts.

 

Rezension:

Die Autorin Susan Kreller schickt die Erklärung des treffend übersetzten Buchtitels vorneweg:

> „The elephant in the room“  ist eine englische Redewendung was übertragen bedeutet: „Großes Thema, dessen sich jeder bewusst ist, über das aber – aus Angst oder Bequemlichkeit – keiner spricht. <

Susan Kreller greift mutig für ihren beeindruckenden Debütroman ein brisantes Tabuthema auf, bei dem immer noch viel zu oft weggeschaut wird. Die dreizehnjährige Mascha ist die erzählende Protagonistin, die man durch ihre klare, ruhige Sprache sofort mag. Sie ist eine Einzelgängerin, oft alleine und liebt Musik. Vor allem Leonard Cohen, den sie durch ihren Vater kennen- und lieben gelernt hat. Diese Musik tröstet sie über vieles hinweg; ihre Einsamkeit, die Tatsache, dass sich ihr Vater seit dem furchtbaren Unfalltod ihrer Mutter immer mehr in die Arbeit vertieft und für sie unerreichbar ist. Dadurch wirkt sie reifer, überlegener was aber genau an dem Punkt endet, an dem sie im besten Sinne versucht die Kinder zu schützen. Mascha hat niemanden, mit dem sie sich reflektieren, austauschen kann, daher ist ihre Unüberlegtheit in Teilen verständlich. Die Gefühle von Wut, Verzweiflung, Ohnmacht aber auch wilde Entschlossenheit sind tief und bewegend herausgearbeitet. Genauso die unglaubliche Angst von Max und Julia, dass von den Gewalttaten ihres Vaters an die Öffentlichkeit dringen könnte, was die Übergriffe noch verschlimmern würde. Die Öffentlichkeit ist ein kleines Dorf, in der zwar jeder alles über den anderen weiß, aber sobald etwas aus dem Rahmen der geschniegelten Ordnung und Ruhe fällt, schaut man weg. Man sieht an dem Beispiel der spießigen, dörflichen Gemeinschaft, dass nicht nur in der Anonymität der Städte Gewalttaten an Kindern unbestraft geschehen, denn überall gibt Nachbarn, Lehrer, die etwas wissen, aber genauso schweigen. Die Erwachsenen gehen sogar so weit, dass sie durch das „schwierige Verhalten“ der Kinder einen Grund und Entschuldigung für die furchtbaren Schläge sehen, was betroffen und sprachlos macht.

Die helfende Lösung, die sich Mascha einfallen lässt, ist sicher nicht „richtig“, doch das soll sie auch gar nicht sein. Es erscheint fast unwirklich, wie lange Max und Julia, trotz Protest, unter ihrem „Schutz“ bleiben, doch vielleicht ist es dadurch zu erklären, dass sie ihre „Gefangenschaft“ manchmal tatsächlich auch als Befreiung spüren. Mascha will nur eines, nämlich die Kinder zu schützen und in ihrem Rahmen ist ihr das auch gelungen.

Die Geschichte hat kein Happy End, was konsequent ist. Aber sie rüttelt bewegend auf, nicht wegzuschauen und aktiv zu werden, auch wenn es unangenehm ist. Denn wegsehen bedeutet gleichzeitig sich schuldig zu machen.

Das beeindruckende Buch nimmt durch die authentischen, intensiv beschriebenen Figuren, der dichten Atmosphäre sowie der ungewöhnlichen Dialogform von der ersten Seite an gefangen und richtet sich an Jugendliche genauso wie an Erwachsene. – Und auch wenn die Protagonistin ein Mädchen ist, durchaus auch an Jungs.

Das Cover ist ausgesprochen perfekt und stimmig zur Geschichte.

Ein hervorragendes Debüt einer jungen Autorin, die man im Auge behalten sollte.

Sabine Hoß

Bewertung:

Ein Interview mit der Autorin findet Ihr hier:

 

 

 

 

 

 

 

 

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