Die Schattenträumerin


Janine Wilk

Planet Girl, Januar 2012

384 Seiten, € 14,95

ab 12 Jahre

 

 

Inhalt:

Die 13 Jahre alte Francesca fährt in den Weihnachtsferien zu ihrer Großmutter nach Venedig. Sie hat Francesca zu sich gebeten, weil sie mit ihr Wichtiges besprechen muss. Francesca hat keine Ahnung, was die Großmutter ihr mitteilen will, freut sich aber sehr darauf, den italienischen Teil ihrer Familie wiederzusehen. Nur selten ist sie in Venedig zu Besuch, da Francescas Mutter kein besonders gutes Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter hat. Dafür liebt Francesca umso mehr ihre Nonna und Venedig, auch wenn sie gerade hier immer von merkwürdigen Albträumen geplagt wird. Düster, nebelumhangen und mit dunklen Schatten begrüßt sie ihre zweite Heimat, passend zu den beängstigenden Nachricht, die ihr die Großmutter erzählt: Es liegt ein tödlicher Fluch über ihre Familie, der auch droht, Venedig untergehen zu lassen. Alles hängt von einem geheimnisvollen Buch ab, dass es zu finden gilt und den furchtbaren Fluch lösen kann. Während Francescas Großmutter Büchern nicht viel abgewinnen kann, liebt ihre Enkelin diese umso mehr. Zunächst glaubt Francesca der Erzählung ihrer Großmutter nicht ernsthaft, aber sie leidet unter schrecklichen Albträumen, in denen sie verfolgt wird. Die Suche nach diesem ganz bestimmten Buch wird für Francesca gefährlich, denn sie ist nicht die Einzige, die danach forscht.

 

Rezension:

Eigentlich ist Venedig die Stadt für geheimnisvolle und mysteriöse Geschichten und man wundert sich schon, dass nach „Herr der Diebe“ von Cornelia Funke (Dressler, 2000) und der „Merle-Trilogie“ von Kai Meyer (Loewe Verlag, 2001-2002) so lange kein Verlag (oder Autor) über die genannten Erfolge hinweg den Mut fand, diese Stadt als Kulisse für eine neue Geschichte zu verwenden. Thienemann scheint jetzt der Vorreiter für eine neue „Venedig“-Welle zu sein, denn nicht nur das vorliegende Buch bedient sich dieser Stadt, auch die Italienerin Moony Witcher startet den ersten Band ihrer neuen Reihe mit „Nina und das Geheimnis der Lagunenstadt“, (ebenfalls Thienemann/planet girl, Januar 2012) in der Stadt auf Stelzen.

In dem vorliegenden Buch „Die Schattenträumerin“ bindet die Autorin Janine Wilk geschickt historische Gegebenheiten in den Roman mit ein, die ohne zu langweilig oder aufgesetzt zu wirken, interessantes aus der Geschichte der „Serenisima“ erzählen. Der Prolog beginnt in der Vergangenheit und führt in das Venedig 1861, mit dem zweiten Kapitel wird die Handlung in der Gegenwart fortgesetzt. Die historisch belegte Familie der Medicis, die ursprünglich aus Florenz stammt, hat die Autorin mit ihren letzten Nachkommen als Grundlage gewählt. So trägt Francesca als einzige Enkeltochter den Nachnamen dieser geschichtsträchtigen Dynastie, auch wenn ihre Großmutter alles andere als begeistert drüber ist, dass ihre Enkelin aus diesem Grunde unehelich aufwächst. Der Familienzusammenhalt der Medicis ist eine wichtige Säule in diesem Buch. Obwohl es die üblichen Streitigkeiten, Eifersüchteleien gibt, zeigt die Familie ihre starke Bindung, wenn es drauf ankommt und notwendig wird. Da ist es nicht verwunderlich und entspricht dem Bild der typisch italienischen Familie, dass die Nonna, die Großmutter, mit ihrer dominanten Persönlichkeit eine besondere Ausstrahlung hat. Francesca mag man auf Anhieb, für eine Dreizehnjährige denkt und agiert sie allerdings manchmal reifer und erscheint daher nicht immer glaubwürdig. Die anderen Figuren erhalten leider nicht so viel Tiefe und bleiben eher oberflächlich.

Die spannend aufgebaute Handlung um die Suche nach dem geheimnisvollen Buch Necronomicon ist in einer leicht zu lesenden und gewandten Sprache geschrieben, die die Atmosphäre Venedigs im Winter bilderreich widerspiegelt. Es gelingt der Autorin, die überwiegend düstere Atmosphäre der Lagunenstadt wie auch der Protagonisten intensiv zu beschreiben, dass man auch im Sommer die Kälte zu spüren glaubt. Es ist nicht das sonnige Touristen-Venedig, dass man erlebt, sondern ein dunkles, nebliges, dass trotzdem eine ganz besondere Anziehungskraft besitzt. Ein „böses“ Buch, dass für Menschen (und/oder eine Stadt) eine Gefahr darstellt, ist in der Fantasy nun nicht wirklich etwas neues, trotzdem gelingt es Janine Wilk die Ambivalenz zwischen der Liebe zu Büchern von Francesca und der genauso starken Abneigung ihrer Großmutter gegen die Welt der Literatur klug und manchmal fast liebevoll zu verbinden. Die Spannung wird durch den dynamischen Aufbau durchweg gehalten und man legt das Buch nur ungern aus der Hand. Zum Ende der Geschichte gibt es einen durchaus gruseligen Höhepunkt in einer melancholisch-beklemmenden Stimmung, nicht zuletzt weil die realistischen Themen Tod und Krankheit neben der fantastischen Story ihre Bedeutung bekommen.

Eine spannende Fantasygeschichte in der düsteren, faszinierenden Kulisse Venedigs, die besonders durch die bilderreiche und atmosphärische Sprache geprägt ist. Wie so oft mit einer Protagonistin, von daher wird auch dieses Buch bevorzugt von Mädchen gelesen werden. Die verspielte Covergestaltung und Innenillustrationen sind stimmig und bekräftigen ebenfalls die weibliche Ziellesergruppe.

Sabine Hoß

Bewertung:

 

 

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